Gerichtsurteile Mann schlägt Kollegen - und nennt das Arbeitsunfall

Ein Kollege rammt dem anderen den Kopf gegen die Brust - ist das ein Arbeitsunfall? Zwei aktuelle Urteile zeigen: Es kommt darauf an.

Patient am Krankenwagen (Archivbild)
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Patient am Krankenwagen (Archivbild)


Um es vorwegzunehmen: Der Schlägertyp hat seine Strafe schon bekommen. Er hatte sich auf dem Rückweg von einer Baustelle mit den Kollegen gezofft, weil er mit offenen Fenstern fahren wollte. Alle hatten bei der Arbeit geschwitzt, es roch wohl übel in dem Transporter. Die anderen wollten aber Zugluft vermeiden.

Am Ende schlug er dem Fahrer mit der Faust ins Gesicht. Als der zu Boden stürzte, trat ihm der aggressive Kollege noch mit seinem Stahlkappenschuh gegen den Kopf. Dafür wurde der Täter später wegen vorsätzlicher Körperverletzung zu einer Geldstrafe verurteilt. Sein Opfer hatte eine Schädelprellung.

Vor Gericht hatte der hässliche Streit nun noch ein anderes Nachspiel. Der Geschlagene wollte, dass die Berufsgenossenschaft seine Schädelprellung als Arbeitsunfall anerkennt. Die lehnte ab: Mit der Arbeit selbst habe die Schlägerei nichts zu tun, denn nicht der Arbeitsweg sei der Grund für die Verletzung, sondern die "konfliktaffine Persönlichkeit der beiden Beteiligten".

Ohne Rückweg keine Prellung

Doch damit kam die Berufsgenossenschaft vor dem Landessozialgericht in Stuttgart nicht durch (Aktenzeichen: L 1 U 1277/17): Der direkte Heimweg von der Arbeit ist ebenfalls geschützt und kein Privatvergnügen. Ohne Arbeit kein Rückweg, und in diesem Fall: ohne Rückweg keine Schädelprellung.

Zeitgleich veröffentlichte das Gericht einen anderen Fall, in dem es auch um eine Prügelei am Arbeitsplatz ging. Diesmal allerdings wollte sich derjenige die Anerkennung eines Arbeitsunfalls erstreiten, von dem die Gewalt ausgegangen war.

Arbeitsunfall oder nicht?

Ausgangspunkt war der Streit zwischen zwei Lageristen. Zunächst schrien sich die beiden an, drohten einander, gingen dann aber ohne Schläge wieder auseinander. Eine halbe Stunde später beleidigten sie einander wieder. Schließlich platzte dem einen der Kragen, er rannte auf den Kollegen zu und rammte ihm seinen Kopf gegen den Brustkorb. Beide stürzten, der Angreifer brach sich einen Halswirbel, sein Gegner erlitt eine Rippenprellung.

Gestolpert oder hart gerempelt?

In der ersten Instanz wurde der Angriff tatsächlich als Arbeitsunfall eingestuft. Der aggressive Kollege behauptete nämlich, der Streit sei beendet gewesen. Er habe vielmehr einen Zuruf des Kollegen nicht verstanden und sei deshalb zu ihm hinübergelaufen. Dabei sei er unglücklich über eine Palette gestolpert.

Das Landessozialgericht sah das aber anders (Aktenzeichen: L 1 U 1504/17), schließlich hatten Zeugen ausgesagt, dass die Geschichte mit dem Sturz über die Palette nicht stimme. Ein Arzt begutachtete den Halswirbelbruch und kam zu dem Schluss: Nur mit Anlauf und Wucht sieht eine Verletzung am Ende so aus.

Zwar kann die "Klärung eines Disputes über betriebliche Pflichten durchaus auch im betrieblichen Interesse liegen", erläutert das Gericht sein Urteil. Darum sei es dem Angreifer aber eine halbe Stunde später "gar nicht mehr gegangen, sondern nur noch darum, dem Kollegen den Kopf in den Bauch zu rammen, um ihn so umzuwerfen". Damit habe er "den Schutzbereich der gesetzlichen Unfallversicherung verlassen".

mamk

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