Eklat in Stuttgart Zahnarzt lehnt Bewerberin wegen Kopftuch ab

"Wir stellen keine Kopftuchträgerinnen ein": Ein Zahnarzt aus Stuttgart hat eine muslimische Zahnarzthelferin abgelehnt. Nun entschuldigt er sich öffentlich.

Eine Frau mit Kopftuch auf einer Jobmesse in Berlin (Symbolbild)
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Eine Frau mit Kopftuch auf einer Jobmesse in Berlin (Symbolbild)


Dass Kopftuchträgerinnen schlechtere Chancen auf ihren Traumjob haben, hat eine groß angelegte Studie kürzlich gezeigt - doch nur selten geben Arbeitgeber dies auch offen zu. Anders bei einer Zahnarzthelferin in Stuttgart: Sie hat es nun schwarz auf weiß, dass sie mit ihrem Kopftuch nicht erwünscht ist.

Die erfahrene Zahnarzthelferin habe auf ihre Bewerbung hin eine eindeutige E-Mail bekommen, berichtet ihr Anwalt Bülent Döger. Darin heiße es: "Wir stellen keine Kopftuchträgerinnen ein und verstehen auch nicht, wie Bewerberinnen sich diese Toleranz vorstellen können."

Gegen diese Absage will Döger beim Arbeitsgericht nun Klage auf Entschädigung einreichen. Der Jurist beruft sich dabei auf das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz (AGG). Das ist seit zehn Jahren in Kraft und besagt, dass niemand im Arbeitsleben für Dinge benachteiligt werden darf, die mit seiner Arbeitsleistung nichts zu tun haben - neben dem Glauben etwa wegen seiner Herkunft, seines Geschlechts oder seines Alters.

"Formulierungen waren dumm und unpassend"

Der Stuttgarter Zahnarzt hat sich inzwischen auf seiner Webseite entschuldigt: Er habe die Bewerberin mit einer "unzureichenden und völlig falschen Formulierung abgewiesen", schrieb er. "Meine Formulierungen waren einfach dumm und unpassend. Ich kann nur hoffen, dass meine Entschuldigung angenommen wird." Politisch stehe er "weit weg von AfD und Neonazis".

Seine Klientin oder ihn als Anwalt habe bisher keine Entschuldigung erreicht, sagte Döger. Allerdings mache es der Stuttgarter Arzt mit seinem Erklärungsversuch, den er im Internet anführt, ohnehin nur schlimmer, sagte der Anwalt SPIEGEL ONLINE.

Der Zahnarzt schrieb, auch die Hygiene müsse bei der Frage, ob Kopftücher in Arztpraxen zulässig seien, bedacht werden. Dabei bezog er sich auf die Hygienestandards des Robert-Koch-Instituts, die erhöht worden seien, und auf die Zahnklinik der Universität Marburg, die Kopftücher aus Stoff in den klinischen Semestern aus hygienischen Gründen nicht mehr gestatte. Eine Bestätigung der Uni stand zunächst noch aus.

Hygieneargument "völliger Quatsch"

Das Robert-Koch-Institut teilte mit, seine Empfehlungen zu Krankenhaushygiene und Infektionsprävention gingen nicht speziell auf Kopftücher ein. Das Institut verwies stattdessen auf Tipps der Deutschen Gesellschaft für Krankenhaushygiene. Demnach ist das Tragens von Kopftüchern im medizinischen Bereich grundsätzlich unbedenklich, wenn sie enganliegend getragen, täglich gewechselt und heiß gewaschen würden. Im OP-Bereich hingegen seien Kopftücher verboten.

Der Stuttgarter Zahnarzt schließt Kopftücher bei seinen Mitarbeiterinnen hingegen ganz aus. Es könnten jedoch auch in seiner Praxis Einmal-OP-Hauben getragen werden, die die Haare ebenfalls verhüllten und religiöse Bedürfnisse erfüllten, schreibt der Arzt.

"Das ist völliger Quatsch", sagte hingegen Döger. Er kenne sowohl Kopftuch tragende Zahnarzthelferinnen als auch Zahnärztinnen. Die Hygiene anzuführen, sei eine fadenscheinige Schutzbehauptung des Arztes. Er könne sich nicht vorstellen, dass seine Mandantin so eine Entschuldigung annehme.

sun/dpa

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