Frag die Karriereberaterin Ich will mein Ding machen! Aber was ist das?

Auf einmal ist da dieses Unbehagen: Ist dieser Beruf wirklich meine Berufung? Von der Anwältin zur Schauspielerin, vom Manager zum Winzer - alles scheint möglich. Aber welcher Job ist der Richtige?

Manchmal fällt die Orientierung schwer
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Manchmal fällt die Orientierung schwer


Heike, 45, hat nie darüber nachgedacht, was sie wirklich will. Dass sie im Vertrieb arbeitet, "hat sich einfach so ergeben". Jetzt liest sie viel über Menschen, die sich selbst verwirklichen: Tischler, die Kinderarzt und Friseure, die Zugbegleiter werden. Sie will das auch und fragt: Wie finde ich bloß mein Ding?

Karriereberaterin Svenja Hofert antwortet:

Als Karrierecoach habe ich täglich mit Menschen auf der Suche nach ihrem beruflichen Glück zu tun. Alle wollen "endlich ihr Ding machen", nicht bloß ein Rad im Unternehmensgetriebe sein, Regisseur des eigenen Lebens werden.

Vorher haben sie festgestellt, dass sie ihre Entscheidungen nicht wirklich selbst getroffen haben: Sie sind Lehrer geworden, weil das in der Familie üblich war. Sie haben sich in der Industrie beworben, weil die Freunde das auch gemacht haben. Sie haben BWL studiert, weil die Studienzusage schneller da war als die für Jura.

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Hinter dem Wunsch nach "dem eigenen Ding" stecken veränderte Werte. Einen Job zu haben, der einem die Zugehörigkeit zur Gesellschaft und ein gutes Einkommen sichert, befriedigt nicht mehr. Es sichert einem nicht mal mehr Anerkennung. Bereits 30-Jährige zweifeln so an ihrer Karriere.

Das liegt sicher auch daran, dass Menschen heute früher erkennen, dass die Arbeitswelt nicht so zuckersüß ist, wie viele sich das vorstellen. Nach einigen Jahren im Job rücken neue Aspekte in den Vordergrund, der schicke Firmenname reicht nicht mehr. Man will entlang der eigenen Stärken und Motivationen arbeiten, sucht seinen Sinn. Der Wunsch danach wird auch gesellschaftlich angeregt. In individualistischen Kulturen wie der deutschen ist es ein positives Zeichen, sich selbst zu verwirklichen. Auch das spielt eine Rolle.

Stellen Sie sich auch die Schwierigkeiten vor

Was tun? Als Karrierecoach schaue ich mir zunächst einmal an, wo jemand steht. Stellen Sie sich einen langen Weg der Veränderung vor. Am Anfang steht "Weg von", am Ende "Hin zu". Wo stehen Sie, Heike? Gibt es nur etwas, was sie wegzieht oder ist bereits ein konkretes Ziel erkennbar? Je klarer das Ziel, desto leichter wird die Veränderung sein.

Ich erinnere mich an eine Kundin, die sich in einer Phase wachsender beruflicher Unzufriedenheit an ihren alten Traum erinnert hat, Physiotherapeutin zu werden. Das war ein klares Ziel. Auch den Weg dahin hatte sie sich ausgemalt, mit all den Schwierigkeiten und einer Vorstellung davon, was es bedeutet, noch mal eine Ausbildung zu machen und nicht nur zeitweise, sondern dauerhaft weniger zu verdienen.

Sich auch die Schwierigkeiten vorzustellen ist wichtig, denn Ziele allein reichen nicht. Neurowissenschaftler sagen sogar, dass eine schöne Vision kontraproduktiv sei: Alles ist so schön, dass man sich nicht mehr anstrengen muss. Das erklärt, warum so viele Traumbilder wie dem Bio-Bauernhof in der Toskana versanden: Das Ziel ist schön, aber wie man da hinkommt, mag sich keiner vorstellen. Wer sich verändern will, muss sich aber auch das ausmalen. In möglichst allen Details, Schwierigkeiten inklusive.

Manche Menschen können noch kein "Hin zu" denken: Sie suchen nach einem Ausweg aus der aktuellen beruflichen Situation, ohne eine Idee davon zu haben, was dieser sein könnte. Und auch die Reise in die Vergangenheit befördert keine geheime Leidenschaft hervor. Diese Menschen werden entweder erkennen, dass das Alte doch gar nicht so schlecht war oder sich auf eine längere Suche nach etwas Neuem einlassen müssen.

Vielleicht endet diese mit der Erkenntnis, dass das Alte nicht so schlecht waren. Heike, wenn Sie nie richtig unzufrieden war, sind Sie bisher sicher nicht auf dem total falschen Dampfer gefahren. Vielleicht fehlte einfach der Blick nach links und rechts, aus dem neue Leidenschaften erwachsen können. Einfach mal etwas Neues ausprobieren! Das ist mein Tipp an Sie. Das macht oft auch den alten Job wieder schön.



insgesamt 20 Beiträge
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trackingerror 30.05.2016
1.
Was wäre die Welt nur ohne Personaler, Karriereberater, Motivationstrainer, Social Competence Coaches & Co.?
gumbofroehn 30.05.2016
2. Wer einen Karriereberater braucht ...
... um zu erkennen, was "sein Ding" ist, der hat womöglich gar keins ... und sollte besser in seinem Nine-to-five-Bürojob bleiben. Die Scripted-Reality-Formate im Privatfernsehen sind voll mit Gestalten, die meinen, ihr Ding im Ausland oder in der Gründung eines Cafés (gerne auch in Kombination) machen zu müssen und dabei dann an den gleichen persönlichen Unzulänglichkeiten scheitern, die schon im Bürojob ein Problem waren.
malledoc 30.05.2016
3. Monty Pyton
Da wollte ein Buchhalter Dompteur werden. Der Coach hat ihn überzeugt, Buchhaltung mache ihn glücklicher.
noalk 30.05.2016
4. Einfach Sven hannawald fragen
Der hat i mer sein ding gemacht und war dann doch magersüchtig ausgebrannt .
frank57 30.05.2016
5. Aha
man gehört also nur zur Gesellschaft wenn man einen Job hat.....
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