Tätowiererin vs. Tattoo-Entferner Wie kriegen wir das Arschgeweih wieder weg?

Er zerstört, was sie schuf: Lydia Dilling ritzt bunte Bilder in die Haut ihrer Kunden. Bernd Kessler lasert Tattoos weg, ob Hakenkreuze oder Clownlippen. Im Jobdoppel erzählen eine Tätowiererin und ein Hautarzt von ihrer Arbeit.

privat

Die Haut einer Pampelmuse gleicht der des Menschen. Deswegen hat Lydia Dilling ihre Tätowierkünste anfangs noch auf Obst geübt. Ihr ist wichtig, dass sich ihre Kunden zeitlose Motive aussuchen. Aber wären alle so vernünftig, hätte der Münchner Hautarzt Bernd Kessler bald weniger Patienten: Er hat sich auf Tattooentfernungen spezialisiert. Einen schwarzen Anker eliminieren dauert fünf Sitzungen.

  • Tätowiererin Lydia Dilling, 29: "Manche Kunden schicke ich heim"

Die Tätowiererin: Geübt auf Pampelmusen
privat

Die Tätowiererin: Geübt auf Pampelmusen

"Bevor ich mich an Freunden oder Kunden versuchte, habe ich mich selbst tätowiert: eine kleine Hummel und einen Koalabären auf meinem Bein. Das hat super geklappt. Ich habe gespürt, wann der Schmerz anfängt, und konnte selbst bestimmen, wie lange ich tätowiere.

Seit neun Monaten bin ich Tätowiererin. Zwar habe ich immer gern gezeichnet, aber auch schnell gemerkt, dass die Konkurrenz im Tattoo-Geschäft groß ist. Deshalb habe ich zunächst eine illustratorische Ausbildung an der Bildkunst-Akademie in Hamburg absolviert. Das hat mich auf die tägliche Arbeit gut vorbereitet: Ich übte, Illustrationen anzufertigen und mit Farbe und Formen umzugehen.

Danach habe ich in einem Tattoo-Studio angefangen. Es gibt keine richtige Ausbildung zum Tätowierer, eine Zeitlang habe ich nur zugeschaut und von Kollegen gelernt. Das Tätowieren habe ich auf Pampelmusen geübt. Die Schale ist der menschlichen Haut ähnlich, so konnte ich ein Gefühl für die Tätowiermaschine bekommen.

Mal was anderes als das Unendlichkeitszeichen

Eine gute Freundin ließ sich als Erste von mir tätowieren. Ich war aufgeregt, natürlich wollte ich alles perfekt machen. Beim Tätowieren sollten nicht die Hände zittern. Deshalb habe ich am Anfang beim Linienziehen die Luft angehalten. Heute geht es mit etwas Routine viel leichter.

Mir ist wichtig, dass ich vor dem Termin mit dem Kunden bespreche, wie er sich das Motiv vorstellt, ob es in der gewünschten Größe umsetzbar ist und wie wir es auf der Haut anlegen wollen. Viele haben eigene Ideen. Ich mache Vorschläge und fertige eine erste Zeichnung an. Wenn sich ein Kunde nicht sicher ist, schicke ich ihn noch mal heim. Er sollte wissen, was er haben will. Immerhin hat er das Tattoo ein Leben lang.

Tätowieren sollte keine Fließbandarbeit sein. Im Moment wollen viele junge Frauen eine Feder, Pusteblumen oder ein Unendlichkeitszeichen, das zum Beispiel für unendliche Liebe steht. Solche Motive zieren aber mittlerweile sehr viele Frauenkörper wie auch modische T-Shirts und Pullis. Sie können schnell wieder aus der Mode kommen. Ich zeige Alternativen, die nicht schon jeder hat.

Meine Kunden frage ich nach Allergien oder Unverträglichkeiten, sie können auch einen Allergietest machen. Aber die meisten Menschen vertragen unsere Farben gut.

Ist jemand sehr unglücklich mit seinem Tattoo, besteht manchmal die Möglichkeit, es zu überdecken. Das ist oft nicht leicht. Das ältere Tattoo bleibt natürlich dunkel, wenn man ein neues Motiv darüber setzt. Deshalb muss das Cover-Up sehr viel größer oder viel dunkler sein. Aber mit dieser Methode konnten bereits viele alte Jugendsünden, wie Arschgeweihe aus den 90ern, erfolgreich verdeckt werden."

  • Hautarzt Bernd Kessler, 49: "Hakenkreuze auf der Stirn"

Der Hautarzt: Hautsache, es bleiben keine Narben
privat

Der Hautarzt: Hautsache, es bleiben keine Narben

"Schon nach meinem Medizinstudium habe ich mich mit der Entfernung von Tattoos beschäftigt. Ich war 1993 als junger Arzt bei der Bundeswehr in Hamburg. Zu mir kamen viele Soldaten aus Ostdeutschland, die noch mit rechtsextremen Zeichen tätowiert waren. Manche hatten sogar Hakenkreuze auf ihrer Stirn. Damals gab es die Lasermedizin von heute noch nicht, ich musste die Tattoos aus der Haut schneiden. Eine billigere Alternative war, die mit Tattoos durchzogene Haut mit Milchsäure wegzuätzen. Das gab aber heftige Narben.

Als ich meinen Facharzt machte und mich als Dermatologe, also als Hautarzt, spezialisierte, kamen die ersten medizinischen Laser auf den Markt. In meiner Praxis in München habe ich heute diverse Laser für die unterschiedlichen Farben von Tattoos. Die Lichtwellen gehen durch die oberen Hautschichten, bis sie auf die Tattoofarbe treffen. Dabei zerplatzen je nach Laser-Wellenlänge unterschiedliche Farbpartikel, die dann über das Lymphsystem des menschlichen Körpers abtransportiert werden - und das Tattoo verschwindet.

Einen schwarzen Anker kann man schon in fünf Sitzungen entfernen. Für große, bunte Tattoos brauchen wir eher 15 Sitzungen zwischen fünf und 20 Minuten. Alte Tattoos mit verblassten Farben lassen sich leichter entfernen als neue. Auch die Gefahr, dass danach Narben bleiben, ist dann wesentlich geringer.

Clownlippen und Ex-Freunde

Wer sich ein Tattoo entfernen lassen will, sollte eine Praxis suchen, die sich auf die Arbeit mit den Lasern spezialisiert hat. Prinzipiell braucht ein Dermatologe keine spezielle Ausbildung dafür, aber erfahrene Kollegen wissen besser, wie sie Tattoos behandeln müssen, damit sie ohne Vernarbung verschwinden.

Oft entferne ich Namen von Ex-Partnern - ob in rot umrundeten Herzen auf dem Oberarm oder klein und verschnörkelt im Bikinibereich. Auch auf Arschgeweihe werden unsere Laser immer öfter losgelassen. Neulich war eine Frau bei uns, die sich rote Lippen als permanentes Make-up hatte tätowieren lassen. Das Ergebnis sah weniger sexy aus, eher wie ein Clownmund, so dass die Frau ihre natürlichen Lippen zurück wollte.

Prinzipiell würde ich Tattoos nie verteufeln. Ich selbst habe mir vor 30 Jahren in Griechenland am Strand einmal ein Henna-Tattoo stechen lassen. Auch meinen Kindern würde ich ein kleines Tattoo erlauben, wenn sie es sich wünschen. Wichtig dabei: Das Tattoostudio sollte sich an die Tätowierfarbstoffrichtlinie halten, die die Qualität der Farben regelt.

Sich selbst sollte man fragen: Gefällt mir das Tattoo auch in 30 Jahren noch? Namen von Lebenspartnern oder politische Gesinnungen sind nur bedingt geeignet."

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 22 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
abby_thur 25.03.2015
1. Kommentar zum Thema
Das mit den roten Lippen ist zu herrlich :-D
Qual 25.03.2015
2.
Zitat: "Deshalb muss das Cover-Up sehr viel größer oder viel dunkler sein. Aber mit dieser Methode konnten bereits viele alte Jugendsünden, wie Arschgeweihe aus den 90ern, erfolgreich verdeckt werden." - no comment - (obwohl, irgendwie bezweifle ich, dass es viele verstehen)
bullet84 25.03.2015
3. Mit Sicherheit nicht!!!
Ich kann mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass es Bewerber, die ein Auswahlverfahren bestanden haben, geschweige denn Soldaten bei der Bundeswehr gibt oder gab, die ein Hakenkreuz auf ihrer Stirn tätowiert haben! Zu behaupten, dass unsere Armee so wenig Integrität mit der freiheitlich demokratischen Grundordnung aufweist ist schlichtweg unverschämt und zeugt von miserablen Quellen und mangelnder Recherche!! Woher nehmen Sie solche Räuberpistolen??
A_und_punkt 25.03.2015
4. Ach so, aha, naja ...
Wie lässt man sich bitte ein Henna-Tattoo "stechen"?! Die Dinger werden aufgemalt - sollte man als Hautarzt vielleicht wissen, schließlich verursacht da die Farbe häufig allergische Reaktionen. Oder geht der Doc da auch gleich mit'm Laser ran? :D
IntelliGenz 25.03.2015
5. die ersten
guetegeschalteten Laser, mittels denen man Taetowierungen entfernen konnte, kamen genau in dem Jahr von den USA nach Deutschland, in dem Herr Kessler sie noch nicht gekannt haben will. Im Jahr 1994 wurde sie von einem Facharzt / Dermatologen beschrieben. Zitat: " Raulin, Christian (1994) Interview des Monats - "Narbenfreie Entfernung von Tätowierungen mit dem Rubinlaser" Jatros Dermatologie 8: 6-7 " Die Methode war bereits in den USA seit mehreren Jahren bekannt ! Die Farbpartikel werden zudem nicht "UEBER DAS Lymphsystem abtransportiert", sondern IN DAS Lymphsystem HINEIN transportiert und dort abgelagert ! Ein kleiner, aber wichtiger Unterschied, der anscheinend die Laser-Prozedur verharmlosen soll !
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.