Tag des Workaholics Süchtig nach Arbeit? Ich?

Heute ist der "Tag des Workaholics". Klingt wie einer dieser Quatsch-Feiertage. Ist aber eine Gelegenheit, über den Stellenwert von Arbeit im eigenen Leben nachzudenken. Zu ernst? Keine Sorge, es ist auch Bikini-Tag.

Aus der Zeit gefallen: Der Kollege findet 12-Stunden-Arbeitstage normal (und raucht im Büro)
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Aus der Zeit gefallen: Der Kollege findet 12-Stunden-Arbeitstage normal (und raucht im Büro)

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"Hallo, mein Name ist Matthias, und ich arbeite." Versteht man nicht, oder? Die Parallele zu den Anonymen Alkoholikern: "Ich heiße Matthias, und ich trinke." Das Bekenntnis zur Sucht, mit dem man sich den anderen Süchtigen in der Selbsthilfegruppe vorstellt, um gemeinsam von der Droge loszukommen. Alkohol, Koks, was auch immer.

Sagt man: "Und ich kokse", ist ganz klar, was gemeint ist. Da gesteht jemand offen ein, dass er ein Problem mit der Droge hat. Dass er eben nicht jederzeit aufhören kann, wenn er nur will. "Und ich arbeite", das klingt überhaupt nicht nach Bekenntnis. Das ist Alltag für die meisten. Dass auch Arbeit zwanghaft sein kann, klingt irgendwie nach Nullerjahren und kommt uns kaum mehr in den Sinn.

Damit wir trotzdem mal dran denken, gibt es den "Tag des Workaholics", heute am 5. Juli. Einer von diesen Besinnungstagen, die auf irgendwas aufmerksam machen sollen, aber von denen es so viele gibt, dass es auch schon wieder wurscht ist. "Tag der Bratwurst" ist übrigens der 16. August.

Auf den 5. Juli fällt auch der "Tag des Bikinis". (Dazu machen wir nachher vielleicht noch eine Bildergalerie.) Auf Bikinis muss man nicht aufmerksam machen. Auf Workaholismus schon.

Denn an deutschen Arbeitsstätten protzt man noch immer mit dem eigenen Arbeitseinsatz. Auf die Frage, wie es einem geht, antwortet man standesgemäß: "Viel zu tun." Und ergänzt etwas im Stil von: "Habe gestern wieder bis elf über den Akten gehangen." Dagegen hört man praktisch nie: "Ich habe kaum zu tun. Passt mir gut. Ich komme bestens zurecht."

Das geht gar nicht. Schon strategisch nicht, denn dann lädt der Chef noch mehr Aufgaben bei einem ab.

Vor ein paar Jahren noch war es sogar ok, mit Überstunden zu kokettieren: "Unter 60 Stunden die Woche komme ich nicht raus." Damit präsentierte man sich als Leistungsträger. Inzwischen hat das ein wenig nachgelassen, seitdem das nur mittelhübsche Wort von der Work-Life-Balance die Runde macht. Wer so unbalanciert daherkommt, wird heute schief angesehen.

Ja, die Angeberei mit Überstunden scheint aus der Zeit gefallen zu sein. Ist die Lage deshalb besser? Kaum: Immer mehr Menschen fühlen sich überlastet, die Zahl der psychischen Erkrankungen und Burn-out-Fälle steigt.

Auch ohne Geprotze: Arbeit muss sein, oft viel und vom Privatleben entgrenzt. Ebenso unscharf ist die Grenze zwischen Arbeitnehmern, die mal eine Weile richtig ranklotzen müssen, und solchen, die tatsächlich süchtig sind nach der Arbeit.

Die typischen Suchtzeichen kann fast jeder an sich selbst beobachten - ab und zu, dann ist es noch kein Drama. Doch je mehr davon regelmäßig eintritt, desto eher sind auch Sie ein Workaholic:

  • Wenn Sie Überstunden sammeln wie Nato-Generäle ihre Uniformstreifen.
  • Wenn Sie regelmäßig mehr arbeiten als vereinbart, auch zu Zeiten, in denen andere Freizeit haben.
  • Wenn Sie glauben, dass Mittagspausen ein Zeichen von Schwäche sind.
  • Wenn Sie gedanklich von der Arbeit nicht mehr loskommen, auch privat nur vom Job reden.
  • Wenn Sie nur mit Entspannungshilfen auf andere Gedanken kommen, sei es Alkohol, Schlaftabletten, Süßigkeiten.

Dann könnten Sie schon ein Workaholic sein und damit handfest süchtig. Wie schätzungsweise 200.000 bis 300.000 andere Deutsche - es gibt weder verbindliche Definitionen noch harte Zahlen. Weil ja auch die Betroffenen es oft kaum merken: "Was denn eingestehen? Ich bin lediglich leistungsstark."

Aber das sind andere auch. Die trotzdem noch ein Familienleben haben, oder Freunde. Die sich nicht in ein paar intensiven Jahren auslaugen.

Tag des Workaholics, Tag des Bikinis: Vielleicht ist die Kombination ja doch sinnvoll. Den meisten Arbeitssüchtigen fällt es leichter zuzugeben, dass sie keine Bikinifigur haben.

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