Talent-Irrtümer Scheibenwischer? Wegwerfwindeln? Kein Bedarf!

2. Teil: Die Erfinderinnen von Wegwerfwindel und Scheibenwischer - wozu das?


DPA

Mary Anderson

1902, bei einem Winterurlaub in New York City, saß Mary Anderson in einer Straßenbahn, draußen schneite es, der Fahrer musste immer wieder aussteigen, um die Scheiben vom Schnee zu befreien. Er fuhr deswegen außerdem mit geöffnetem Fenster, es wurde kalt in der Bahn.

Zurück im warmen Heim entwickelte Mary Anderson einen Wischer, den man von der Innenseite der Straßenbahn betätigen konnte. So musste der Fahrer nicht mehr stoppen und aussteigen, drinnen blieb es warm. Anderson meldete 1903 ein Patent an und versuchte ihre Erfindung zu verkaufen - ohne Erfolg. Im Ablehnungsschreiben eines kanadischen Unternehmens hieß es, dass die Erfindung keinen großen kommerziellen Wert habe.

1920 lief Mary Andersons Patent aus. Das Auto begann sich erst allmählich als Massenprodukt durchzusetzen - und als Scheibenwischer zur Serienausstattung in den meisten Wagen geworden waren, hielt Anderson das Patent dafür schon länger nicht mehr.

Corbis

Marion Donovan

Marion Donovan war die Tochter eines Erfinders aus der Autoindustrie. Sie arbeitete in New York für die "Vogue", bevor sie heiratete, nach Connecticut zog und Kinder bekam. Etwa 1946 soll ihr beim Waschen der Sprösslinge eine bemerkenswerte Idee gekommen sein: die der modernen Windel.

Die Stoffwickel ihrer Kinder waren zu schnell voll und liefen ständig aus - sie war genervt. Mit ihrer Nähmaschine erschuf Donovan erst aus Duschvorhängen, später aus Fallschirmnylon einen "Boater", den sie ihren Kindern über die Stoffwindeln zog. Die hielten nun länger und die Babys hatten keinen Ausschlag mehr.

Donovan begann, ihre selbstgemachten "Boater" privat zu verkaufen - sie fanden reißenden Absatz unter anderen Müttern. 1951 meldete sie ein Patent an. Da die Herstellung aber umständlich war und nicht besonders einträglich, arbeitete sie auch an einer Einwegwindel aus Papier, die als Massenprodukt gedacht war. Den Prototyp bot sie mehreren Unternehmen an - aber die hielten die Serienherstellung für viel zu teuer.

Erst fast ein Jahrzehnt später griff der Ingenieur Victor Mills vom Industriegiganten Procter & Gamble Donovans Idee wieder auf: Er erkannte das Potential der Erfindungen, benutzte billigen Kunststoff, Krepppapier und Viskosefaser, heftete das ganze mit Sicherheitsnadeln zusammen und nannte das Gebilde "Pampers". Victor Mills verdiente damit ein Vermögen.


Christoph Kleinen: "Es ist tragisch für Mary Anderson und Marion Donovan: Sie hatten ihre Ideen zum falschen Zeitpunkt, nämlich zu früh. Die Erfindungen waren brillant, aber den Unternehmen fehlte der Mut, sie zu entwickeln. Vielleicht haben die Verantwortlichen hier nicht genau genug hingeschaut: Sie haben jedenfalls die Kosten für das neue Produkt nicht richtig gegen den Nutzen abgeschätzt."

insgesamt 35 Beiträge
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WolfHai 09.08.2012
1. Wichtig daher: Markt und Wettbewerb
Zitat von sysopCorbisDas gab's wirklich: Eine Plattenfirma, die den Beatles keinen Vertrag gab und eine Uni, die Einstein keine Stelle anbot. Was, wenn der Talentsucher die besten Bewerber nach Hause schickt? Eine kleine Sammlung gewaltiger Irrtümer bei der Auswahl künftiger Spitzenkräfte. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/0,1518,848567,00.html
Genau aus diesem Grunde sind Markt und Wettbewerb wichtig: nicht nur deshalb, weil es wirtschaftliche Höchstleistungen hervorbringt, sondern gerade damit nicht einzelne Menschen dem (Fehl-)Urteil/der Willkur eines einzelnen Monopolisten (meistens: einer gutmeinenden Behörde) ausgeliefert sind. In Deutschland ist z.B. eine solche Behörde die Stiftung für Hochschulzulassung (SfH), die über Studienplätze entscheidet, während in den USA die Hochschulen sich wettbewerblich um die besten Studenten bemühen. (Auch das Verfahren der USA hat seine Nachteile, aber jedenfalls ist man nicht vom Urteil einer einzelnen Behörde existentiell abhängig.) Da gäbe es sicher noch viele andere Beispiele. "Der Markt" ist eben nicht nur eine schreckliche anonyme Macht, sondern gibt oft (nicht immer) auch Menschen eine Chance, die nicht ins offizielle Raster passen.
eine-Meinung-unter-Vielen 09.08.2012
2. Habe mal einen interessanten Spruch ...
... aufgeschnappt: "Erstklassige stellen Erstklassige ein und Zweitklassige Drittklassige". Was passiert also, wenn ein Erstklassiger an einen Zweit- oder Drittklassigen gerät? - Genau! Selbst schuld, wenn ein Unternehmen angepasste Mitarbeiter sucht und nicht die wirklichen Leistungsträger. Letztere sind nicht selten "out-of-the-box". Wie sagte Einstein: "Probleme kann man niemals mit derselben Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind." Und genau das ist doch "out-of-the-box" ;-)
juchtenkäfer 09.08.2012
3. Scheinwelt
Zitat von WolfHaiGenau aus diesem Grunde sind Markt und Wettbewerb wichtig: nicht nur deshalb, weil es wirtschaftliche Höchstleistungen hervorbringt, sondern gerade damit nicht einzelne Menschen dem (Fehl-)Urteil/der Willkur eines einzelnen Monopolisten (meistens: einer gutmeinenden Behörde) ausgeliefert sind. In Deutschland ist z.B. eine solche Behörde die Stiftung für Hochschulzulassung (SfH), die über Studienplätze entscheidet, während in den USA die Hochschulen sich wettbewerblich um die besten Studenten bemühen. (Auch das Verfahren der USA hat seine Nachteile, aber jedenfalls ist man nicht vom Urteil einer einzelnen Behörde existentiell abhängig.) Da gäbe es sicher noch viele andere Beispiele. "Der Markt" ist eben nicht nur eine schreckliche anonyme Macht, sondern gibt oft (nicht immer) auch Menschen eine Chance, die nicht ins offizielle Raster passen.
Hier wird von dem Forumsteilnehmer eine Scheinwelt dargestellt. In der Wirklichkeit sieht es doch so aus: Wissen braucht man nicht, man muß nur emotional in die Gruppe passen. Das hat nichts mit Markt und Wettbewerb zu tun, die wirtschaftliche Höchstleistungen hervorbringen will. Heute werde viel eher Personen, die über den Tellerrand hinausschauen, in die "Ablage P" abgetan.
Wunderläufer 09.08.2012
4. Irren ist menschlich
Am besten für mich zu greifen sind die Beispiele von Fußballern: in einem Verein auf der Ersatzbank, bei der Konkurrenz dann Leistungsträger und Nationalmannschaft. Anders sieht es aus, wenn kein Team erforderlich ist , wie z.B. bei Autoren: hier gehören auch dazu Mut, Vermarktung, Gespür Zeitgeist etc. Auch dürfen evtl. vorhandene persönliche Animositäten nicht die Urteilskraft des "Scouts" beeinträchtigen
waldfee123 09.08.2012
5. penetrante...
...Werbung für irgendeinen Personalberater. Die Geschichten hat man alle schon mal gelesen, es sollten hier wohl in erster Linie die Methoden dieses Headhunters publiziert werden, oder?
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