Schattenseiten des Silicon-Valley-Booms Wenn der Lohn nicht fürs Essen reicht

Talia Jane arbeitet für ein Internetportal, ihr Gehalt wird von der Miete aufgezehrt. Als sie darüber schreibt, verliert sie den Job. Doch ihre Firma kann sich die Region selbst kaum leisten.

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Skyline von San Francisco: Die enormen Mieten machen mittlerweile auch Tech-Unternehmen zu schaffen
Corbis

Skyline von San Francisco: Die enormen Mieten machen mittlerweile auch Tech-Unternehmen zu schaffen


Vergangene Woche sorgte im Silicon Valley ein Tech-Investor namens Justin Keller für Empörung: In einem offenen Brief an den Bürgermeister von San Francisco beschwerte er sich, dass wohlhabende Menschen wie er durch den Anblick der großen Zahl Wohnungsloser belästigt würden.

Seine Probleme hätte Talia Jane wohl gerne. Die Bloggerin, deren Name ein Pseudonym ist, schrieb ebenfalls einen offenen Brief, und zwar an den Chef des Bewertungsportals Yelp, Jeremy Stoppelman. Darin klagte sie darüber, dass ihr als eine seiner Call-Center-Mitarbeiterinnen angesichts der enormen Mieten in und um San Francisco nicht genug Geld bleibe, um sich Lebensmittel und Fahrgeld leisten zu können.

Von ihrem Monatsgehalt von 1466 Dollar nach Steuern gingen alleine 1245 Dollar für die Miete drauf. Den Rest brauche sie für die Fahrtkosten zum 30 Kilometer entfernten Arbeitsplatz. Aus diesem Grund ernähre sie sich weitgehend von Reis und von Snacks, die die Firma ihren Angestellten kostenlos zur Verfügung stelle. Außerdem schrieb sie, dass sie nachts vor Hunger oft nicht schlafen könne.

Kündigung aus anderen Gründen

Die Reaktion ließ nicht lange auf sich warten. "Talia Jane" wurde , wie sie schrieb, gefeuert. Es folgte ein Shitstorm, durch den sich Stoppelman selbst schließlich genötigt sah, auf Twitter zu der Kündigung Stellung zu nehmen: Mit der Sache habe er persönlich nichts zu tun, er sei sich der enorm hohen Mieten und der finanziellen Belastung der Mitarbeiter allerdings bewusst. Und er behauptete, dass die Mitarbeiterin nicht wegen ihres Postings entlassen wurde.

Schon im vergangenen Oktober machte die kuriose Wohnsituation eines Google-Mitarbeiters die Runde. Statt eine Wohnung zu mieten lebt er in einem Truck auf dem Google-Parkplatz. Allerdings ist es nicht so, dass er sich das Leben im Valley nicht leisten könnte. Er verbringt nur extrem wenig Zeit zu Hause und war nicht bereit, dafür 1000 Dollar Miete im Monat zu bezahlen - wenn er denn eine sehr günstige Bude erwischt. Der Truck hat 10.000 Dollar gekostet, rechnete er vor, also habe er das Geld nach zehn Monaten wieder eingespart.

Für Talia Jane, die nach eigenen Angaben für die Yelp-App Eat24 arbeitete, bleibt nach der Kündigung zumindest ein Trost. Sie wurde über San Francisco hinaus bekannt und sammelte Spenden von mehr als 2000 Dollar ein. Allerdings wurde sie dafür auch auf Twitter und im Portal "Business Insider" stark kritisiert: Vielleicht fehle es ihr an Arbeitsmoral, ihr Schreiben sei weinerlich und weltfremd.

Ab nach Arizona, wo das Leben billiger ist

Die Diskussion um die Yelp-Mitarbeiterin zeigt auch, dass die astronomischen Mieten nicht nur für die mehr als 6000 wohnunglosen Menschen in San Francisco unerschwinglich sind, an denen sich Justin Keller stört.

Sie werden mittlerweile auch für Unternehmen wie Yelp zum Problem. Wobei es Yelp ohnehin gerade schlecht geht. Der Aktienkurs des einstigen Börsenlieblings hat seit 2014 um 80 Prozent an Wert verloren. Allein seit Jahresbeginn ging es mehr als 30 Prozent bergab - unter anderem, weil Yelp die Konkurrenz von Google-eigenen Diensten, Facebook und Amazon vermehrt zu schaffen macht.

Um auch weiter Angestellte zu finden, die Kundenservicejobs zu Einstiegsgehältern wie dem von Talia Jane übernehmen können, will Stoppelmann den Kundendienst nun von San Francisco weg verlagern - ins deutlich billigere Arizona.

Andere Silicon-Valley Unternehmen dürften ihm bald folgen.



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insgesamt 48 Beiträge
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Seite 1
kasam 25.02.2016
1. Wer sich solchen Lebensstyl unterwirft, der
hat diesen Lifestyle gewählt. Der Mensch hat einen eigenen Willen und kann NEIN sagen. Wenn er das tut, gehört zwar nicht mehr dem erlauchten Kreis an, hat aber dann die Chance , ein selbst bestimmtes Leben zu führen. Vorausgesetzt, er will es.
JaIchBinEs 25.02.2016
2. 10 Jahre nach den USA
Ich habe mal gehört, das wir alles (nach WK II) von den USA "erben" - mit 10 Jahren Abstand. 1000$ Miete für eine Person? Das ist selbst mir als Besserverdienender zu hoch. Über den Sinn als Nur-Schlafstätte habe ich auch schon bei Voll-Job-Zeiten nachgedacht. Z.B. mit einem Wohnmobil könnte man dem Projekt/Job leicht hinterherziehen. Die Wanderarbeiter in China sollen ja teilweise in Pappkartons hausen.
53er 25.02.2016
3. Diese durchgeknallten
Silicon Valley Akteure glauben, dass sie die Welt retten können, durch ihre Über-Technik. Doch lohnt es sich überhaupt noch, eine Welt zu retten die durch eine solche "Glaubensleere" zurechtgebogen wurde? Sie unterscheiden sich in keinem Punkt von vielen anderen Unternehmen, nur dass sie noch viel rücksichtloser und für alle sozialen Belange noch blinder agieren. Von der nächsten Generation hatte ich mehr Hirn erwartet.
mielforte 25.02.2016
4. Geht der Glaube verloren,
rutscht das ganze System nach. Der Yellow Stone muss nicht mehr kollabieren, es geht auch ohne ihn...
fin2010 25.02.2016
5. wenn der Lohn in der teuersten USA Ecke nicht zum Leben reicht
dann muss man sich einen besser bezahlten Job suchen oder einen in einer billigeren Ecke des Landes. Jammern ist dabei keine Lösung.
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