Verkäuferin mit wenig Geld So kommt man in München mit 2367 Euro brutto über die Runden

Täglich acht Stunden auf Schicht, plus Samstagsdienst: Verkäufer haben einen Knochenjob, aber verdienen so wenig, dass sie nichts sparen können. Ab August gibt es 2,5 Prozent mehr Geld. Entspricht einem Einkauf beim Discounter.

Modeverkäuferin Polixeni Bakaleri kann von ihrem Verdienst keinen Cent sparen
DPA

Modeverkäuferin Polixeni Bakaleri kann von ihrem Verdienst keinen Cent sparen


Nur das Kindergeld ist tabu. Die 184 Euro monatlich legt Polixeni Bakaleri, 47, seit der Geburt ihres Sohnes sofort zur Seite: damit der einmal ein finanzielles Polster hat. Das restliche Einkommen, das die Verkäuferin Vollzeit bei einer großen Modekette verdient, geht vollständig für den Lebensunterhalt drauf. Miete, Strom, Heizung, Lebensmittel, Versicherungen - nirgendwo sonst in Deutschland ist das Leben so teuer wie in München.

Eine Woche Früh- , eine Woche Spätdienst, freie Samstage gibt es selten. Bakaleri arbeitet Schicht und bekommt dafür 2367 Euro brutto überwiesen. Davon werden noch Sozialabgaben und Steuern abgezogen. Die gebürtige Griechin ist eine der rund drei Millionen Beschäftigten im deutschen Einzelhandel, die sehr wohl merken, wenn am Ende des Monats 50 Euro mehr Lohn im Portemonnaie sind. Das ist immerhin ein Wochenendeinkauf beim Discounter.

Nach dem Durchbruch in dem monatelangen Tarifstreit kann sie sich nun auf spürbar mehr Geld freuen: 2,5 Prozent in diesem und nochmals zwei Prozent im nächsten Jahr, steht im neuen Tarifvertrag. Nach diesem Pilotabschluss für den Einzelhandel vergangene Woche in Baden-Württemberg ziehen fast täglich weitere Bundesländer nach. Am Ende der Woche haben jetzt auch die bayerischen Tarifpartner unterschrieben.

Nur noch eine Herdplatte geht

Besonders in einer teuren Stadt wie München, wo die Miete einen Großteil des Einkommens verschlingt, reichen die Einkommen aus Sicht der Dienstleistungsgewerkschaft Ver.di vorne und hinten nicht. "Wer mit dem Gehalt einer Verkäuferin in München auskommt, ist schon eine absolute Lebenskünstlerin", sagte Victoria Sklomeit von Ver.di, bevor die dritte Runde der Tarifverhandlungen begann. Von diesem Lohn eine Familie zu ernähren oder eine Alterssicherung aufzubauen, sei nahezu unmöglich.

Das kann die Mode-Verkäuferin Bakaleri bestätigen. Obwohl auch ihr Mann Vollzeit als Haustechniker arbeitet, ist das Geld in der dreiköpfigen Familie knapp. Sohn Vasili hat im vergangenen Jahr Abitur gemacht, wohnt aber noch zu Hause, weil er noch auf einen Studienplatz wartet. Zum Glück zahlt die kleine Familie für Drei-Zimmer-Küche-Bad nur 780 Miete. Warm. "Ich wüsste nicht, wie ich 1000 Euro zahlen sollte", sagt die Mutter Bakaleri.

Fotostrecke

3  Bilder
Jobs im Alter: Warum Rentner arbeiten müssen oder wollen
Einen neuer Staubsauger, eine neue Kaffeemaschine, ein Markenhandy, das ist für die Bakaleris Luxus. Schon seit Monaten ist der Herd defekt, nur eine der drei Kochplatten funktioniert noch. Geld für einen Neuen ist aber gerade nicht da. "Es muss auch so gehen", sagt Bakaleri. Ersparnisse hat die Familie nicht. "Wovon soll ich sparen?" Schließlich ist am Ende des Monats kein Geld mehr da.

In dem monatelangen Tarifstreit war die Altersvorsorge deshalb eines der wichtigsten Argumente der Gewerkschaft. Die meisten Beschäftigten im Einzelhandel seien akut von Altersarmut betroffen, sagte der bayerische Ver.di-Verhandlungsführer Hubert Thiermeyer. "Ihre Gehälter reichen oft nicht aus, um im Alter über die Grenze der gesetzlichen Grundsicherung hinauszukommen."

Auch Bakaleri engagiert sich in der Gewerkschaft, um für höhere Löhne zu kämpfen. Sie saß zeitweise in den Verhandlungen mit den Arbeitgebern mit am Tisch. "Weltfremd", so hörte sie dort zum Auftakt der Verhandlungen, seien die Forderungen der Gewerkschaft von 5,5 Prozent mehr Lohn angesichts der schwierigen Lage des Einzelhandels.

Ein Umzug in eine andere Stadt, wo die Lebenshaltungskosten niedriger sind, kommt für die Verkäuferin aber nicht infrage. Seit 40 Jahren lebt sie in der bayerischen Landeshauptstadt und hat dort eine neue Heimat gefunden: "München ist meine Stadt."

Daniela Wiegmann, dpa/sid

Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 326 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
andere Hobbys 18.07.2015
1. Kann ich nicht so richtig nachvollziehen.
Zwei Gehälter. Miete 780 Euro warm. Reparaturen sind nicht drin. Was passiert mit dem Geld ?? 1500 Euro hat Sie doch bestimmt raus. Dann noch das Gehalt des Mannes dazu.
proeuropa 18.07.2015
2. Umverteilung von oben nach unten ist dringend angesagt!
Wenn internationale Konzerne weiterhin in D keine Steuern zahlen, unter wiedrigen Bedingungen in Sri Lanka, Bangladesh und Co produzieren lassen um dann noch ihre Verkäufer auszubeuten werden diese Beispiele häufiger werden. Und zwar weltweit! Schuld sind in D Angela und Co! abwählen!
PowlPoods 18.07.2015
3. Tja
wenn denn ein Umzug nicht in Frage kommt, dann muss man halt bluten. Wo ist hier der Sinn in dem Bericht? So geht es Millionen in Deutschland. Wer unflexibel ist, den bestraft das Leben.
kylling19 18.07.2015
4. Und was ist jetzt der Geldfresser?
Wenn es trotz Münchner Verhältnisse die Miete nicht ist? Bei 2.400 € bleiben bei Steuerklasse I ohne Kinder (was hier ja nicht zutrifft) ca. € 1.600,00 netto über. Bei Steuerklasse III sind es ca. € 1.800,00. Der Mann verdient ebenfalls in einem Vollzeitjob, die Miete ist mit € 780,00 warm nicht, aber nun auch nicht aufsehenderregend. Ich kann nicht erkennen, weshalb die Anschaffung/Reparatur eines Herdes monatelang aufgeschoben werden muss. Es wird ja wohl kaum um ein € 3.000-Miele-Gerät gehen. Damit will ich der Familie nicht zu nahe treten, ich würde es nur gern anhand weiterer Zahlen verstehen. Was ist denn jetzt der München-Faktor, wenn gerade bei der Beispielsfamilie die Miete moderat ist?
klausbrause 18.07.2015
5.
Zitat von andere HobbysZwei Gehälter. Miete 780 Euro warm. Reparaturen sind nicht drin. Was passiert mit dem Geld ?? 1500 Euro hat Sie doch bestimmt raus. Dann noch das Gehalt des Mannes dazu.
Sehe ich auch so. Übrigens-es gibt nichts Schöneres als anderen, möglichst schlechter gestellten Mitmenschen, vorzurechnen, dass sie sich mal nicht so haben sollten. Bei dieser Gelegenheit habe ich mal nachgerechnet, wie man so mit 650 Mio Euro jährlich über die Runden kommen soll. Und was soll ich Ihnen sagen: Das ist knapp, verdammt knapp.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.