Job-Umfrage Deutsche wollen sechs Stunden pro Woche weniger arbeiten

Wie wollen die Deutschen leben und arbeiten? Eine Umfrage zeigt, wovon die Bundesbürger träumen - und wie die Wirklichkeit aussieht.

Berufstätiger Vater nach Feierabend (Symbolbild)
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Berufstätiger Vater nach Feierabend (Symbolbild)

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Wunsch und Wirklichkeit klaffen oft weit auseinander, auch im Büro. Dort lässt sich die Kluft sogar recht genau bemessen, zumindest wenn es um die Arbeitszeit geht: Sie beträgt 6 Stunden und 18 Minuten. Das hat eine Umfrage der Körber-Stiftung ergeben, die SPIEGEL ONLINE vorab vorlag.

Demnach arbeiten die Befragten im Schnitt 37,6 Stunden in der Woche. Sie wünschen sich aber, nur 31,3 Stunden zu arbeiten. Bei Männern ist die Diskrepanz zwischen Wunsch und Realität sogar noch größer, wie die interaktive Grafik zeigt.

Ob sich alle Befragten bewusst sind, dass mit weniger Arbeit automatisch auch weniger Geld verbunden ist, geht aus der Untersuchung nicht hervor. Meinungsforscher haben erst im Juli darauf hingewiesen, dass Umfragen zur Arbeitszeit wohl auch deswegen gelegentlich zu widersprüchlichen Ergebnissen führen.

Im Auftrag der Körber-Stiftung hat das Meinungsforschungsinstitut Forsa im Oktober dieses Jahres 1701 zufällig ausgewählte Bundesbürger zwischen 18 und 65 Jahren zu ihren Vorstellungen von Arbeit und Rente und zu ihren Zukunftsaussichten befragt.

Versuchen Sie doch mal ein paar Stunden weniger

Dabei kam auch heraus, dass fast zwei Drittel aller Arbeitnehmer oft Überstunden schrubben müssen. 13 Prozent der Befragten arbeiten fast jeden Tag länger als geplant, bei 21 Prozent ist das mehrmals pro Woche der Fall, bei 25 Prozent ein- bis zweimal in der Woche.

Immerhin: 85 Prozent der Arbeitnehmer sind zufrieden oder sogar sehr zufrieden mit ihrem derzeitigen Job. Mit einzelnen Aspekten ihrer Arbeit hadern aber durchaus einige Befragte. Die Mehrheit hätte es gern leichter, sich im Beruf weiterzuentwickeln und aufzusteigen. Auch mit ihren Möglichkeiten, von zu Hause zu arbeiten, sind viele Arbeitnehmer unzufrieden.

Apropos Aufstieg: Die meisten Firmen tun sich weiterhin sehr schwer damit, ihre Führungsjobs flexibel zu gestalten. Nur jeder dritte Arbeitnehmer beobachtet, dass Teilzeitkräfte in seiner Firma auch Führungsaufgaben übernehmen. Das Reduzieren der Arbeitszeit kommt also oft einer beruflichen Sackgasse gleich.

"Es gibt einfach immer noch zu wenige Vorbilder", sagte Andreas Geis von der Körber-Stiftung. "Deshalb können es sich viele Verantwortliche nicht vorstellen, wie Führungsjobs in Teilzeit funktionieren können."

Die meisten Befragten bedauern das und finden, dass Teilzeitkräfte in Unternehmen auch die Aufgaben eines Chefs übernehmen können sollten. Nur die männlichen Erwerbstätigen stehen dieser Frage mehrheitlich skeptisch gegenüber.

Wären Firmen lockerer mit Teilzeitregelungen, hätten wahrscheinlich weniger Arbeitnehmer ein Problem damit, Familie und Beruf zu vereinbaren. In der Umfrage berichtete gut die Hälfte der Arbeitnehmer (53 Prozent), deren Kinder jünger als 16 Jahre sind, von einigen oder sogar großen Problemen.

Frauen kämpfen damit etwas häufiger: 58 Prozent haben mehr oder weniger große Schwierigkeiten, alles unter einen Hut zu bekommen - meist wegen zu langer oder ungünstiger Arbeitszeiten.

Auch bei der Frage, wer arbeitet und wer zu Hause bleibt, besteht eine große Diskrepanz zwischen Wunsch und Alltag. Das Modell, das auf den größten Anklang bei Frauen wie Männern stößt, sieht so aus: Beide reduzieren ihre Arbeitszeit und kümmern sich gleichermaßen um Haushalt und Kinder. 39 Prozent der Befragten bevorzugen diese Arbeitsteilung.

Gelebt wird sie allerdings nur in vier Prozent aller Familien. In sechs von zehn Familien arbeitet der Mann Vollzeit und die Frau wuppt neben ihrem Teilzeitjob den Haushalt und kümmert sich um die Kinder.

In einem waren sich Männer wie Frauen allerdings sehr einig: Praktisch niemand wünscht sich ein Familienleben, in dem der Mann komplett zu Hause bleibt und Kinder und Haushalt allein betreut. Ebenfalls extrem wenige Befragte finden es gut, wenn die Frau Vollzeit arbeitet und der Mann neben einem Teilzeitjob den Haushalt schmeißt. Eine Umkehrung der traditionellen Rollenverteilung zeichnet sich also keineswegs ab.

Die Körber-Stiftung stellt die Ergebnisse der Umfrage an diesem Donnerstag auf ihrer Konferenz "Arbeit, Rente, unversorgt? Was uns übermorgen erwartet" vor. Zum Livestream der Veranstaltung geht es hier (Start 10.30 Uhr, bis 16 Uhr). Das Programm finden Sie hier.

Grafik: Guido Grigat

insgesamt 133 Beiträge
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Seite 1
geirröd 01.12.2016
1. Eine weitere Variante..
..die zu Betrachten wäre: Nicht nur die tägliche Arbeitszeit, sondern eventuell auch die Wochenarbeitszeit bzw. die Anzahl der Arbeitstage. Ich würde es zum Beispiel bevorzugen täglich länger zu arbeiten, um dann z.B. drei freie Tage zu haben (vielleicht Freitags frei oder Montags zusätzlich zum Wochenende) Eine Vier-Tage Woche könnte es auch ermöglichen Arztermine, Behördengänge etc. zu erledigen.
forumgehts? 01.12.2016
2. Wenn
ich wirklich hätte frei wählen können, so hätte ich überhaupt nicht abhängig gearbeitet sondern hätte mir die Welt angeschaut. In der Realität habe ich über 30 Jahre lang mindestens 50 Stunden pro Woche gearbeitet. Die Tätigkeit hat aber vZzZ wenigstens Spass gemacht. So, und sobald es noch etwas wärmer wird, vergnüge ich mich draussen mit Gartenarbeit.
weltretter1 01.12.2016
3. och ja ...
warum eigentlich nicht mehr flexible Teilzeitführungsjobs mit Home Office und 18 Std.-Woche und 87 Urlaubs-/Feier- und Brückentagen bei höchstmöglicher Dotierung und minimaler Verantwortung - und einer schönen Kinderkrippe im Unternehmen und nicht zu hohen (am Ende auch noch kapitalistischen) Zielen. Ach, Michl, das Leben besteht nicht nur aus Diskussionen, Straßenfesten und Grillabenden ....
bidebotchi 01.12.2016
4. Ich habe es noch nie verstanden
Wir leben angeblich in einem der fortschrittlichsten Länder der Erde. Wenn und dieser Fortschritt aber keine kollektive Erleichterung in Form von mehr Freizeit und weniger Arbeitszeit ermöglicht, was ist er dann überhaupt wert? Dieses System gehört dringend reformiert.
interessiertermensch 01.12.2016
5. Tja
wenns immer nach Wunsch gehen würde... ein paar Bekannte werden gerade von der glorreichen Vergangenheit eingeholt. In der Jugend die Welt sehen, Indien, Afrika etc. Jetzt reicht die Absicherung vorn und hinten nicht. Es muss gearbeitet werden bis ins hohe Alter. Da strecke ich mich dann aus. Schlau?
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