Zehn Tipps So kommen zurückhaltende Bewerber ans Ziel

Schüchterne Menschen halten sich selbst oft für Mängelexemplare. Dabei müssen sie nur ihre Stärken kennen, um Maulhelden schnell abzuhängen. Zehn Trümpfe, die Introvertierte im Bewerbungsgespräch ausspielen können.

Bewerbungsgespräch
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Von Karrierecoach


  • Trumpf 1: Erfolg durch Analyse!

Zurückhaltende Menschen sind oft stark im Analysieren, fragen Sie sich: Wie war ich bislang beim Bewerben erfolgreich? Diese Fährte führt zu unbewussten Erfolgsstrategien. So bemerkte ein Versicherungsjurist: "Bei meinen letzten Stellenwechseln wurde ich immer angesprochen. Mal hat mich ein Ex-Kollege empfohlen; mal war eine Firma durch einen Fachaufsatz auf mich gekommen; und mal war ein Headhunter über Xing auf mich gestoßen."

Tun Sie mehr von dem, was bisher funktioniert hat! Der Versicherungsjurist schrieb ein halbes Dutzend Aufsätze. Die Links dazu verschickte er an Branchen-Kollegen. Und bei Xing ergänzte er aktuelle Schlagwörter, die er in Stellenausschreibungen ausgemacht hatte und nach denen Headhunter in seiner Branche suchten. Bald lagen ihm mehrere Anfragen vor!

  • Trumpf 2: Seien Sie beharrlich!

Erklären Sie Ihre Bewerbung zu einem Projekt, das Sie bis zum Erfolg fortführen. Beharrlichkeit ist eine Spezialität vieler zurückhaltender Menschen. Nehmen Sie sich vor, welche Stellenmärkte Sie durchforsten, wen Sie ansprechen und wie viele Bewerbungen Sie pro Monat oder Quartal schreiben (lieber wenige, aber in hoher Qualität).

Eine zurückhaltende Pharmavertreterin schrieb ein Jahr lang jeweils zwei Bewerbungen pro Monat, ehe sie mit der 25. Bewerbung bei einer Firma in der Alternativmedizin erfolgreich war. Heute sagt sie: "Gut, dass ich am Ball geblieben bin, sonst wäre ich hier nie angekommen. Die Alternativmedizin und diese Firma passen perfekt zu mir. Deshalb fiel es mir leicht, im Vorstellungsgespräch zu überzeugen." Ausdauer bringt Sie ans Ziel!

  • Trumpf 3: Empathie hilft bei der Vorbereitung

Viele introvertierte Menschen sind einfühlsam. Versetzen Sie sich in den Anbieter der Stelle: Warum gerade jetzt? Was erhofft er sich? Und was befürchtet er? Ein sensibler Herstellungsleiter fand heraus, dass der letzte Stelleninhaber wegen Schmiergeld über Nacht entlassen worden war. Seit drei Wochen war die Position unbesetzt. Also wusste er: Die Firma würde einen seriösen Kandidaten wünschen, der schnell verfügbar war.

Er sammelte Belege für seine Seriosität, unter anderem hatte er an Compliance-Regeln mitgearbeitet, und zitierte entsprechende Komplimente seines Vorgesetzten, was ihm deutlich leichter fiel, als sich selbst zu loben. Zudem bot er an, Resturlaub zu nutzen, um früher anzutreten. Damit traf er perfekt die Bedürfnisse seiner Gesprächspartner.

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  • Trumpf 4: Lassen Sie Ihre Unterlagen sprechen!

Die beste Waffe vieler extrovertierter Menschen ist ihr Mund. Introvertierten dagegen kommt meist die Schriftform entgegen. Das trifft sich gut, denn ob Sie ins Vorstellungsgespräch eingeladen werden, hängt allein von Ihren Unterlagen ab. Nutzen Sie Ihre Schreibstärke! Formulieren Sie ein Anschreiben, in dem Sie drei Gründe nennen, warum Sie glauben, für diese Position und diese Firma der (oder die) Richtige zu sein. Diese Strategie zwingt Sie, vorm Bewerben Ihre Trumpfargumente herauszufinden. Und ergänzen Sie unter den Tätigkeitsaufzählungen in Ihrem Lebenslauf, welche Stärken Sie genutzt und welche Erfolge Sie erzielt haben. Greifbare Zahlen und Ergebnisse öffnen Ihnen Türen.

  • Trumpf 5: Bereiten Sie sich erstklassig vor!

Eine gute Vorbereitung hilft Ihrer "Spontaneität" in den Sattel. Welche Fragen ergeben sich aus Ihrem Lebenslauf? Welche aus der Stellenausschreibung? Welche fürchten Sie? Spielen Sie das Bewerbungsgespräch mit einem Partner durch. Lassen Sie sich auch Ihre "Horror"-Fragen so lange stellen, bis Ihre Antworten stimmig klingen und Sie sich sicher fühlen.

Heben Sie den Nutzen der Firma hervor, etwa: "Im Moment betreue ich fünf Großkunden, zwei davon sind zugleich Ihre Kunden - diese Kontakte ließen sich nutzen, zumal ich in Ihrer Ausschreibung gelesen habe, dass Sie ...…" Diese empfängerorientierte Erzählweise, mit vielen "Sie"- und "Ihnen"-Formulierungen, bewirkt mehr als die typische Ich-zentrierte Selbst-PR.

  • Trumpf 6: Versuchen Sie, die Stimmung im Gespräch zu spüren!

Wer sensibel ist, hat oft ein Gespür für Stimmungen. Nutzen Sie das. Achten Sie im Vorstellungsgespräch darauf, ob Sie Ihre Gesprächspartner mit einem Thema elektrisieren - oder einschläfern. Finden Sie heraus, was wirkt. Und tun Sie mehr davon! Zum Beispiel fiel einer sensiblen Betriebswirtin auf, dass Ihr Gesprächspartner immer hellhörig wurden, wenn sie von ihrer Kenntnis in der Warenwirtschaft erzählte. Offenbar gab es hier Nachholbedarf. Deshalb schilderte sie mit konkreten Beispielen, wie sie das Warenwirtschafts-System ihres letzten Unternehmens verbessert hatte. Volltreffer!

  • Trumpf 7: Gestatten Sie sich das Leuchten!

Seien Sie nicht zu bescheiden - hören Sie auf den Rat eines weltbekannten Mannes: "Unsere größte Angst ist nicht, unzulänglich zu sein. Unsere größte Angst ist, grenzenlose Macht zu besitzen. Wir fürchten unser Licht, nicht unsere Dunkelheit. Wir fragen uns: 'Wer bin ich denn, dass ich so schön, talentiert, wunderbar und einzigartig sein darf?' Aber warum sollten wir es denn nicht sein? (…) Niemand hat etwas davon, wenn wir uns kleiner machen, als wir sind (…) Das Licht ist nicht nur in einigen, sondern in allen von uns. Wenn wir es leuchten lassen, fordern wir andere unbewusst auf, es uns gleichzutun."

Hören Sie auf Nelson Mandela - leuchten Sie im Vorstellungsgespräch!

  • Trumpf 8: Sehen Sie sich mit den Augen eines Headhunters!

Ihr inneres Leuchten entdecken Sie leichter, wenn Sie dissoziiert denken: Stellen Sie sich vor, Sie wären ein Headhunter und priesen sich an. Schauen Sie von außen: Was gefiele Ihnen an Ihrer Persönlichkeit und Ihrem Lebenslauf? Welche Qualitäten würden Sie betonen, welche Erfolge hervorheben, um Ihren Klienten zu platzieren? Diese Distanz erleichtert es Ihnen, falsche Bescheidenheit abzulegen, Stärken zu entdecken und griffig zu formulieren. Beim Vorstellungsgespräch übertragen Sie die Argumente in die Ich-Perspektive.

Und schon leuchten Qualitäten, die sonst im Dunkeln geblieben wären!

  • Trumpf 9: Wer selbst fragt, gewinnt!

Bereiten Sie kluge Fragen vor, die transportieren, wie intensiv Sie sich mit Firma und Position befasst haben. Zum Beispiel sagte ein Außenhandelskaufmann: "Ich habe Ihrem aktuellen Geschäftsbericht entnommen, dass Sie dieses Jahr mit dem Ausbau Ihres Asiengeschäftes begonnen haben, wie im Bericht vor drei Jahren angekündigt. Ich vermute, dass damit etliche Synergie-Effekte einhergehen. Welche Auswirkung kann das auf die offene Position haben?"

Seine Geschäftspartner waren baff, dass er mehrere Geschäftsberichte kannte. Er hatte sich nicht nur oberflächlich mit dem Unternehmen befasst - und bekam den Job.

  • Trumpf 10: Brieffreundschaft: Halten Sie sich in Erinnerung!

Nutzen Sie erneut Ihr Schreibtalent: Schicken Sie am Tag danach eine Mail. Heben Sie hervor, was Ihnen an dem Gespräch gefallen hat - und warum es Sie darin bestärkt hat, dass Sie eine gute Wahl für die Firma wären und umgekehrt.

Eine solche Mail wirkt dreifach: Erstens hebt Ihr zusätzliches Engagement Sie ab (nur einer von zehn Bewerbern macht sich diese Mühe); zweitens beweisen Sie eine hohe Motivation; und drittens rufen Sie Ihre Stärken in Erinnerung, während die Aussagen anderer Bewerber längst verhallt sind.

Dieser Text stammt aus Martin Wehrles neuem Buch "Der Klügere denkt nach - Von der Kunst, auf die ruhige Art erfolgreich zu sein" (Mosaik, 15 Euro).



insgesamt 12 Beiträge
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Seite 1
olfnairolf 19.04.2017
1. Und noch was:
Suchen Sie Jobs die zu Ihrem Charakter passen. Zurückhaltende Menschen tun sich in Vertriebsjobs mit Schwepunkt Kaltakquise schwer, Sensible sollten vielleicht nicht in die Reklaabteilung und ein Alphamännchen ist in vielen Teamjobs auch nicht gut aufgehoben.
s342 19.04.2017
2. Tipp
Einfach solche Artikel nicht lesen und in Vorstellungsgesprächen so sein, wie Sie sind. Alles andere ist Quatsch.
capote 19.04.2017
3. Märchenstunde
Auf 9 von 10 Stellenanzeigen wird nie jemand eingestellt, die Veröffentlichung hat andere Gründe. Wo steht, dass Firmen den "besten" Bewerber (was immer das auch sein mag) überhaupt suchen? Wie Wolfgang Wehrle mal schrieb, oft ist das einzige Auswahlkriterium absolute Unfähigkeit und das ist nicht nur in den Teppichetagen so.
siebenachtneun 19.04.2017
4.
Der Artikel geht echt davon aus, dass introvertierte Menschen sensibel sind und gut schreiben können? Der beste Tipp für introvertierte Menschen ist immer noch, dass man so aufgeschlossen sein soll, wie man im Kreis von Familie und Freunden ist. Als introvertierter Mensch ist man ja meist zu Fremden zurückhaltet. Im Freundeskreis kann das dann schon wieder anders sein und man blüht zumindest ein bisschen auf, weil die Freunde einen kennen. Diese Lockerheit überträgt man dann ins Vorstellungsgespräch und schon wirkt man nicht mehr so introvertiert und ist trotzdem man selbst. Bei allem anderen verstellt man sich und das bringt dann auch nichts, wenn man sich unwohl fühlt und etwas vor macht, was man nicht ist.
black-mamba 19.04.2017
5. Korrektur
Es heißt nicht 'wer selbst fragt gewinnt', es heißt 'wer fragt, führt' Nicht, dass Sie Trumpf und Strategie nicht unterscheiden können, Herr Wehrle, Sie kennen offensichtlich auch die Grundsätze der Kommunikation nicht ;-)
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