Familie und Job Töchter berufstätiger Mütter machen schneller Karriere

Zu wenig Zeit für die Kinder, ewige Gewissensbisse? Eine Harvard-Studie macht berufstätigen Müttern Mut: Ihre Töchter steigen später zügiger auf und verdienen mehr als Gleichaltrige, die traditionell aufgewachsen sind.

Die Mutter arbeitet, die Tochter profitiert: Sie geht mutiger durchs Leben
DPA

Die Mutter arbeitet, die Tochter profitiert: Sie geht mutiger durchs Leben


Die Kinder im Hort, die Mutter im Büro - nachmittags noch ein Meeting, anschließend eine Telefonkonferenz. Niemand hilft bei den Hausaufgaben, keiner backt einen Kuchen fürs Sommerfest. Der Elternabend: sorry, keine Zeit... Und weil Mutti auf Dienstreise geht, passt zu Hause eine Nanny auf.

Früher galten berufstätige Mütter schnell als Rabenmütter. Aber hat es tatsächlich schlimme Konsequenzen für Kinder, wenn eine Mutter sich auf ihre Karriere konzentriert und sich nicht rund um die Uhr um ihre Kinder kümmert? Dazu veröffentlichten Forscher der Universität Harvard jetzt eine große internationale Studie. Wie die britische Zeitung "The Guardian" berichtet, ist das Ergebnis klar und überraschend: Die Kinder leiden keineswegs. Im Gegenteil: Sie profitieren offensichtlich davon, wenn ihre Mutter arbeitet.

Besonders Töchter sind später erfolgreicher im Beruf und verdienen auch mehr Geld als Kolleginnen, die behütet im Nest einer Vollzeitmutter aufgewachsen sind. Zudem sind sie ehrgeiziger und mutiger als andere Frauen - besonders wenn es darum geht, eine Führungsposition zu ergattern.

Die US-Wissenschaftler werteten Daten aus 24 Ländern aus. Obwohl die Ergebnisse berufstätigen Müttern das schlechte Gewissen nehmen, zeigen sie gleichzeitig auch, wie schwer es gut ausgebildete, moderne Frauen haben. Insbesondere in den USA und Großbritannien werde häufig noch das traditionelle Rollenbild konserviert, wonach sich Mütter in erster Linie um Haushalt, Küche und Kinder zu kümmern haben. "Dort ist der gesellschaftliche Druck immer noch größer als in manchen europäischen Ländern, zum Beispiel in Finnland und Dänemark", sagte Professorin Kathleen McGinn, Hauptautorin der Studie, dem "Guardian".

"Die Kinder profitieren auf jeden Fall"

"Egal ob Mütter oder Väter zu Hause bleiben, egal, ob sie in Voll- oder Teilzeit arbeiten - die Kinder werden auf jeden Fall profitieren", so die Forscher. Sie appellierten an Politiker, berufstätigen Frauen mehr Respekt entgegenzubringen und ihnen mehr Möglichkeiten zu eröffnen. Zum Beispiel, indem künftig mehr hochwertige und bezahlbare Betreuungsmöglichkeiten angeboten würden.

Die Forscher ermittelten, dass Töchter berufstätiger Mütter im Schnitt vier Prozent mehr verdienen als Kolleginnen, deren Mütter immer für sie da waren. Und sie wollen auch lieber Führungsaufgaben übernehmen. Eine von drei Töchtern berufstätiger Mütter gelangte in die Chefetage. Zum Vergleich: Bei Töchtern von Vollzeitmüttern schaffte das nur eine von vier Frauen.

"Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass berufstätige Mütter ihren Töchtern Erfahrungen mit auf den Weg geben, die für ihre spätere Karriere wichtig sind", so Rebecca Allen, selbst eine berufstätige Mutter von zwei Kindern und leitende Wissenschaftlerin am UCL Institute of Education. Als Tochter einer "Working Mom" sagt sie heute rückblickend: "Ich selber habe gelernt, wie man sich gegen Diskriminierung wehrt."

Während bereits frühere Studien gezeigt haben, dass es Kindern nicht schadet, wenn ihre Mütter arbeiten, geht die Harvard-Studie noch einen Schritt weiter: Kinder berufstätiger Mütter hätten eine liberalere Haltung und mehr Verständnis für Frauen mit Job. Außerdem entwickelten insbesondere Jungen einen größeren Familiensinn; Hausarbeit und selbst die Pflege kranker Angehöriger seien für sie seltener ein Tabu.

Trotzdem empfanden es die Forscher als enttäuschend, wie langsam sich festgefahrene Rollenbilder ändern. In allen Ländern seien Frauen häufiger für die Hausarbeit zuständig als ihre Männer.

sid



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 60 Beiträge
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silentio79 25.06.2015
1. Werte unserer Geselschaft
"Ihre Töchter steigen später zügiger auf und verdienen mehr als Gleichaltrige, die traditionell aufgewachsen sind." Und das ist es doch schließlich, worum es im Kern unserer Gesellschaft geht, oder? Ob das nun mutmachend ist sei mal dahin gestellt.
dtrixer 25.06.2015
2. Chefetage?
"Eine von drei Töchtern berufstätiger Mütter gelangte in die Chefetage. Zum Vergleich: Bei Töchtern von Vollzeitmüttern schaffte das nur eine von vier Frauen." Da würde ich mal sagen, dass wir einen deutlichen Überhang an Mitgliedern der Chefetage haben. Erstaunlich, wie der Wert der Erziehung hier ausschließlich auf späteren schnelleren Berufsaufstieg und Verdienst reduziert wird. Und "Forschern", die so eindeutend wertend Position beziehen, fehlt wohl die nötige Distanz zu ihrem Forschungsobjekt: "Trotzdem empfanden es die Forscher als enttäuschend, wie langsam sich festgefahrene Rollenbilder ändern. In allen Ländern seien Frauen häufiger für die Hausarbeit zuständig als ihre Männer."
multi_io 25.06.2015
3.
Zitat von silentio79"Ihre Töchter steigen später zügiger auf und verdienen mehr als Gleichaltrige, die traditionell aufgewachsen sind." Und das ist es doch schließlich, worum es im Kern unserer Gesellschaft geht, oder? Ob das nun mutmachend ist sei mal dahin gestellt.
Nein, das ist das, worum es im Kern dieser Studie geht. Und Sie können gern die Vorstellung toll finden, dass alle gleich arm bleiben. Aber irgendwas sagt mir, dass Sie die schuld daran dann auch wieder der bösen "Gesellschaft" zuschanzen würden.
marcnu, 25.06.2015
4. Kinder von Vollzeitmüttern wollen auch gar nicht unbedingt eine Führungsposition.
Sie haben erfahren, dass es auch noch andere Werte gibt als Leistungsorientierung und können damit sogar im Leben zufriedener sein, als die ehrgeizige berufstätige Mutter, die das in dieser Qualität nicht vermitteln kann. Die Höhe des späteren Gehaltes ist kein Maßstab für ein schönes Leben.
spmc 25.06.2015
5.
Und warum ist das so ?! Weil berufstätige Frauen strukturierter und besser organisiert sein müssen, als Vollzeitmuetter! Sonst bekämen Sie Ihr Leben nicht auf die Reihe! Das überträgt sich selbstverständlich auf die Kinder!
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