Ausstiegsträume Das mach ich eh nur fünf Jahre!

Bitte nicht für die Ewigkeit - mit dieser Einstellung steigen viele lässig in den neuen Job ein. Meist ist es eine Lüge. Aber eine, die befreiend wirken kann.

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Anne Vagt/ SPIEGEL JOB


Von einer goldenen Uhr am Handgelenk habe ich noch nie geträumt. Ein Kästchen aus rotem Samt mit Medaille darin würde bestimmt schnell verstauben, eine gerahmte Urkunde an der Wand allenfalls Eindruck bei Kollegen schinden. Der Gedanke an ein Dienstjubiläum erfüllt mich mit Angst statt Vorfreude. 10, 20, 30 Jahre lang Weckerklingeln, Kantinengetöse, Fahrstuhlgerede, Abgabedruck, Chefwechsel, Sparmaßnahmen - wer kann das wollen?

In meinem Freundeskreis nur sehr wenige. Kommt im Telefonat mit der alten Mitbewohnerin, beim Weihnachtsklassentreffen oder beim Feierabendbier mit Freunden das Gespräch auf die unvermeidbare Frage, wie es gerade im Job so läuft, fällt früher oder später der Satz: "Das mach ich eh nur fünf Jahre."

Da ist zum Beispiel Felix, der sich bei einer Anwaltskanzlei dumm und dusslig verdient, aber sogar sonntagabends nie Zeit fürs Kino hat. Oder Toni, der in Dubai Turnschuhe vermarktet und seine Freundin nur noch durchs Chat-Fenster sieht. Nicht allein die Leistungsmotivierten sagen den Satz mit den fünf Jahren. Es sind auch Karriere-Smarties, die erkannt haben, dass regelmäßige Firmenwechsel hohe Gehaltssprünge möglich machen. Und Examensbeste, die sich vornehmen, ein paar Jahre lang durch die Hölle zu gehen, um danach das Paradies auf Erden zu genießen.

Alles kann, nichts muss

Eine Kollegin aus der Journalistenschule will die unbefristete Redakteursstelle bei einer Regionalzeitung irgendwann kündigen. Eine Freundin aus der Uni kann sich nicht vorstellen, ihren gutbezahlten Job im Marketing eines Reiseveranstalters ewig zu machen. Auch ich habe den Satz schon benutzt: Als ich vor drei Jahren von München nach Hamburg zog, hatte ich zwar einen Vertrag beim SPIEGEL, aber keine Freunde, keine Brezelbäcker, kaum Biergärten und nichts als Flachland um mich herum. Ich war so sicher: "Allerhöchstens fünf Jahre!" Die Worte machten das Heimweh erträglicher.

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Erwischt: Zehn Anzeichen, dass ich Spießer werde
Eigentlich ist es traurig. Gibt es keine Traumjobs mehr? Haben wir angesichts befristeter Verträge, nerviger Dauerpraktika und allgegenwärtiger Krisenrhetorik aus der Not eine Tugend gemacht? Wir sind unabhängig, individuell, mobil, wir sind unterwegs in der großen weiten Welt - mag der Himmel über uns noch so düster sein. "Länger als fünf Jahre mache ich das nicht", das könnte die lässigste aller Antworten auf die schlimmste aller Personalerfragen sein: "Wo sehen Sie sich in zehn Jahren?" Selbstbewusstsein statt Selbstausbeutung - klingt gut. Schade nur, dass weder ich noch irgendjemand meiner Freunde diesen Satz je im Vorstellungsgespräch gesagt hat. Blöd auch, dass keiner mit echtem Namen in diesem Text vorkommen möchte.

Die Wahrheit ist: Wer in unserem Alter wirklich leidet unter prekären Arbeitsbedingungen, despotischen Chefs oder lästernden Kollegen, der hält sich nicht mit Fünfjahresplänen auf. Der kündigt. Alle anderen, die ihre Freunde wissen lassen, dies oder jenes höchstens fünf Jahre machen zu wollen - sie lügen. Freundlicher gesagt: Sie träumen. Von einem Job, der möglichst wenig Arbeit und möglichst viel Spaß macht.

Mach dein eigenes Ding! Aber was?

Wir, die bald schon alles anders machen wollen, haben ein Luxusproblem: Wir können uns nicht entscheiden. Alles kann, nichts muss. Frauen werden Verteidigungsminister, gewinnen die Fußball-WM oder verstecken Millionen vor dem Fiskus in der Schweiz. Männer werden als Kindergärtnerinnen gesucht, verdienen ihr Geld mit dem Häkeln von Mützen oder übertreiben es mit den Botox-Spritzen.

Mach was aus deinem Talent, rufen die Casting-Jurys auf allen Kanälen. Mach dein eigenes Ding, verheißen die Karrieren der Internetstars und Start-up-Millionäre. Welcher 16-Jährige ergreift voller Lust vollkommen vernünftige Ausbildungsberufe wie Metzger oder Bäcker? Studiengangverzeichnisse sind groß und schwer wie Ziegelsteine. Die Suche nach dem perfekten Job fürs Leben nährt einen ganzen Industriezweig. In Bücherregalen, Volkshochschulkursen und Blogs preisen Karriereberater "den Job, der dich glücklich macht", den Wechsel "von der Berufung zum Beruf" oder "mehr Zeit, mehr Geld, mehr Leben". Weil die Auswahl so riesig ist, hätten wir nur zu gern einen Job, der die Grenze zwischen Arbeit und Rest des Lebens verschwimmen lässt.

Aus SPIEGEL JOB 1/2014
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Ich selbst habe mit dem Schreiben mein Hobby zum Beruf gemacht. Gerade die Freunde, die häufig betonen, die aktuelle Stelle nicht dauerhaft behalten zu wollen, hatten weniger Glück. Für sie ist der Job nur ein Job. Eine Art Notlösung. "Das mach ich eh nur fünf Jahre", sagen sie, weil sie ihr eigentliches Ziel nicht aus den Augen verloren haben. Obwohl es schwer werden wird, es jemals zu erreichen. Melanie, die bei der Regionalzeitung arbeitet, wäre lieber Fernsehmoderatorin und hätte bestimmt auch das Zeug dazu. Doch auf solche Jobs bewirbt man sich nicht einfach, man muss irgendwie auffallen. Mit Melanies Babybauch samt Sendepause...schwierig. Karin, die beim Reiseveranstalter arbeitet, hätte gern über die Wahrscheinlichkeit des Weltfriedens promoviert, nur war das Stipendium zu Ende, bevor das Werk zu Papier gebracht war.

So bitter das ist: Wer die Berufung zum Beruf machen will, braucht neben Mut und Willen auch Glück, Gesundheit, Geld. Dinge, von denen Menschen völlig zu Recht hoffen, dass sie in fünf Jahren vielleicht einfach da sind. Eine Garantie dafür gibt es nicht. Bestenfalls die Gewissheit, dass manche Hobbys auch in der Freizeit großen Spaß machen können, wenn schon nicht als Beruf.

Ein Leben lang im Turbogang

Wer sich im Arbeitsalltag nicht selbst verwirklicht, will zumindest mit dem Gehalt Träume realisieren - und vielleicht nach fünf Jahren ganz mit dem Schuften im Büro aufhören. Das ist leichter gesagt als getan. Nach vier Jahren erreichen Banker, Rechtsanwälte oder Unternehmensberater, die sich im Job aufreiben, ihre körperlichen Grenzen, wie Alexandra Michel von der südkalifornischen Marshall School of Business in einer Langzeitstudie nachgewiesen hat. Was ihr ebenso auffiel: Kaum einer der Aufsteiger hat dann die Notbremse gezogen. Ausstiegsträume bleiben meist unerfüllt.

Bürohengste und -stuten, deren Lebensinhalt Leistung ist, können gar nicht anders, als im Turbogang weiterzumachen. Michels Untersuchung zufolge ist die Karriere bei Investmentbanken nach durchschnittlich acht Jahren zu Ende. Die wenigsten übernehmen danach eine Jugendherberge in den Bergen oder werden Trucker in Kanadas Wildnis. Die meisten wechseln ins Management einer Firma und reißen dort wie gehabt 100 Stunden die Woche runter.

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Felix arbeitet noch keine fünf Jahre bei der Anwaltskanzlei, die ihm die Wochenenden klaut. Aber nichts deutet darauf hin, dass der angekündigte Wechsel in den nächsten Monaten über die Bühne geht. Ohne Hemd oder mit Turnschuhen kann ich ihn mir gar nicht mehr vorstellen. Vielleicht, weil ich ihn nur noch selten auf ein Bier treffe und wir schon lange nicht mehr gemeinsam joggen waren. Von seinem Geld könnte er sich problemlos eine Wohnung in München kaufen. Er hat aber keine Zeit, danach zu suchen.

Immerhin hat Toni, der Mann in Dubai, soeben den Absprung geschafft. Er verkauft und repariert jetzt Fahrräder in einem kleinen Laden auf Mallorca, leitet Touren mit Hobby-Rennradlern entlang der Serpentinen im Tramuntana-Gebirge. "Das mach ich eh nur fünf Jahre", zum Glück bleiben das nicht immer leere Worte.

Ich will bestimmt niemanden dazu auffordern, das Jammern einzustellen, die Ärmel hochzukrempeln und bis zur Rente frohen Mutes ins Büro zu strampeln. Das Einzige, für das ich plädiere: mehr Gelassenheit. Denn die schwingt in den Worten "Länger als fünf Jahre mache ich das nicht" wunderbar mit. Im Leben kommt es immer anders, als es der Computer im Berufsberatungszentrum, die Freunde in der Abi-Zeitung oder Chefs herbeiorakelt haben. Wer das verinnerlicht, dehnt automatisch seinen Horizont. Erkennt Schleichwege oder unbeleuchtete Ausfahrten, die der Autopilot im Hirn sonst so leicht übersieht. Vielleicht muss man die Navigation auch nicht alle fünf Jahre stoppen und neu starten. Manchmal reicht es, mit einem Kollegen das Büro zu tauschen, um wieder blauen Himmel zu sehen.

Mir hat der Glaube an den Fünfjahresplan nicht nur das Heimweh gelindert, sondern auch den Mut gegeben, lautstark "Ich will diesen Job" zu rufen, als vor einigen Monaten eine Stelle im Münchner SPIEGEL-Büro frei wurde. Bei einem Blick ins Intranet entdeckte ich vorhin, dass nach zehn Jahren Betriebszugehörigkeit eine Treueprämie winkt: 310 Euro, sofern ich die nächsten sieben Jahre durchhalte. Ob man dafür eine goldene Uhr bekommt? Mal sehen, wovon ich heute Nacht träume.

  • Anna Kistner ist SPIEGEL-Korrespondentin in München. In den Jahren zuvor verliefen Karrieren als Sportgymnastin, Gerichtsmedizinerin und Werbetexterin im Sande.

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insgesamt 33 Beiträge
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Selberimbewerbungsmodus 16.06.2014
1. Zwiespalt
Chef bietet "nur" befristeten Vertrag an; man nimmt an, weil man ja auch nur 2 Jahre bleiben will. Chef bietet Verlängerung an, man nimmt an, weil man nichts besseres gefunden hat. Chef bietet keine Verlängerung an, man hat sich auf Verlängerung verlassen. Alg1 tröstet. Personaler sehen in Lebenslauf Flickenteppich. Alg2 ist da. Eltern haben gesagt:"Mach was, was Brot bringt!". Vor lauter Angst Start in die Freiberuflichkeit. Nun jeden Monat was Neues....
zulu1980 16.06.2014
2. blöder
artikel der generation y die zu allem fähig aber zu nichts zu gebrauchen ist. Leben nach dem Lustprinzip, ruhen sich aus in der sozialen Hängematte die die Generationen vor ihnen erschuftet haben.
Olaf 16.06.2014
3.
Zitat von sysopAnne Vagt/ SPIEGEL JOBBitte nicht für die Ewigkeit - mit dieser Einstellung steigen viele lässig in den neuen Job ein. Meist ist es eine Lüge. Aber eine, die befreiend wirken kann. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/traeume-vom-ausstieg-selbstbetrug-beim-start-in-den-job-a-969594.html
Man sollte sich zuerst klar machen, was man im Leben eigentlich will. Wenn man im Beruf die Erfüllung findet, ist es ja gut. Für die meisten aber bleibt es ein Mittel zum Zweck und diesen Zweck sollte man kennen.
sytex1 16.06.2014
4. Danke!
Toller Artikel :)
papayu 16.06.2014
5. Ja, wenn man Glueck hat, geht das 5x gut!
Beim 6 x heisst es dann, wir sind ein JUNGES TEAM!! Und sie sind dann 50 und keiner will sie mehr! Es wundert mich alten Mann immer wieder, mit welchem Elan die jungen Akas das Leben regieren wollen. In den 90, Jahren habe ich eine Ausgabe von der IHK, bekommen, auf der letzten Seite standen da die Jubilare. Herr Meier 45 Jahre, Herr Schulz 40 Jahre,Herr Schmidt 35 bis runter zum 25. Betriebszugehoerigkeitsjubileum. Ja, da hatte ich sogar einen Nachbarn, der hat es sage und schreibe auf 50 Jahre bei Kodak gebracht.(FUENFZIG). Als Feinmechanikerlehrling angefangen und als Gruppenleiter beendet. Heute kann man auch die 50 schaffen!! Als Praktikant bei 50 Firmen.Nein geht auch nicht, wenn Sie ueber 30 sind ist da auch Schluss. WIR SIND EIN JUNGES TEAM und mit 30 endet das Jungsein. Doch, wenn Sie genuegend Geld oder Foerderer haben,gehen Sie in die Politik, die nehmen jeden, der usw.....
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