Ein Trash-TV-Autor erzählt "Fette faule Mütter ziehen immer"

Er schreibt Drehbücher wie am Fließband: Hier erzählt ein Autor von Scripted-Reality-Shows, wie die Nachmittagssendungen im Privatfernsehen entstehen - und warum darin immer geschrien wird.

Aufgezeichnet von Larissa Kikol


Zwischen Wunsch und Wirklichkeit ist in vielen Berufen jede Menge Platz. In der Serie "Das anonyme Job-Protokoll" erzählen Menschen ganz subjektiv, was ihren Job prägt - ob Tierärztin, Staatsanwalt oder Betreuer im Jobcenter.

"Mein Arbeitsauftrag: Möglichst assig soll es sein. Mein Job: Autor von Scripted-Reality-Shows. Das sind diese Sendungen, die nachmittags auf privaten Sendern laufen, sogenanntes Trash-TV, so etwas wie 'Familien im Brennpunkt' oder 'Die Trovatos - Detektive decken auf'.

Die Zuschauer können den Laiendarstellern dabei zuschauen, wie ihr Leben den Bach runtergeht - den Plot habe ich mir ausgedacht. Die Hauptemotion dieser Sendungen ist Wut, wir Autoren nennen das Krach-Macher-Shows: Hauptsache, es wird viel geschrien.

Eine große Zielgruppe sind Hartz-IV-Empfänger und Hausfrauen, die nachmittags bügeln oder so. Dabei können sie ja nicht immer auf den Bildschirm gucken, also muss die Geschichte über Worte und vor allem laut erzählt werden. Statt 'Show, don't tell', heißt es bei uns 'tell, don't show'. Das Anschreien ist der Höhepunkt jeder Folge, dann stimmt auch die Quote. Denn natürlich geht es immer um die Quote. Ist sie gestiegen, wird im Büro Sekt aufgemacht; sinkt sie, bricht Panik aus.

An einer kompletten Folge arbeiten wir Autoren ein bis zwei Wochen. Einige Storys denken wir uns auch im Team aus. Natürlich lachen wir sehr oft darüber. Die Kollegen sind ein großer Pluspunkt bei dieser Arbeit, wie eine Bürofamilie. Ich habe sehr gute Freunde dort gewonnen. Allerdings herrscht eine hohe Fluktuation, manchmal trifft man sich dafür dann bei anderen Krach-Macher-Produktionen oder Soaps wieder.

Ein Leitsatz eines meiner Produzenten lautet: 'Fette faule Mütter ziehen immer!' Tatsächlich sind die Themen oft ähnlich, kaputte Familien sind total beliebt. Also eine zunächst heile Familie, die sich in der Sendung als total zerstört entpuppt. Dann fliegen nacheinander immer mehr Lügen auf: Betrug des Ehegatten, uneheliche Kinder, versoffene Lebensversicherung oder Spielsucht.

Um auf Ideen für die Plots zu kommen, gehe ich als Autor mit offenen Augen durch die Welt und suche überall Inspiration - im Fernsehen, in der Zeitung oder bei den Nachbarn. Zum Beispiel liest man in der 'BILD', dass eine Familie pleite ist, weil der Ehemann alles verzockt hat. Dann spinnt man die Geschichte weiter: Die Frau will an der Kasse bezahlen, doch ihre Karte funktioniert nicht und alle gucken sie an. Also spioniert sie ihrem Mann hinterher, das Doppelleben fliegt auf, es wird geschrien, am besten auf der Straße vor Publikum und auch noch mal zu Hause.

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Das anonyme Job-Protokoll: So sieht der Alltag wirklich aus

Schließlich kommt noch heraus, dass der Ehemann gar nicht spielsüchtig war, sondern schwul und eine heimliche Affäre mit dem Casinobetreiber hatte. Dann kann noch mehr geschrien werden. Und die Hausfrau vor dem Fernseher ist froh, dass ihr Hartz-IV-Mann nicht auch schwul ist. Oft sind aber auch die Eltern am Ende die Guten, die neuen Partner hingegen die Bösen. Da ist das Trash-TV auch gern konservativ.

Konkret besteht die Arbeit aus mehreren Schritten: Zunächst überlege ich mir eine Story und schreibe auf zwei Seiten den Anfang, die Mitte und das Ende auf. Da gucken dann meine Chefs, die Produzenten und die Redakteure vom Sender drauf, die vielleicht noch Änderungswünsche haben. Danach schreibe ich die einzelnen Szenen, also wo wer was zu wem sagt und welche Figuren und Locations gebraucht werden. Es muss so aufgebaut sein, dass eine Figur immer weiter in den Abgrund fällt. Das ist die normale Dramaturgie bei uns.

Die Szenen werden danach noch mal detaillierter ausgearbeitet und Dialogvorgaben gemacht. Das ist aber nicht so streng wie bei den Daily-Soaps, wir geben den Laiendarstellern sogar oft nur Haltungen vor und keine wortwörtlichen Dialoge. Vielmehr lassen wir sie sich mit ihren eigenen Worten anschreien - das wirkt authentischer. Hauptsache, es wird draufgehauen und ist laut, sodass die Zuschauer denken 'Boah, krass, wie ist die denn drauf?'.

Ich bin damals über Freunde an den Job gekommen. Ich brauchte Geld und kannte Leute, die dort arbeiteten. Also habe ich ein Probedrehbuch eingereicht, quasi als Bewerbungsmappe, und wurde genommen - als Autodidakt. Und die Bezahlung stimmte: Ich habe ungefähr 3000 Euro brutto im Monat verdient, mal festangestellt, mal als freier Autor. Gearbeitet wird meist im Büro und zu festen Zeiten, also von 9 bis 17 Uhr. Nun, nach sechs Jahren, habe ich jedoch wieder aufgehört. Weil ich umgezogen bin, und auch weil ich mal wieder neuen Input gesucht habe.

Peinlich ist es mir aber nicht, für solche Sendungen geschrieben zu haben. Obwohl die Geschichten stumpf sind: Der Job ist nicht einfach, sondern eher wie ein Handwerk, das man erlernen muss. Und man muss wie am Fließband neue Storys abliefern, braucht also immer eine Idee - und das nach Hunderten von Folgen. Die Kategorie 'assig' ist zudem nicht so leicht zu machen, wie manche es sich vielleicht vorstellen. Doch wenn einem gerade mal nichts einfällt, gibt's halt wieder eine fette faule Mutter."

  • DPA
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Seite 1
UnitedEurope 25.08.2017
1.
Solche Sendungen halten das Prekariat vom Denken und Selbstreflektieren ab. Hauptsache die im Fernsehen scheinen noch dümmer und "assiger" als man selbst, dann ist die Welt in Ordnung. Ernsthaft, solch ein Schmund ist der Beweis, dass unsere Gesellschaft anderen gar nicht überlegen sein kann. Solche Serien führen dann dazu, dass plötzlich überall gegafft und bestaunt, geklatscht und gepökelt wird. Und wir regen uns über Mittelalter Gesellschaften im Nahen Osten auf ..
thd1958 25.08.2017
2. Ich bin echt angewidert ...
... von dem Beitrag. Oder ist der etwa Satire ...? Die Sender der RTL-Gruppe sind auf neinem TV ohnehin gaaanz weit hinten, es gibt weit Besseres als Trash-TV. Und Volksverdummung sollte ihnehin auf'm Index stehen. Jeder denkende Mensch verabscheut doch in Wahrheit solche Art der Unterhaltung. Wie hoch sind eigentlich die Einschaltquoten von dem Mist ...?
Thorkh@n 25.08.2017
3. Mensch, dann ...
... bist Du einer der Gründe, weshalb ich schon ewig keine Privatsender mehr schaue! Schön, Dich mal kennenzulernen! Du hast mein Medienleben entscheidend und zum Guten beeinflusst! Danke Dir! Die ! sollen Gebrüll ausdrücken ...
Ezechiel 25.08.2017
4. Kopie des Alltags.
Offensichtlich gehen die Inhalte dieser Sendungen konform mit dem eigenen Alltag. Deshalb die hohen Einschaltquoten.
uhrentoaster 25.08.2017
5. Unterschichtenfernsehen
Erstaunlich, dass solche Sendungen überhaupt Zuschauer haben. Dabei hat das Leben doch mehr zu bieten und andere Fernsehsender sowieso.
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