Kinderbücher "Junge Autoren haben keine Chance"

Er ist einer der erfolgreichsten Kinderbuchautoren, und er ist froh, dass er seine Karriere in den Sechzigern gestartet hat. "Sams"-Erfinder Paul Maar tut der Nachwuchs leid. Verlage übersetzen lieber US-Erfolge, Schreiben ist zum Nebenjob geworden.

Von Andreas Maisch

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Was sich in den vergangenen Jahrzehnten in der Kinderbuchbranche verändert hat, illustrieren zwei Fahrten: Ein Student fährt Ende der sechziger Jahre zu seinem ersten Verleger und glaubt, ihm etwas beweisen zu müssen. "Eigentlich bin ich Belletrist", sagt er. "Ich habe schon ein Hörspiel und eine Funkerzählung für Erwachsene für den SWR gemacht." Der Verleger heißt Friedrich Oetinger, und er wird wütend. Betrachtet der Autor Kinderbücher als Literatur zweiter Klasse?

Oetinger droht: Wenn das Buch ein einmaliger Ausflug in die Kinderbuchliteratur werden soll, könne er das Manuskript gleich wieder mitnehmen. Am Ende einigen sie sich. Der Student ist kein Geringerer als Paul Maar, heute 76 Jahre alt und Autor von Klassikern wie "Das Sams" und "Lippels Traum".

Vier Jahrzehnte später: Lino Munaretto, 21, fährt nach München. Nicht zu einem Verlag, sondern zu einem Literaturagenten. Er hat nicht das Gefühl, sich verstellen oder dem Agenten etwas beweisen zu müssen. "Agenturen sind eine gute Sache, weil man von ihnen viel Feedback bekommt", sagt er. Auch Paul Maar empfiehlt jungen Autoren, heute einen Agenten zu haben. Sie helfen, den passenden Verlag zu finden und ein angemessenes Honorar auszuhandeln. "Das ist durchaus gut. Die Verlage hassen Agenten", sagt Maar. Und auf sie verzichten können sie nicht: Literaturagenturen helfen den Verlagen, gute Manuskripte zu sichten.

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Matthias von Bornstädt, 27, hat schon eine eigene Buchreihe beim Verlag Ravensburger. An diesem Abend liest er im Berliner Stadtteil Moabit. Mit schwarzem Mantel, angeklebtem Bart und einer Keule in der rechten Hand stellt er sich vor ein kleines Mädchen: "Was drückst du dich vor meinem Haus herum?"

Der Nachwuchsautor hat sich für seine Lesung viel Mühe gegeben, sie trägt Züge eines Theaterspiels. Die Gaslampen auf den Tischen sorgen für eine schaurige Atmosphäre, mit einem Beamer zeigt Bornstädt Bilder aus seinem Buch. Auch an Kinderpunsch fehlt es nicht. Doch der Ertrag ist gering, nur vier Kinder sind mit ihren Eltern an diesem Abend gekommen. Immerhin: Nach der Lesung kaufen sich drei der Kinder ein Buch.

Bornstädt hat auch schon vor größerem Publikum gelesen. Doch als Nachwuchsautor freut er sich immer noch über jede Lesung. Und er möchte bekannter werden. Dabei geht es dem Medizin-Doktoranden weniger um Geld. "Ich stelle mir gerne eine etwas modifizierte Realität vor", sagt Bornstädt, der bereits Bücher für die Reihen "Bibi Blocksberg" und "Benjamin Blümchen" verfasst hat.

Mikrowelle als Schreibpult

Dem Mediziner macht zwar auch die Arbeit in einem Berliner Krankenhaus Spaß, doch beim Schreiben hat er ein Ergebnis, das er anfassen und mit nach Hause nehmen kann. Seine Bücher schreibt er meist im Stehen, auf seiner Mikrowelle in der Küche. In dem schlichten Raum lenkt ihn nicht viel ab - und wenn er aus dem Küchenfenster blickt, sieht er bei der Grundschule gegenüber seine Zielgruppe.

Der Druck auf Autoren, zur Marke zu werden und Fans zu sammeln, ist größer denn je. "Heute bleibt Autoren nicht mehr so viel Zeit, sich auf dem Markt zu etablieren. Zehn Jahre Aufbauzeit, wie Ingo Siegner sie noch genossen hat, haben die Autoren heute nicht mehr", sagt Renate Grubert von den Verlagen CBJ und CBT, die zur Random-House-Verlagsgruppe gehören. Bei CBJ erschienen Siegners Bücher über den kleinen Drachen Kokosnuss.

Bornstädt und andere junge Schriftsteller haben sich schon mehr oder weniger damit abgefunden, das Schreiben als Hobby zu sehen. Die Arbeit als angehender Arzt und als Autor würde sich gut ergänzen, findet er. Auch der Jura-Student Lino Munaretto betrachtet das Schreiben "noch nicht als Beruf, sondern als relativ guten Zuverdienst zum Studium". Es sei aber lange noch nicht so, dass man davon leben könnte. Für seine beiden etwa 300-seitigen Jugendromane erhielt er jeweils niedrige vierstellige Vorschüsse.

Inzwischen haben sogar bekannte Autoren wie Paul Maar Schwierigkeiten, für neue Bücher einen Verlag zu finden: "Und wenn man als junger Autor kommt, hat man keine Chance." Zu Maars Hauptschaffenszeit sei es noch relativ einfach gewesen. Doch heute würden die Verlage hauptsächlich versuchen, in den USA die Rechte für erfolgreiche Bücher einzukaufen. Vor allem Fantasy-Titel wie "Harry Potter" oder "Die Tribute von Panem", die auch von Erwachsenen gerne gelesen werden. "Der Markt wird überschwemmt von englischen Büchern", sagt Maar.

Lino Munaretto will das Schreiben nur als Nebenjob betreiben. Er fürchtet, wenn er die Bucherlöse zum Leben braucht, fehle ihm vielleicht die Geduld, eine Idee reifen zu lassen. Einigen Verlagen scheint heute ausgerechnet das zu fehlen. "Früher sagte man: 'Das Buch ist gut'", erklärt Paul Maar. Heute sage man: "Das Buch ist gut verkäuflich."



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insgesamt 32 Beiträge
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systembolaget 27.01.2014
1. Come in and find out!
"Der Druck auf Autoren, zur Marke zu werden und Fans zu sammeln, ist größer denn je." Die Amerikanisierung schreitet zügig auch hier voran. Zielgruppen, Märkte, return on investment... Aber für Finn-Ole und Anna-Lena muß es ja auch business Chinese und Kinder-Yoga sein, darunter geht es einfach nicht. Wie auch, wenn junge Erwachsene sich am liebsten wie Kinder gerieren und Texte über 140 Zeichen und Videoclips über 6 Sekunden Länge als langweilig empfunden werden.
monotrom 27.01.2014
2. eBook
Was spricht dagegen, seine Werke den "neuen" Medien zu überantworten? Die Quote von 9000:1, nur ein paar tausend Euro Gewinn etc. pp., sähe sicherlich nicht schlechter aus. Junge Autoren sollten um diese Möglichkeit wissen, aber wenn Verlag/Agent bequemer ist...
dolledern 27.01.2014
3. paul maar
wurde von mir schon für das sams geliebt, und von meiner tochter auch...sie hat am 5ten mai geburtstag er empfahl mal vor jahren das buch: rico, oscar und die tieferschatten von andreas steinhövel und für diese empfehlung bin ich ihm dankbar
aha47 27.01.2014
4. Ernst gemeint?
Zitat von monotromWas spricht dagegen, seine Werke den "neuen" Medien zu überantworten? Die Quote von 9000:1, nur ein paar tausend Euro Gewinn etc. pp., sähe sicherlich nicht schlechter aus. Junge Autoren sollten um diese Möglichkeit wissen, aber wenn Verlag/Agent bequemer ist...
Und die Autoren sollen sich dann um Marketing etc. selber kümmern? D.h. noch mehr Arbeit bei noch magereren Einnahmen? Schöne neue Medien-Welt... Zudem: Kinderbücher auf dem Ebook-Reader? Wer macht denn sowas?
carlitom 27.01.2014
5. Wirklich?
Zitat von dolledernwurde von mir schon für das sams geliebt, und von meiner tochter auch...sie hat am 5ten mai geburtstag er empfahl mal vor jahren das buch: rico, oscar und die tieferschatten von andreas steinhövel und für diese empfehlung bin ich ihm dankbar
Paul Maar soll Ihnen wirklich ausgerechnet dieses Buch empfohlen haben? Das passt in meinen Augen so gar nicht. Das Rico-Buch ist derart brutal, hart, grob und mies, dass es für mich nicht in die Sams-Welt passt. Das ist was für Großstädter-Schlüsselkinder, die das Leben auf der Straße (tagsüber) gut kennen und um die Häuser ziehen. Sams ist doch eher was für die, die die heile Welt lieben. Ich kenne niemanden, der BEIDE Sorten Bücher liebt. Ich persönlich halte rein gar nichts von diesen schrecklichen Tieferschatten. Mein Kind mochte sie auch nicht und beim Vorlesen hat mich geschaudert.
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