Die aktuelle Stellenanzeige Dauerglotzer gesucht, Arbeitsort Couch

Bleiben Sie ruhig da auf dem Sofa sitzen, lassen Sie auch den Fernseher an: Es gibt einen Job, bei dem Sie auf diese Weise Geld verdienen können. Der Videodienst Netflix sucht einen "Tagger", der Filme in Kategorien einteilt.

Auch in der Pose lässt sich Geld verdienen - zumindest bei Netflix
Corbis

Auch in der Pose lässt sich Geld verdienen - zumindest bei Netflix


Schauen Sie sich mal kurz um: Sehen Sie zerknüllte Chipstüten, ranzige Pizzakartons, leere Flaschenbatterien? Oder können Sie das nicht so genau erkennen, weil die Vorhänge zu sind, der Rollladen auf Halbmast?

Lassen Sie uns raten: Fußball-WM, Tour de France und in den Sendepausen "House of Cards", noch mal "Breaking Bad" und alle Staffeln "Lost" und "Diese Dombuschs". Prima! Dann können Sie gleich mal so weitermachen. Sogar gegen Kohle.

Denn Netflix, die amerikanische Film- und TV-Plattform, die einen das ganze Zeug legal streamen lässt, gibt Ihnen endlich eine Chance, auf die andere lange warten: Machen Sie Ihr Hobby zum Beruf!

Alles, was Sie für den Job machen müssen: Filme schauen, Serien reinziehen. Ehrlich. Die Stelle ist zwar für Großbritannien und Irland ausgeschrieben, aber da man ab Ende des Jahres auch in Deutschland über die Online-Plattform gucken kann, können Sie ja schon mal Pionierarbeit leisten. Es ist doch so: Zu fixen Sendeterminen schaltet eh keiner mehr den Fernseher ein (okay, außer es wird ein internationales Fußballspiel angepfiffen, aber die Chose ist ja jetzt erst mal durch), Mediatheken sei Dank. Die Streamerei ist also ein Wachstumsmarkt, viele werden sich freuen, aus dem Schatten der Illegalität zu treten.

Damit Sie wissen, ob es sich lohnt, kurz die neueste Folge "Verbotene Liebe" anzuhalten, die Sie gerade nebenher anschauen: KarriereSPIEGEL hat sich die Anforderungen in der Stellenanzeige mal genauer angeschaut und erklärt, was man so mitbringen muss als Profi-Glotzer.

  • Gesucht wird: Film- und TV-Experte mit großartigem Organisationstalent, der sich bei Projekten durchbeißt - und detail-orientiert ist.

Anders formuliert: Sie brauchen Sitzfleisch. Denn Achtung, es gibt auch Blockbuster wie "Mein kleines Pony", die jemand gewissenhaft analysieren muss. Kleiner Mental-Trick: Stellen Sie sich vor, Sie wären Bruce Willis. Gerne auch Lara Croft. Die sind sich auch für keinen Job zu schade, Motto: Irgendwer muss es ja machen.

  • Technische Vorkenntnisse: Erfahrungen mit Content-Management-Systemen und Excel-Spezialist.

Nicht gleich weiterscrollen, weil da das böse Wort "Excel" steht! Es ist wohl der einzige Job, bei dem Tabellenpflege Spaß macht. Ihre Aufgabe wäre, die Serien und Filme penibel den hausüblichen Kategorien zuzuordnen. Das dürfte der trickreichste Teil der Stelle sein, denn das Kategorien-Reservoir bei Netflix ist unerschöpflich: Es gibt etwa 77.000 Label. Eine Summe, auf die nicht mal Martin Scorsese kommt, wenn er bei einem seiner Filme die Komparsen zählt. Aber mit so lahmen Dingern wie "Komödie", "Tragödie", "Thriller" hält man sich hier gar nicht auf. Hier wird mit Schmackes sortiert. Kostprobe? Bittesehr: "düstere Filme, die auf die Tränendrüse drücken, mit starker weiblicher Hauptfigur", "Sportfilme mit Kult-Status" oder "Filme mit einem Mega-Nicolas-Cage-Nervenzusammenbruch". Zur Vorbereitung schon mal hier recherchieren, lustiger Kategorie-Generator inklusive.

  • Geboten werden: flexible Arbeitszeiten, Home Office. Passt für alle mit Liebe zu Filmen und Fernsehsendungen, also etwa Filmhistorikern, Regisseuren, Drehbuchschreibern.

Endlich ein Auffangbecken für all die prekären, arbeitslosen "Du, ich arbeite beim Film"-Typen! Sie können einfach auf dem Sofa sitzenbleiben, auf dem Sie nachts mitten in der zweiten Staffel "Kommissarin Lund" eingepennt sind. Morgens im Berufsverkehr im Stau stehen, das ist dann das Leben der anderen. Und wenn Mama anruft und fragt: "Was machst du denn tagsüber zu Hause, etwa wieder Seriengucken?", kann man endlich ehrlich sein. Und sagen: "Ja, Mama, aber sorry, keine Zeit, ich arbeite."

  • Hintergrund: ein bis zwei Jahre Erfahrung mit Websites, Medien und neuen Medien, Arbeit als Film- und Fernsehjournalist von Vorteil.

Wir verraten Ihnen hier ein Wort, das Sie dringend in Ihrem Anschreiben unterbringen müssen: Bingewatching. Das ist heute der Terminus technicus fürs Dauerglotzen. Damit ist allen klar, dass Sie wissen, wovon Sie reden - und Ihre dunklen Augenringe sind ein ernst zu nehmender Ausweis Ihrer Passion. Sie haben jahrelang an dieser Expertise gearbeitet, worauf warten Sie noch, los!

(Ach so, falls Sie die Fernbedienung suchen: Sie sitzen drauf.)

  • KarriereSPIEGEL-Autorin Anne Haeming (Jahrgang 1978) ist freie Journalistin in Berlin.

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insgesamt 9 Beiträge
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Seite 1
WertPacket 18.07.2014
1. Witzig?
Ich kann nichts lustiges bei dieser Stellenanzeige finden. Der Erfolg einer Fernsehsendung hängt nicht zuletzt mit der Erwartungshaltung des Zuschauers zusammen. Es ist also schon sehr wertvoll eine Sendung adäquat beschreiben zu können. Den Hamburger kann ich auch hier im Büro essen.
akmsu74 18.07.2014
2. genau umgekehrt...
Um so etwas durchzustehen, muss man - im Gegensatz zur Vermutung der Autorin - dem "Untersuchungsgegenstand" sehr distanziert gegenüber stehen. Sonst gibt es a) inakzeptabel verzerrte Beschreibungen (sowohl "pro", als auch "contra") und b) sehr bald den Burnout. ...und nicht zu vergessen: Wer sein Hobby zum Beruf macht ... verliert sein Hobby.
twister-at 18.07.2014
3. Wichtiger Job
Auch wenn dies so locker-fluffig klingt, so sind die Jobs als tagger oder ähnliches keineswegs so ein Traumjob, bei dem man nur anschaut und gut. Zum einen muss man teilweise Genres erst selbst erfinden bzw. Kategorien entwickeln, zum anderen ist Genauigkeit auch z.B. in Bezug auf Darsteller usw. wichtig, auch soll nicht zu viel verraten werden, aber das Ganze dennoch interessant erscheinen _und_ die Kategorien müssen stimmen. A1 TV zeigt derzeit, was passiert, wenn die Tagger wirklich nur noch murksen - da wird Law and Order zur Mystery-Serie, Lost ist ein Krimi und Werbefernsehen zur Dokumentation. Das ist aber für Leute, die z.B. schauen "welche Dokus gibt es denn heute" nervig und wirkt sich daher negativ aus - der Kunde will ja möglicht schnell seinen eigenen Fernsehplan bekommen, benachrichtigt werden usw. usw. All diese Features funktionieren nur, wenn entsprechend "getaggt" wird, sonst wird der Kunder nämlich sauer wenn er "Breaking Bad" verpasst weil es nicht unter "Serie" verbucht ist. Netflix-Kategorien sind ja, siehe Artikel, schwierig und daher ist es dort nicht so simpel. Solche Jobs machen Spaß, sollten aber eben nicht als "yeah, nur glotzen"-Job angesehen werden.
facepalme 18.07.2014
4.
Was haben Sie denn gegen My little pony?
joergimausi 18.07.2014
5. Wieso ...
... ist auf dem Bild zum Artikel eindeutig eine männliche Gestalt zu erkennen? Gibt es keine fetten, dauerglotzenden Frauen? Das ist, zusammen mit der Überschrift und dem Artikel, eindeutig sexistisch.
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