Tücken der Nachtarbeit Irgendwann macht der Körper schlapp

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Von Brigitte Zander

2. Teil: "Dauersprinter gibt es nicht" - auch robusten Menschen greift Nachtarbeit irgendwann an die Substanz


"In der Jugend steckt man nächtliches Schaffen gut weg. Mit den Jahren steigt die Belastung für den Körper nicht nur linear, sondern überproportional an", sagt Friedhelm Nachreiner, Leiter der Gesellschaft für Arbeits-, Wirtschafts- und Organisationspsychologische Forschung. Etwa bei der Polizei - sein Gutachten über den Gesundheitszustand rheinland-pfälzischer Polizeibeamter endete mit dem Ergebnis: "Ab dem 21. Schichtdienstjahr nimmt das Risiko, eingeschränkt dienstfähig oder völlig dienstunfähig zu werden, exponentiell zu. Dauersprinter gibt es nicht."

Das hat Volker Kunz, 53, Polizeihauptkommissar in Birkenfeld, inzwischen auch begriffen. Seit 1975 schiebt er Früh-, Spät- und Nachtschichten im Fünf-Tage-Rhythmus. Danach zwei Tage frei, bis zur nächsten Frühschicht um 6.30 Uhr. Hinzu kommen Sondereinsätze bei Fußballspielen oder Demos sowie "Springer"-Einsätze für erkrankte Kollegen. "Man schlägt sich viele Nächte zusätzlich um die Ohren. Ein komplett freies Wochenende ist selten", gibt Kunz zu Protokoll.

Lange verkraftete der Vater von fünf Kindern den Einsatz an sozialen Brennpunkten, mit Verkehrsunfällen und Einbrüchen, Wirtshausschlägereien und Familientragödien ohne größere Probleme - "ich bin robust". Klar, manchmal fühlte er sich latent unwohl, hatte Magenschmerzen, schlief schlecht. Nichts, um sich jemals dienstunfähig zu melden.

"Plötzlich ging den Leuten ein Licht auf"

"Doch mit Ende 40 wurde es deutlich schwerer." Chronischer Schlaf- und Bewegungsmangel, unregelmäßiges Essen und Übergewicht zeigten Folgen. Heute leidet der sportliche Nichtraucher unter starken Durchblutungsstörungen. Mit seinem Lieblingssport Fußball sei es "seit drei Jahren vorbei". Mit 60 kann er in Pension gehen. Wobei Polizei-Forscher Nachreiner schon prophezeit: "Die Schäden nehmen Sie in den Ruhestand mit."

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Nachtschicht: Mit dem Pizza-Express durch Dunkelberlin
Angesichts alternder Belegschaften bemühen sich Gewerkschafter, Forscher und Unternehmen, die Nachtaktivität humaner zu gestalten. Und rennen dabei oft gegen Mauern. Wie Wilfried Stenz, Betriebsratsvorsitzender der Rasselstein GmbH in Andernach, wo 1500 Arbeiter Verpackungsbleche produzieren - "rund ums Jahr in einem Sammelsurium von mörderischen Schichten".

Wegen gehäufter Unfälle und einem Krankenstand von sieben bis acht Prozent wollte er auf "gesündere" Schichten mit weniger Geld und mehr Freizeit umstellen. "Damals, vor neun Jahren, hab' ich Prügel gekriegt." 90 Prozent der Männer bevorzugten die traditionelle Schufterei. Das neue Modell lief erst mal testweise: je zwei Früh-, Spät- und Nachtschichten, dann vier Tage frei. Stenz: "Plötzlich ging den Leuten ein Licht auf: Sie sahen ihre Familie mehr, waren erholter, konnten mehr unternehmen", so Stenz. Und der Krankenstand sank auf drei Prozent.

"Frühstück mit den Kindern - Ehrensache"

Für Frauen gingen die "weichen Werte" eines familiären und sozialen Lebens schon immer vor, waren wichtiger als knallharte Ökonomie-Kalkulationen. Nur lassen sich solche Vorlieben oft nicht realisieren. Die alleinerziehende Mutter Inge Oumar, 46, schiebt seit elf Jahren Wechselschicht in der Papierfabrik des Konzerns Giesecke & Devrient. Anfangs war sie "heilfroh", überhaupt einen Vollzeitjob zu ergattern, und dachte: "Im Schichtdienst hast du tagsüber sogar mehr Zeit für die Töchter, damals acht und zwölf."

Gute Schichten, schlechte Schichten
Die Gesetzeslage
dapd
Das deutsche Arbeitszeitgesetz garantiert Nachtschaffenden mindestens alle drei Jahre eine medizinische Untersuchung auf Firmenkosten; nach dem 50. Lebensjahr steht ihnen dieses Recht alljährlich zu. Falls der Arzt Geundheits-Gefahren durch Nachtarbeit feststellt, kann der Arbeitnehmer verlangen, auf einen "geeigneten Tagesarbeitsplatz" umgesetzt zu werden.
Rotation vorwärts und rückwärts
Lange, rückwärts rotierende Arbeitszeiten (etwa bis zu sieben Schichttage am Stück, Nacht-, Spät-, Frühdienst in Folge, danach ein mehrtägiger Freizeitblock) gelten inzwischen als "Killer"-Schichten. Moderne Arbeitsforscher plädieren für: vorwärts rotierende Schichten (früh, spät, nachts), maximal zwei bis drei am Stück, dazwischen mindestens 24 Stunden Ruhepause.
"Opa-Tage"
Was Arbeitnehmern hilft: generell mehr Flexibilität und Wahlmöglichkeiten im Schichtplan. Manche Unternehmen bieten für ältere Arbeitnehmer Schichten mit "Opa-Tagen", also drei bis sechs Nachtschichten weniger per Monat. Computerprogramme erleichtern Betrieben das Austüfteln maßgeschneiderter, gesünderer Modelle.
Infos im Web
Das Bundesministerium für Arbeit und Soziales empfiehlt die neue Projekt-Website der Initiative Neue Qualität der Arbeit (INQA), die von Bund, Ländern, Sozialpartnern und Unternehmen getragen wird. Darin finden sich Musterpläne, Checklisten und "Bewertung neuer Schichtpläne" nach dem wahrscheinlichen Gesundheits-Risiko. Hier können Schichtarbeiter auch ihre "Arbeitszeiten online bewerten" oder herausfinden, ob sie selbst genug für ihre Gesundheit tun. Die IG Metall hat eine ähnliche Webseite; auch die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin und die Gesellschaft für Arbeits-, Wirtschafts- und Organisationspsychologische Forschung bieten software-unterstützte Schichtplanung an.
Zugunsten des Familienlebens zerstückelte sie auch noch ihre Schlafperioden vor den späten Diensten. "Frühstück mit den Kindern - Ehrensache. Danach ab ins Bett, mittags wieder aufstehen und kochen, vor der Nachtschicht noch eine Stunde auf der Couch ausruhen."

Die Folgen des chronischen Schlafentzugs zeigen sich heute. "Man ist nicht mehr sehr belastbar", sagt Inge Oumar. Die Kraft für Sport, Hobbys oder Vereinsaktivitäten fehlt. Der Kontakt zu Freunden fällt schwerer, wenn der Alltag außerhalb der Norm verläuft. Am meisten beklagt sie den Zeitmangel für berufliche Weiterbildung: "Folglich gibt es keine Zukunftsperspektive. Man bleibt stehen, chancenlos."

Brigitte Zander, Diplom-Soziologin, war 25 Jahre "Stern"-Redakteurin und arbeitet heute als freie Journalistin in München. Als Chronotyp gehört sie zu den Eulen und praktizierenden Langschläfern. Wehe, wer morgens um 7 Uhr anruft ...

Mehr in der KarriereSPIEGEL-Themenwoche "Nachtschicht - Arbeiten, wenn andere schlafen":

Montag - Nachtschicht: Mit dem Pizza-Express durch Berlin
Dienstag - Lichtscheue Gestalten: Darum lieben wir Nachtarbeit
Mittwoch - Innere Uhr: Nachtarbeit macht krank
Donnerstag - Nachtarbeiter: Wer hat an der Uhr gedreht?
Freitag - Carpe noctem: Freunde der Nacht
Samstag - Grauenhaft gute Laune
Sonntag - Stress pur bis morgens um sieben

insgesamt 22 Beiträge
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Seite 1
Sackaboner 13.04.2011
1. Krank
Viele wichtige biochemische Vorgänge im Organismus aller Lebewesen folgen einem Tag-Nacht-Rhythmus. Das Einhalten des Rhythmus ist so essentiell für die Gesundheit wie der Schlaf selbst. Ein ständiges Durchbrechen des Rhythmus stellt eine Körperverletzung dar, mit ernsthaften Folgen für die Gesundheit. Dies sollte als versicherungsrechtlich relevanter Tatbestand anerkannt werden, damit die Millionen Betroffenen endlich bessere Arbeitsbedingungen einfordern können.
Mimimat 13.04.2011
2. ...
Fragt sich nur, wie dann Krankenhäuser, Feuerwehr, Polizei, Energiebetriebe usw.... am Laufen gehalten werden. Auf ein Mindestmaß begrenzen, ja! Aber ganz abschaffen wird kaum gehen. Es wäre nur mal schön, wenn eine unabhängige Kommission mal testet, welcher Schichtrhytmus denn nun der verträglichste ist. Ich habe über 20 Jahre in Schichten gearbeitet. Und immer, wenn eine neue Abfolge kam, wurde erzählt, dass es JETZT die gesundheitlich beste Variante ist.
the_flying_horse, 13.04.2011
3. Der Mensch ist ein tagaktives Tier...
Ich habe ein paar Jahre, als ich noch jung war, nur nachts gearbeitet. Das ging ganz gut - was kaputt machte, waren Wechselschichten; d.h. eine Nachtschicht von 12 Std., danach 24 Std. frei, dann eine Tagschicht und wieder gewechselt... Ich hatte zum Glück Kollegen, die nur tagsüber arbeiten wollten, so haben wir getauscht, das ich alle Nachtschichten hatte, aber nie wechseln musste. Ok, heute gibt es im Gesundheitswesen keine 12 Std. Schichten mehr, aber der Wechsel ist immer noch da - und der macht einen richtig fertig (was ich gerade an meiner Tochter sehe, die jetzt als Krankenschwester arbeitet). Nach ein paar Jahren übrigens wieder in einem normalen Tagesrythmus gearbeitet, also nur tagsüber - die Umstellung von jahrelangen Nachtschichten auf normale Arbeitszeiten dauerte sehr lange, das Aufstehen morgens um 6:00 war lange eine echte Qual. Der Mensch ist halt von Natur aus ein tagaktives Tier...
meisterpok 13.04.2011
4. ...
Mir würde es schon reichen, wenn der Nachtdienst vernünftig alimentiert wird. Momentan gibt es 2,72 EUR steuerfrei obendrauf, aber mein Dienstherr überlegt recht laut, dass er das auch noch besteuern will. Da frage ich mich, was dem Dienstherrn meine nächtliche Aktivität wert ist. Ganz abgesehen davon mache ich sehr gerne Nachtdienst und das schon seit 20 Jahren. Ich vermag das bis jetzt durch Sport und halbwegs gesunde Lebensweise ganz gut zu kompensieren.
h0l0fernes 13.04.2011
5. Es ist schon seit vielen Jahren bekannt,
dass Schichtarbeit krank macht und dass sie Partnerschaften und Familien zerstören kann. Aber wen interessiert das schon, wenn es um Firmenprofite geht oder um das Eintauchen in grenzenlose Spaßwelten, z.B. beim nächtlichen Einkaufen?
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