Hatz in sozialen Netzwerken Rassisten am Internet-Pranger

In den USA jagen Blogger Rassisten in sozialen Netzwerken, um sie bei ihren Arbeitgebern anzuschwärzen. Die Kündigung folgt manchmal binnen Stunden.

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Am 25. November 2014 machte die angehende Kosmetikerin Karlee einen Fehler. Im endlosen Strom ihrer oft wenig reflektierten Twitter-Nachrichten über Partys, Boys, Joints, Schminktipps und Beziehungsprobleme leistete die Schülerin sich einen Kommentar zum Geschehen in Ferguson, Missouri.

Nachdem im August ein weißer Polizist unter umstrittenen Umständen einen schwarzen Jugendlichen erschossen hatte, kam die Stadt nicht mehr zur Ruhe. Am 24. November wurde bekannt, dass der Todesschütze nicht vor Gericht gestellt werden würde. In mehr als 170 US-Städten kam es zu teils gewalttätigen Demonstrationen.

Dazu schrieb Karlee, ein Mädchen aus einem reichen, zu 92 Prozent weißen Kleinstädtchen: "All diese Nigger, die die amerikanische Flagge verbrennen, sollte man nach Afrika zurückschicken."

Auf dieses ausgesucht dämliche und rassistische Statement folgte ein Shitstorm der Sonderklasse. Denn der Tweet inspirierte eine bis heute unbekannte Person, ein Tumblr-Blog zu eröffnen: Noch am selben Tag wurde Karlee zum ersten Ziel von "Racistsgettingfired".

Das Tumblr-Blog hat es sich zur Aufgabe gemacht, Rassisten in Social Networks aufzuspüren, sie zu identifizieren, ihre Daten zu veröffentlichen und ihre Kündigung zu erwirken.

Mehr als ein Pranger: Kanalisierung der Wut

Das klingt erst einmal nach einer gerechten Sache. Alltagsrassismus wird oft ignoriert, ist aber extrem verbreitet. Auch einige deutsche Betriebe hätten wohl deutlich weniger Mitarbeiter, wenn man Türkenwitze und rassistische Bemerkungen konsequent als das behandeln würde, was sie sind: Kündigungsgründe.

"Grundsätzlich könnte man dem Arbeitsrecht folgend eine Menge Äußerungen beanstanden", sagt der Hamburger Arbeitsrechtler Martin Schmidt. "Vor Gericht landet so was aber nur sehr selten." Oft steckten Migranten Diskriminierungen einfach weg, "weil sie nicht zeigen wollen, dass sie sich davon verletzt fühlen".

Dabei ist die Rechtslage völlig eindeutig: Im Arbeitsleben herrscht Diskriminierungsverbot. Zuwiderhandlungen können mit Kündigung bestraft werden. Bei Beamten auch dann, wenn sie sich privat rassistisch äußern oder agieren. Bei Angestellten nur, wenn sie damit den betrieblichen Frieden stören. Auch straf- wie zivilrechtlich kann man gegen rassistische Diskriminierungen vorgehen.

Nur passiert das eben nicht oft. Ist es da nicht gut, wenn das Internet dabei hilft, dass jemand die Konsequenzen für öffentliche rassistische Äußerungen tragen muss?

Bereits seit Ende 2012 sammelt der Blogger Logan Smith bei Twitter Äußerungen mit der Relativierung "Ich bin ja kein Rassist, aber..." und veröffentlicht sie im Blog "Yesyoureracist". In diesem Sammelbecken schwappt ein oft erschreckender Mix aus krankem rassistischem Humor und Chauvinismus.

Hass und Hatz - wenn die Crowd zum Mob wird

Da tummeln sich Rednecks und Rechtsradikale mit kruden bis menschenverachtenden Ansichten: Man findet Rechtfertigungen für Gewalt, Vergewaltigungen, Lynchjustiz gegen Nicht-Weiße. Was man dort allerdings auch findet, sind die Karlees dieser Welt - geschwätzige Teenager. Die einen wie die anderen ernten eine Flut wütender Proteste und empfindlicher Bloßstellungen. Oft schaukeln sich Verhöhnungen und Beschimpfungen bis zu Gewaltandrohungen auf.

Die da outen und spotten, fühlen sich im Recht. Mitunter aber schießt die Crowd weit übers Ziel hinaus.

So gibt es bereits einen Fall bei "Racistsgettingfired", in dem eine Beschuldigte behauptet, ihr seien rassistische Äußerungen von jemand anderem untergeschoben worden. Das ist nicht auszuschließen. Der Shitstorm erfolgt reflexartig, niemand prüft die Vorwürfe.

Doch selbst wenn sie stimmen, muss die Vehemenz der Reaktion nicht immer gerechtfertigt sein. Vor Gericht macht es einen Unterschied, ob da ein Teenager steht oder ein 35-jähriger Tankwart, der seine "Knarre fertig macht wegen der Schwarzen-Ausstellung in der Stadt". Vor der Crowd sind beide gleich schuldig.

Am 26. November, nach nicht einmal 24 Stunden, verlor die minderjährige Karlee ihren Nebenjob als Kellnerin. So wurde sie zum ersten dokumentierten "Abschuss" auf der Liste von "Racistsgettingfired". Ihr Arbeitgeber hatte zuvor Hunderte von Protestbriefen erhalten. Angebliche Kunden ließen auch auf der Facebook-Seite des Restaurants Dampf ab und riefen zum Boykott auf. Formell geklagt hatte niemand.

Wo sollte die Toleranz für dummes Geschwätz enden?

Selbst in Deutschland, so Arbeitsrechtler Schmidt, könne es zur Kündigung kommen, wenn sich jemand "nur" in privatem Kontext rassistisch verhalten habe: "Wird der öffentliche Druck sehr groß, kann das zu einer Störung des Betriebsfriedens führen. Genauso, wie wenn einer seine Freizeit Heil-Hitler-rufend mit Demos verbringt und Migranten im Betrieb deshalb die Zusammenarbeit mit ihm verweigern."

Auch der Druck gegen Karlee wirkte öffentlichkeitswirksam, unmittelbar und überwältigend. Als Karlees Arbeitgeber die Kündigung bekannt gab, bedankte er sich in einer Erklärung bei all den Menschen, die auf die "ekelerregenden Äußerungen" aufmerksam gemacht hatten: "Wir haben uns schnell um dieses Individuum gekümmert" - und zwar fristlos (siehe Fotostrecke).

Das klang, als sei die Vorsitzende des Ku-Klux-Klans zur Strecke gebracht worden - nicht nur ein rassistischen Blödsinn plappernder Teenager. Wenige Tage später verschwanden Karlees Social-Network-Accounts einer nach dem anderen aus dem Netz.

Der Shitstorm gegen Karlees Arbeitgeber schlug derweil in Dankesbriefe und Höchstbewertungen für die Ballermann-ähnliche Country-Gastronomie um. Bisher, schrieben einige, habe man dort zwar noch nie gegessen, aber das werde sich jetzt ändern: Ein Restaurant, dass sich so konsequent von einer Rassistin trenne, sei empfehlenswert.

Die Familie ist nach dem sozialen Selbstmord der rassistisch schwadronierenden Kosmetikerin abgetaucht. Anfragen von SPIEGEL ONLINE ließ Karlee unbeantwortet. Ihr Traummann, schrieb sie übrigens 2014 in einem Forum, sei der schwarze Rapper Wiz Khalifa. Das ist glaubhaft: Das Mädchen liebt HipHop.

Zum Autor
  • KarriereSPIEGEL-Autor Frank Patalong arbeitet seit 1999 bei SPIEGEL ONLINE.



Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 57 Beiträge
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dirse 26.01.2015
1. Finde ich bedenklich
Und zwar nicht deswegen, weil hier ein berechtigtes Anliegen - die Kritik an rassistischen Äußerungen - verfolgt wird, sondern weil auf diese Art ein Pranger entsteht, der zu einer Art Schattenjustiz ohne Recht auf Verteidigung wird.
cirkular 26.01.2015
2. In Deutschland ist es durchaus üblich
den vermuteten Anschwärzer recht herzhaft in die Mangel zu nehmen. Und das Fatalste: die Meisten finden das offensichtlich gut.
mipez 26.01.2015
3.
Solche in Selbstjustiz verliebten Leute sind schlimmer als jede beiläufige "rassistische" Bemerkung jemals sein könnte. Bitte die Blogs schließen, dort wird schließlich Volkshetze betrieben.
rigo-de-hain 26.01.2015
4. Beschuldigungen
hoffentlich mit Beweisen und eingehender Prüfung. Sonst wird es so, dass man Leute anschwärzt, nur weil man sie vielleicht nicht leiden kann. Hatten wir schonmal!
fernossi 26.01.2015
5. Nur noch ein kleiner Schritt zur Gedankenpolizei
die wollen natürlich nur das Beste erreichen und eine "schöne, neue Welt" aufbauen.
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