Frage an die Karriereberaterin Liegt es an meinem Übergewicht, dass ich im Job nicht weiterkomme?

Mario ist topausgebildet, fleißig und ehrgeizig. Doch bei Beförderungen wird er ständig übergangen und fragt sich nun: Liegt es an seinen vielen Kilos? Karriereberaterin Svenja Hofert hat eine Antwort - und einen Rat.

Ist ein dicker Bauch für die Karriere schädlich?
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Ist ein dicker Bauch für die Karriere schädlich?


Warum geht es für mich nicht weiter? Mario, 38, hat einen Top-Lebenslauf. Und er hängt sich richtig rein, holt für seine Chefs ständig die Kohlen aus dem Feuer. Doch bei Beförderungen wird er immer wieder übergangen. Er ist überzeugt: Das hat System - doch: Woran liegt es? Nun fragt er sich, ob sein Übergewicht der Grund dafür sein könnte, dass seine Karriere stagniert.
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Karriereberaterin Svenja Hofert antwortet:

Schauen Sie in die Spitzenpolitik oder in die oberen Etagen der Dax-Unternehmen: Dort gibt es reichlich Menschen, die etliche Kilos zu viel mit sich tragen - übrigens vornehmlich Männer. Das heißt: Zu viel Gewicht ist nicht per se ein Ausschlusskriterium für eine erfolgreiche berufliche Laufbahn. Dennoch kann es tatsächlich ein Grund sein, warum jemand nicht befördert wird.

Wer behauptet, das Äußere spiele keine Rolle, lügt sich in die Tasche. Wir reagieren immer auf die körperliche Erscheinung unseres Gegenübers, auf die Stimme, den intuitiv gewählten Körperabstand, Geruch, Kleidung, Selbstaussagen, auf das Gesamtbild eben. Der sogenannte Halo (dt. Heiligenschein, Nimbus)-Effekt sorgt dafür, dass wir jemanden aufgrund von attraktiver Erscheinung und Auftreten mehr zutrauen - ohne statistische Grundlage.

Das ist unfair, aber leider meistens wahr. Denn Klischees und Stereotypen vereinfachen uns das Leben und sparen Gehirnkapazität. Und garantiert finden wir immer wieder Belege für unsere stereotype Annahme, weil wir auf unsere Selbstbestätigungstendenz hereinfallen.

So kommt es, dass einem dicken Mann in kurzen Hosen und Karohemden einiges unter Umständen nicht zugetraut wird, was bei einem gertenschlanken, in feines, maßgeschneidertes Tuch gehüllten attraktiven Managertypen automatisch angenommen wird. Auch "blond und blöd" ist so ein Stereotyp, weshalb viele misstrauisch sind, wenn eine langbeinige Blondine den Posten des CEOs bekommt. Wir folgen auch Berufs- und sogar Abteilungsklischees: Schließen Sie die Augen und stellen Sie sich einen Softwareentwickler vor. Und nun einen Investmentbanker. Ich wette, es waren sehr unterschiedliche Bilder.

Das ist erst mal frustrierend, kann aber auch eine Chance sein: Denn mit Klischees und Stereotypen kann man bewusst Katz und Maus spielen. Wenn der Übergewichtige sich nicht in Sack und Asche oder Karohemd und kurze Hose kleidet, verwirrt er die Katze.

Sowohl den ersten Eindruck als auch das eigene Image kann man nämlich mitgestalten - unabhängig von der Kilozahl oder jedem anderen vermeintlichen äußerlichen Makel, den man selbst als Attraktivitätseinbuße empfindet. Ich sage bewusst "man selbst", denn diese Aussage beinhaltet schon einen Teil der Lösung: Die eigene Wirkung ist eng mit unserem Selbstbild gekoppelt, und diese bestimmt die Fremdwahrnehmung mit.

Lieber Mario, in Ihrem Fall spielt offenbar auch die selbsterfüllende Prophezeiung mit hinein. Wer schon glaubt, aufgrund seiner Pfunde - wahlweise aufgrund fehlender Zentimeter an Größe oder zu augenfälliger Blondheit - keine Karriere zu machen, der wird laufend Bestätigung für dieses Gefühl finden. Das ist wie ein Pingpongspiel: Sie senden etwas aus, es kommt zurück, Sie reagieren auf diese Erwartung, diese reagiert auf Sie. Übertragen auf eine berufliche Alltagssituation sieht das so aus: Sie fordern weniger selbstbewusst, halten mehr Körperabstand, Ihre Stimme ist weniger klar. Und die anderen reagieren darauf.

So verfestigt sich das Image des Fleißigen, der zufrieden alles wegschafft und den anderen den Rücken freihält, damit diese ihre Karrieren vorantreiben können.

Miese Vorstellungsgespräche

Mario, Sie sollten aber nicht nur Ihren Blick auf sich selbst überprüfen, sondern sich auch die Kultur Ihrer Firma noch einmal genauer anschauen. Tatsächlich werden nämlich in manchen Unternehmenskulturen die Fleißigen ausgebeutet. Denn Fleiß ist oft mit persönlicher Unsicherheit gekoppelt: Der Fleißige hängt sich rein, sucht Anerkennung für Leistung und will keine Fehler machen.

Gut möglich, dass das bis zu einer mittleren Ebene gut funktioniert, doch (spätestens) ab da setzen sich oft die durchsetzungsstarken Selbstbewussten durch, vielleicht auch die strahlenden Sunnyboys, die kooperativen Netzwerker oder die raffinierten Taktiker. Welcher Typ weiterkommt, bestimmt die Kultur, und es ist überall anders.

Also gilt es, das informelle Beförderungssystem zu durchschauen, das sich völlig paradox zu den formellen Regeln verhalten kann. Und da kann durchaus ein unausgesprochener Code verankert sein, etwa: An die Spitze kommen bei uns gutaussehende weiße Männer, Stanford-Alumni oder promovierte Ingenieure. Aber Dicke nicht. Das alles ist selbstverständlich weder erlaubt noch irgendwo schriftlich niedergeschrieben und steht auch auf keiner Karrierewebseite. Sie erschließen sich diesen Code allein durch Beobachtung.

Und können sich dann überlegen, ob Sie den Kampf gegen das informelle System aufnehmen oder sich eine Firma suchen, die anders tickt.

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