Von wegen Feierabend Angestellte opfern fünf Stunden Freizeit für die Arbeit - jede Woche

Feierabend? Für viele Arbeitnehmer ist unklar, wann der eigentlich anfängt. Denn Angestellte verbringen schon heute wöchentlich mehr als fünf Stunden ihrer Freizeit mit Beruflichem.

Arbeit am Laptop zu Hause (Symbolbild)
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Arbeit am Laptop zu Hause (Symbolbild)

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Dienstliche Mails beantworten, Fachliteratur lesen, noch schnell ein Telefonat: Im Durchschnitt verbringt jeder Arbeitnehmer in Deutschland mehr als fünf Stunden seiner wöchentlichen Freizeit damit, berufliche Dinge zu erledigen. Nimmt man noch die Zeit hinzu, in der Angestellte nach eigener Aussage über ihre Arbeit nachdenken, steigt der Wert sogar auf über sechs Stunden pro Woche.

Das geht aus der neuen Studie "Arbeiten in Deutschland" hervor, die am Dienstag in Hamburg vorgestellt wird und deren Auswertung dem SPIEGEL bereits vorliegt. Erstellt wurde sie vom Bonner Institut zur Zukunft der Arbeit (IZA) in Zusammenarbeit mit dem Karrierenetzwerk Xing. Zuerst hatte am Montag die "Welt" über die Studie berichtet.

Die Ergebnisse im Überblick:

  • 62,8 Prozent der Befragten gaben an, dass sie sich in ihrer Freizeit regelmäßig mit Tätigkeiten beschäftigen, "die eigentlich der regulären Arbeitszeit zuzurechnen sind".
  • Männer (67 Prozent) erledigen Berufliches häufiger in der Freizeit als Frauen (50 Prozent) - nach Aussagen der Forscher, weil Frauen mehr im Haushalt arbeiten und deshalb weniger Zeit für Aufgaben aus dem Arbeitsverhältnis bleibt.
  • 21,6 Prozent der Arbeitnehmer schätzen ihre wöchentliche Zusatzarbeit auf zwei Stunden.
  • Bei immerhin 28,2 Prozent der Arbeitnehmer liegt die zusätzliche Arbeit nach Feierabend zwischen drei und zehn Stunden.
  • Mehr als jeder siebte Angestellte (13 Prozent) gab an, Berufliches im Umfang von zehn oder mehr Stunden pro Woche in seiner Freizeit zu erledigen - in Einzelfällen auch bis deutlich über 20 Stunden hinaus.

Damit liege de facto eine flächendeckende Flexibilisierung der bisherigen Abgrenzung von Arbeit und Freizeit vor, stellen die IZA-Experten fest. Diese "Entgrenzung" sei zwar Realität, spiegele sich aber bei knapp zwei Dritteln der Arbeitnehmer noch nicht im Arbeitsvertrag wider.

"Der Befund wirft ein Schlaglicht auf Veränderungen in der Arbeitswelt, mit denen das gegenwärtige Arbeitsrecht nur schwer Schritt halten kann", schreiben die Autoren der Studie. So gehe das Arbeitszeitgesetz davon aus, dass sich Arbeitszeit eindeutig messen lässt. Wenn die Grenze zwischen Arbeit und Freizeit aber aufgeweicht werde, ließen sich Überschreitungen der Arbeitszeit "immer schwerer erfassen".

Die Realität, heißt es in der Untersuchung, überhole damit die im Arbeitsrecht gängige Definition von Arbeit als derjenigen Zeit, in der Arbeitnehmer dem Weisungsrecht des Arbeitgebers unterliegen. "Wenn Dienstgeschäfte freiwillig außerhalb der Bürozeiten erledigt werden, erfüllt das nicht das Kriterium des Weisungsrechts und wäre somit keine Arbeit - was den Betroffenen einigermaßen absurd vorkommen dürfte", sagt Hilmar Schneider, Leiter des Bonner Instituts zur Zukunft der Arbeit.

Weil sich immer mehr Arbeit in der Wertschöpfungskette auf Wissensarbeit und soziale Interaktion gründet, hält Hilmar Schneider das Gesetz für überholt: "Eine Präsenzkultur am Arbeitsplatz, wie sie etwa aus Japan oder auch den USA bekannt ist, wirkt sich eher als Kreativitätshemmnis aus" - weshalb Unternehmen zunehmend auf Arbeitsergebnisse als Messwert für Erfolg blickten, unabhängig von der Anwesenheit am Arbeitsplatz.

Die Messbarkeit von Arbeitszeit, so der IZA-Chef, sei deshalb schon heute "eine Illusion". So gibt es etwa beim Softwareanbieter SAP eine neue Vereinbarung zwischen Unternehmen und Betriebsrat, die es jedem Mitarbeiter weitgehend freistellt, ob er ins Büro kommen oder lieber im Homeoffice arbeiten möchte.

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Durch die Digitalisierung würden sich selbstständige Arbeit und abhängige Beschäftigung immer ähnlicher, so Hilmar Schneider. Dadurch verliere der Arbeitnehmerschutz durch das Arbeitszeitgesetz an Wirksamkeit: "Mit rückwärts gewandten Forderungen wie etwa dem Verbot von E-Mails außerhalb der offiziellen Bürozeiten ist dem nicht beizukommen." In mehreren Unternehmen, unter anderem in der Autoindustrie, war zuletzt darüber diskutiert worden, den Empfang dienstlicher E-Mails nach Feierabend zu unterbinden.

Details zur Erhebung
Wer wurde befragt?
Befragt wurden 1808 Beschäftigte zwischen 25 und 54 Jahren. In einer weiteren, parallelen Umfrage wurden zusätzlich 1967 Mitglieder des Karrierenetzwerks Xing befragt; diese Ergebnisse wurden in unserem Text nicht berücksichtigt.
Ist die Umfrage repräsentativ?
Nach Angaben des Institut zur Zukunft der Arbeit (IZA) ist die Umfrage repräsentativ für Arbeitnehmer in Deutschland, und zwar regional, vom Alter und von den vertretenen Branchen her.
Wie wurde befragt?
Es handelt sich um eine Onlineumfrage.
Welche Unternehmen waren an der Umfrage beteiligt?
Das Karrierenetzwerk Xing und das Institut zur Zukunft der Arbeit (IZA) haben die Umfrage als Kooperationsprojekt durchgeführt. Die eigentliche Datenerhebung wurde vom IZA an einen externen Dienstleister vergeben.
Gab es Qualitätskontrollen?
Nach IZA-Angaben wird die Qualität der Daten des Dienstleisters vertraglich garantiert.
insgesamt 41 Beiträge
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Seite 1
ctreber 05.03.2018
1. Was für Arbeitsnehmer?
Es geht hier offensichtlich nicht um den Kassierer bei Tengelmann, oder?
genedoc 05.03.2018
2. Interessant!
Und zum Gegenrechnen dann bitte gleich auch die Studie zu den Zeiten, die Arbeitnehmer mit Privatem während der normalen Arbeitszeit verbringen. Höchstwahrscheinlich fällt im Durchschnitt (schon klar, dass das nicht in allen Berufen geht, z.B. bei Weichenstellern ;-)) dann die Bilanz negativ für die Arbeitgeber aus. Wie oft ich erlebe, dass Mitarbeiter an ihren Smartphones rumfummeln oder am PC Flüge buchen, Olympia schauen etc. Solange die Arbeitsleistung stimmt, sage ich ja nichts. Aber wenn mir eine käme mit Ausgleich für die im Artikel genannten (Über-)Stunden ...
PeterPe 05.03.2018
3. Privates am Arbeitsplatz bitte gegenrechnen
Die fuenf Stunden sehe ich bei mir auch. Fairerweise sollte man aber die oft betraechtliche Zeit, die waerend der Arbeit mit Privatem, insbesondere Internet-Sufen, verbracht wird, gegenrechnen. Zusammen mit privaten Emails und dem Nutzen des Telefons (WhatsApp etc) koennen das schnell 5 Stunden pro Woche sein.
opalo 05.03.2018
4. Grenzen setzen!!! Nur in absoluten Ausnahmefällen....
.... arbeite ich in meiner Freizeit. Ich mag meine Arbeit (und akzeptiere auch Überstunden), aber sie ist nicht mein Leben. Ein Diensthandy oder -laptop habe ich abgelehnt, Homeoffice auch. Denn hätte ich eine dieser Varianten, würde ich mindestens fünf Stunden in der Woche unbezahlt in meiner Freizeit arbeiten in der Illusion, mein Tisch wird dann vielleicht mal leerer. Ich zwinge mich auf diese Weise zur strikten Trennung von Arbeit und Freizeit und das tut mir gut. An alle, die sich das wünschen und sagen "Bei mir geht das aber nicht" - doch, es geht aus meiner Sicht in den allermeisten Fällen! Man muss sich dafür mit dem Gedanken anfreunden, dass man weniger wichtig für das Unternehmen ist als man glaubt und dass man ersetzbar ist. Würde ich von einem Tag auf den anderen tot umfallen, müssten meine Kollegen und Geschäftspartner ohne mich klar kommen. Und das würden sie auch. Und Ihre Kollegen, Kunden oder Geschäftspartner würden es im Fall der Fälle auch....!
zeichenkette 05.03.2018
5. Tja, hat zwei Seiten
Ich mache das auch schon mal, manchmal ist es letztlich einfacher, etwas sofort zu erledigen. Vor allem, wenn es noch Folgearbeiten nach sich zieht, wenn es nicht sofort erledigt. Aber es bleibt immer noch ein ganz erheblicher Unterschied zwischen Selbstständigkeit und abhängiger Beschäftigung: Bei Selbständigkeit bleiben die erwirtschafteten Gewinne bei einem selbst, bei abhängiger Beschäftigung beim Arbeitgeber. Das Verlustrisiko natürlich auch (und als Selbständiger zahlt einem niemand für die Zeit, die man Urlaub macht oder krank ist), aber übertreiben sollte man das garantiert nicht. Wer mehr als eine Stunde oder so in der Woche unbezahlt in der Freizeit arbeitet, sollte sich überlegen, wie das auf Dauer gehen soll. Wobei es hier natürlich auch noch interessant wäre, wie hoch die Gehälter derjenigen sind, die etliche Stunden in der Woche zusätzlich arbeiten: Wer 100000 Euro oder so im Jahr verdient, der hat da sicherlich eine andere Sicht als jemand, der kaum genug zum Leben verdient. Und Leute, für die ihre Arbeit auch eine Art Selbstverwirklichung ist, sowieso.
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