Zu viel Arbeit So wehren Sie sich gegen Überstunden

Ihr Chef beutet Sie aus? Dann wehren Sie sich! Bosse, die ihren Mitarbeitern zu viele Überstunden aufbrummen, müssen schlimmstenfalls sogar in den Knast. Ein Überblick über Ihre Rechte.

Von Volker Kitz

Chef, Mitarbeiter: "Machen Sie sich da gleich dran?"
Corbis

Chef, Mitarbeiter: "Machen Sie sich da gleich dran?"


KarriereSPIEGEL-Klassiker
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Freitagabend, 18.45 Uhr: Auf Zehenspitzen schleichen Sie zum Hinterausgang im Büro. Sie haben etwas total Verrücktes getan und sich schon für sieben Uhr abends im Kino verabredet. Deshalb wollen Sie zum ersten Mal in diesem Monat vor 20 Uhr die Arbeit verlassen - immerhin sind Sie, wie jeden Tag, seit 8.30 Uhr dort. Als Sie nach der Türklinke greifen, hören Sie hinter sich eine vertraute Stimme.

"Ich habe Ihnen was auf den Tisch gelegt - machen Sie sich da gleich dran, wenn Sie von der Toilette zurück sind? Müsste heute noch fertig werden…"

Was tun Sie?

  • Ich denke: "Den Film kann ich mir auch noch auf DVD anschauen, wenn ich in Rente bin."
  • Ich biete meinem Chef an, die Arbeit nach dem Kino zu Hause zu erledigen, denn ich will meinen Job nicht gefährden.
  • Ich biete meinem Chef an, ihn vor einer Gefängnisstrafe zu bewahren, indem ich ihm das Arbeitszeitgesetz erläutere.

Variante drei wäre sicher die beste. Denn die 40-Stunden-Woche steht nicht nur in manchen Arbeitsverträgen. Auch das Gesetz bestimmt: Ein normaler Arbeitnehmer darf nicht mehr als acht Stunden pro Werktag arbeiten.

"Ich sehe meine Kinder auch nur im Urlaub."

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Natürlich gibt es Ausnahmen: Der Chef darf verlangen, dass Sie an manchen Tagen bis zu zehn Stunden arbeiten - aber nur, wenn Sie über ein halbes Jahr hinweg im Durchschnitt nicht auf mehr als die acht Stunden pro Tag kommen. Wer rechnet, merkt schnell: Dafür müssen Sie an anderen Tagen früher nach Hause gehen. Oder ganz frei machen. Weitere Ausnahmen gelten, wenn ein Schaden droht, zum Beispiel Lebensmittel oder andere verderbliche Stoffe gefährdet sind oder das ganze Arbeitsergebnis auf dem Spiel steht. Also kurz gesagt: Wenn die Bude brennt.

Nun brennt in vielen Unternehmen permanent die Hütte. Deshalb dürfen Sie wirklich nur dann länger arbeiten, wenn weitere Voraussetzungen erfüllt sind: Der Arbeitgeber darf nichts dafür können, und es darf keine andere Möglichkeit geben, Schäden zu verhindern. Gehört es nur zum guten Ton, dass bei Ihnen niemand vor acht nach Hause geht, reicht das nicht. Eben so wenig, wenn Ihr Arbeitgeber nur Personalkosten sparen will und generell zu wenige Leute beschäftigt.

Und selbst wenn alle diese Voraussetzungen erfüllt sind, darf über ein halbes Jahr gesehen im Durchschnitt trotzdem niemand mehr als 48 Stunden pro Woche arbeiten.

Gilt für Sie ein Tarifvertrag, kann der Sonderregelungen enthalten - hier sollten Sie sich individuell informieren. Mehr als acht Stunden Arbeit pro Tag sind nicht grundsätzlich ausgeschlossen. Aber das darf immer nur die Ausnahme sein - nie die Regel.

Jeder Verstoß dagegen ist eine Ordnungswidrigkeit, für die dem Arbeitgeber ein Bußgeld von bis zu 15.000 Euro droht. Ist Ihr Chef uneinsichtig, kann die Ordnungswidrigkeit sogar zur Straftat werden. Dann droht bis zu ein Jahr Gefängnis.

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Arbeitsrecht: Was Ihr Chef darf - und was nicht
Das ist der Fall, wenn Ihr Chef vorsätzlich handelt und Gesundheit oder Arbeitskraft eines Arbeitnehmers gefährdet. In vielen Betrieben ist diese Voraussetzung regelmäßig erfüllt, denn die Überarbeitung macht die Beschäftigten krank, körperlich wie psychisch.

Gefängnis droht auch, wenn der Arbeitgeber mehrfach beharrlich gegen die Regeln verstößt - wenn Sie also ständig wieder Ihre Kinoverabredung absagen müssen, obwohl Sie schon mehrfach darauf hingewiesen haben, dass Sie zu lange arbeiten.

Jeder Arbeitgeber muss das Arbeitszeitgesetz übrigens aushängen oder auslegen. Ein eleganter Einstieg für ein Gespräch mit Ihrem Chef über Überstunden könnte also die Frage sein: "Wo hängt bei uns eigentlich das Arbeitszeitgesetz?"

Nur wer die richtigen Paragrafen nennt, wird ernst genommen! Darauf berufen Sie sich: Arbeitszeitgesetz (ArbZG), § 3 (Arbeitszeit), § 14 (Ausnahmen), § 16 (Aushang), § 22 (Bußgeld), § 23 (Straftaten).


Dieser Artikel ist ein Auszug aus dem Buch "Stimmt's oder hab ich Recht?" Der Text wurde redaktionell leicht bearbeitet.



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insgesamt 226 Beiträge
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Seite 1
Bernt 23.01.2015
1. Falsch recherschiert - 5 setzen!
Samstag ist auch Werktag! Letztendlich darf ich also in der 5 Tage Woche jeden Tag 9,6h Also in der Woche 5* 9,6h=48h arbeiten!
Sibylle1969 23.01.2015
2. Coole Sache...
...aber leider kaum praktikabel. Wer würde sich das trauen? Es gibt viele Firmen, in denen es zur Firmenkultur gehört, dass permanent deutlich mehr gearbeitet wird, als das Arbeitszeitgesetz erlaubt.
Waldpinguie 23.01.2015
3. tolle Ratschläge
Chef in Knast, Arbeitnehmer in Recht und füllt Antrag auf Arbeitslosengeld aus. Etwas übertreiben dargestellt sicherlich. Letztlich bleibt es ein nehmen und ein geben.....
relic 23.01.2015
4. Da würde ich gerne mal...
... die Reaktion des Arbeitgebers sehen (und auch das folgende Arbeitszeugnis) wenn ein Arbeitnehmer ihn in den Knast schickt. Der bekommt odch niemals wieder einen Job!
annoo 23.01.2015
5. Naja, es mag ja stimmen...
...aber wer klagt, kann gleich gehen. In vielen Architekturbüros, die ich kenne, werden bis zu 60 Stunden pro Woche gearbeitet, selbstverständlich ohne Überstunden bezahlt zu bekommen. Für noch nicht mal besonders viel Geld, zumindest in Berlin. Wem das nicht passt, der kann ja gehen, es stehen genug andere auf der Straße, so vom Chef gehört. Ebenso mal gehört - Originalzitat: "Was ist das für ein Architekturbüro in dem der Chef als einziger am Wochenende arbeitet?". Wohlgemerkt, es ging dabei nicht um ein einmalig hohes Arbeitsvolumen, nein, es handelte sich um eine ganz normale Arbeitswoche wie die meisten. Arbeitsphasen mit geringem Auftragspensum gibt es da so gut wie gar nicht, da sind die Scheinselbstständige schon gar nicht mehr beschäftigt. Insofern ist die Idee, den Chef per Klage zur Raison bringen zu wollen, nur begingt gut.
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