Überwachung durch die Firma Wenn der Chef sich ins Privatleben einmischt

Schrittzähler, Fitnesstrainer, Kalorientracker: Einige Firmen benehmen sich wie ein Überwachungsstaat. Karriereberater Martin Wehrle findet: Das ist unsittlich und entmündigt Erwachsene.

Getty Images/Blend Images


Haben Sie Lust, sich mal so richtig zum Hampelmann zu machen? Dann sollten Sie bei einem bestimmten großen Maschinenbauer anfangen. Dort werden die Mitarbeiter dreimal pro Woche an ihrem Arbeitsplatz von einem Fitnesstrainer besucht. Dann heißt es: aufstehen, rumhüpfen, Hampelmann machen. 15 Minuten lang.

Die Veranstaltung findet im Großraumbüro statt. Niemand muss mitmachen, sagt der Abteilungsleiter. Und damit klar wird, wie ernst er das meint, gehört er selbst zu den Vorturnern und bringt seine Leute unter Zugzwang.

Derselbe Maschinenbauer hatte schon Jahre zuvor in einem Wettbewerb das fitteste Team gesucht. Die Abteilungsleiter baten ihre Mitarbeiter, jeden Schritt des Tages mit elektronischen Zählern zu dokumentieren, vom Aufstehen bis zum Schlafengehen. Am nächsten Tag wurde addiert und ins Intranet übertragen. Dort war zu verfolgen, wer welche Zahl von Schritten zurückgelegt hatte.

"Vollkommen freiwillig"

Das Mitmachen war "vollkommen freiwillig". Nur hätte jeder Verweigerer die Chancen seines Teams geschmälert - eine "Freiwilligkeit", der man sich schwer entziehen konnte. Zumal die Chefs in Sieben-Meilen-Schritten voraneilten.

Aus Spaß wurde Wettkampf: Jeder Vorgesetzte wollte sich mit dem fittesten Team schmücken. Morgens rechnete ein Abteilungsleiter seinen Leuten vor: "Wenn jeder 1500 Schritte mehr geht, liegen wir morgen auf Platz 1." Wer am nächsten Tag ohne Steigerung ins Büro kam, brauchte ein gutes Alibi. Keinen Hund zu haben reichte nicht.

Wo die Fürsorge endete und die Bespitzelung begann, war völlig unklar. Ein älterer Mitarbeiter, der häufig mit Rückenproblemen fehlte, bekam im Jahresgespräch zu hören: "Tun Sie was für Ihre Gesundheit! Sie gehen hier auf dem Flur ja mehr Schritte als nach Feierabend." Und einem Marathonläufer wurde vorgehalten, dass bei seinem abendlichen Laufpensum von über 15.000 Schritten keine Kraft für "Extrameilen in der Firma" bleibe.

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Was Mitarbeiter in den Wahnsinn treibt

Mosaik; 380 Seiten; 15 Euro

Viele Konzerne mischen sich ins Privatleben ihrer Mitarbeiter ein. Am liebsten würden sie vorschreiben, was zu Hause auf den Teller kommt, wie viele Schritte zu gehen sind und nach wie vielen Stunden der Schlafplatz frühestens verlassen werden darf.

Und wehe, ein Mitarbeiter verstößt gegen eine Vorschrift! Dann rückt die konzerneigene Gesundheitspolizei mit Blaulicht aus, zerrt ihn aus seinem Fernsehsessel und treibt ihn fünf Runden um den Block, bis er die vorgeschriebene Zahl an Schritten erreicht hat. Sollte er sich weigern, ist das Widerstand gegen die Konzernstaatsgewalt. Dann droht ihm ein Verfahren beim Mitarbeitergespräch.

Umfassende digitale Kontrolle

Ich übertreibe, aber leider nur ein bisschen: Etliche Firmen in den USA verpassen ihren Mitarbeitern schon heute elektronische Mini-Spione, "ID Badges" genannt. Jedes Gesichtszucken und jede Geste, jedes Wort und jeder Schritt werden erfasst. Und eine Tracking-Software überträgt dem Restaurantchef live auf den Bildschirm, ob sein Mitarbeiter dem Gast ein zusätzliches Dessert aufschwatzt oder nicht.

Noch weiter gehen Apps, die das Start-up Misfit für Unternehmen entwickelt hat: Schlaf, Schritte, Sport, Kalorienverbrauch - alles wird protokolliert. Der Tracker kann als Arm- oder Halsband getragen werden. Wer sich viel bewegt, bekommt von Firmen wie BP und Ebay eine günstigere Gesundheitsvorsorge - womit die weniger Sportlichen als Faulpelze am Pranger stehen.

Und wer in einem deutschen Warenlager von Amazon arbeitet, ist für seinen Arbeitgeber ein offenes Buch: Die Bewegungsprofile werden per Computer verfolgt. Wer zu langsam läuft, wird doppelt angetrieben: vom Chef und von den Kollegen. Denn es winkt ein Bonus, der sich auf die Leistung der ganzen Gruppe bezieht. Wenn einer langsamer ist - etwa durch eine Verstauchung -, büßen alle. Jeder treibt jeden an.

Was besser funktioniert als Druck

Was sich als Bonus tarnt, ist ein Instrument der Kontrolle und der Disziplinierung - in einem Unternehmen, das seine Mitarbeiter auf der Toilette noch mit Schildern behelligt, die einen sparsamen Umgang mit Klopapier anmahnen - damit von den rund 200 Milliarden US-Dollar Jahresumsatz nicht zu viel weggespült wird.

Also: Wenn Firmen wie der beschriebene Maschinenbauer ernsthaft etwas für die Gesundheit ihrer Mitarbeiter tun wollen, habe ich ein paar Vorschläge, die besser als Schrittezählen funktionieren:

  • Beschäftigten vertrauen, statt sie rund um die Uhr zu kontrollieren;
  • ihnen ihre Individualität lassen, statt sie durch Regeln zu ersticken;
  • kaputtgesparte Teams wieder aufstocken;
  • Projekttermine realistisch setzen;
  • Arbeitsmengen so kürzen, dass sie in die regulären Arbeitszeiten passen;
  • niemandem durch Sparwahn dauerhafte Existenzängste bereiten;
  • Frauen vor sexueller Belästigung schützen, denn laut der Internationalen Arbeitsorganisation ILO wurden in Europa 40 bis 50 Prozent schon angegangen;
  • und Mobbing-Opfer gegen Mobber verteidigen, statt die Meute anzuspornen.

Wer Mitarbeiter unter Dauerstress setzt, sie bis zum Umfallen schuften lässt und dann beklagt, dass sie zu oft krank sind und sich zu wenig bewegen, ist als Gesundheitspfleger unglaubwürdig.

Dieser Text ist ein Auszug aus Martin Wehrles neuem Buch "Noch so ein Arbeitstag, und ich dreh durch - Was Mitarbeiter in den Wahnsinn treibt" (Mosaik, 2018).



insgesamt 44 Beiträge
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Seite 1
Igelnatz 25.09.2018
1. wichtig in diesem Zusammenhang
ein Betriebsrat! Ein guter!
kzs.games 25.09.2018
2. theoretisch ziemlich gut
ich finde die Idee an sich nicht schlecht, nur sollten eben Einzelpersonen und nicht (vorrangig) Gruppen bewertet werden. was spricht dagegen, dem sportlichsten Mitarbeiter (oder mehreren) eine Belohnung in Form von einem extra Gehalt, Sonderurlaub oder auch einfach nur "an der Schlange vorbei beim Mittagessen" zu geben? er ist schließlich auch deutlich weniger krank, insgesamt leistungsfähiger und hat somit auch einen höheren Wert als die dicke Tante aus der Verwaltung die mitm Auto zum Arbeiten (Parkplätze, Umwelt) kommt und ihren Sahnejoghurt löffelt
unaufgeregter 25.09.2018
3. Selbstschutz
Schon seit vielen Jahren trenne ich strikt das Berufliche und das Private. Mein Arbeitgeber hat meine Adresse und meine Kontonummer. Mehr muss er nicht wissen. Wer heute glaubt, dass das Gesundheitsmanagement ausschließlich der Gesundheit des Mitarbeiters dient, der ist naiv. Ich bleibe derartigen Veranstaltungen grundsätzlich fern, weil ich im Laufe meiner langen Dienstzeit gelernt habe was mir gut tut und was nicht.
unaufgeregter 25.09.2018
4. Neoliberal
Zitat von kzs.gamesich finde die Idee an sich nicht schlecht, nur sollten eben Einzelpersonen und nicht (vorrangig) Gruppen bewertet werden. was spricht dagegen, dem sportlichsten Mitarbeiter (oder mehreren) eine Belohnung in Form von einem extra Gehalt, Sonderurlaub oder auch einfach nur "an der Schlange vorbei beim Mittagessen" zu geben? er ist schließlich auch deutlich weniger krank, insgesamt leistungsfähiger und hat somit auch einen höheren Wert als die dicke Tante aus der Verwaltung die mitm Auto zum Arbeiten (Parkplätze, Umwelt) kommt und ihren Sahnejoghurt löffelt
Sie scheinen dem neoliberalen Kapitalismus voll auf den Leim gegangen zu sein. Ich nehme an, dass Sie unter 40 sind und wie ich damals noch glauben, dass sich Leistung und die richtige Figur im Betrieb lohnt.
widower+2 25.09.2018
5. Tolle Idee
Zitat von kzs.gamesich finde die Idee an sich nicht schlecht, nur sollten eben Einzelpersonen und nicht (vorrangig) Gruppen bewertet werden. was spricht dagegen, dem sportlichsten Mitarbeiter (oder mehreren) eine Belohnung in Form von einem extra Gehalt, Sonderurlaub oder auch einfach nur "an der Schlange vorbei beim Mittagessen" zu geben? er ist schließlich auch deutlich weniger krank, insgesamt leistungsfähiger und hat somit auch einen höheren Wert als die dicke Tante aus der Verwaltung die mitm Auto zum Arbeiten (Parkplätze, Umwelt) kommt und ihren Sahnejoghurt löffelt
Da pushen sich dann die jüngeren Mitarbeiter sportlich derartig hoch, dass sie zu erschöpft zum Arbeiten sind oder sich Ermüdungsbrüche holt, während "die dicke Tante aus der Verwaltung" mit vielleicht jahrzehntelanger Erfahrung weiterhin ihren Job macht. Einzig denkbar finde ich Bonuszahlungen für alle, die ein gewisses Mindestniveau an sportlicher Aktivität erreichen. Und zwar abgestimmt nach Alter und individuellen Voraussetzungen. Oder wollen Sie von einem 60-jährigen gleich viel verlangen wie von einem Mittzwanziger?
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