Höhenretter im Ulmer Münster Abseilen vom höchsten Kirchturm der Welt

Das Ulmer Münster hat den höchsten Kirchturm der Welt, 768 Stufen führen zur Aussichtsplattform. Aber wie kommt man im Notfall wieder runter? Höhenretter proben die Bergung eines Herzinfarktpatienten.

Höhenretter der Feuerwehr proben im Ulmer Münster
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Höhenretter der Feuerwehr proben im Ulmer Münster


Tobias Hilpold spielt seine Rolle gut. Laut Drehbuch hat er starke Herzbeschwerden, sie strahlen in seinen Arm aus. Ein Infarkt? Um ihn herum wuseln Rettungskräfte, sie schließen ihn an Schläuche und Maschinen an, bauen ein EKG auf, überprüfen Werte. Hilpold muss schnell in ein Krankenhaus, raus aus dem Ulmer Münster. Doch bis nach unten sind es Hunderte Treppenstufen. Der Kirchturm ist mit 161,53 Meter der höchste der Welt.

Die Retter schnallen den 21-Jährigen auf einer Trage fest, decken ihn zu und tragen ihn ins sogenannte Turmzimmer. Von hier, in 72 Meter Höhe, führt ein schmaler Schacht durch den Glockensaal über den Orgelboden bis ins Hauptportal der Kirche. Früher wurden auf diesem Weg die großen Kirchenglocken mit Seilen nach oben gezogen. Nun baumeln hier einmal im Jahr Rettungskräfte und proben den Ernstfall.

Patient Hilpold wird von einem Helfer auf dem Weg nach unten begleitet. Ihr Leben hängt an dünnen Seilen, blau und rot. Meter für Meter sinken sie in den Schacht. Das Holz knarzt. Hilpolds Unwohlsein sieht nun nicht mehr gespielt aus.

Eine Höhenrettung ist Teamarbeit
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Eine Höhenrettung ist Teamarbeit

Höhenretter der Feuerwehr arbeiten ehrenamtlich und werden gerufen "für alles, was höher ist als 30 Meter", sagt Johannes Hühn, Leiter der Ulmer Höhenrettungstruppe. Bis zu fünf Mal im Jahr werden der 32-Jährige und seine Kollegen alarmiert, um verletzte Kranmonteure zu bergen oder Ballonfahrer - oder Touristen aus dem Ulmer Münster.

"Wir haben viele Kreislaufsachen, aber auch Knochenbrüche", erzählt Turmwart Jürgen Schnittker. Viele Leute überschätzten die 768 Stufen bis nach oben. "Die jagen hier hoch bei 30 Grad."

Die Höhenretter kommen bepackt mit kiloschwerer Spezialausrüstung: Helme, Seile, Gurte, Bandschlingen, Karabiner, Rollen, Flaschenzug, Sicherungsgeräte. Drei Rettungsdurchgänge machen sie an diesem Abend. Hühn stoppt die Zeit. Sieben Minuten für den Aufstieg, 15 Minuten für die Patientenvorbereitung, acht Minuten zum Abseilen. Er ist zufrieden: "Wir wollen uns nicht messen, das ist kein Wettkampf." Sicherheit gehe vor Schnelligkeit.

Wer in der Truppe mithelfen will, muss eine Grundausbildung bei der Feuerwehr absolviert haben und einen 80-stündigen Grundlehrgang. Regelmäßig wird zusammen trainiert, "pro Jahr 72 Übungsstunden am Seil", sagt Hühn.

Der Schacht zwischen den riesigen Räumen im Ulmer Münster ist nur zwei Meter breit. "Drei Meter bis zum nächsten Loch", ruft ein Höhenretter in sein Funkgerät. "Patient hat Bodenkontakt!", antwortet ein anderer. Hilpold hat das Abenteuer überstanden. Er ist selbst Rettungssanitäter in der Ausbildung. "Sie haben mich nach allen Regeln der Kunst verarztet", sagt er.

Geschafft! Der Patient ist wieder unten
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Geschafft! Der Patient ist wieder unten

vet/dpa



insgesamt 6 Beiträge
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Seite 1
udo46 13.05.2016
1.
Ich hatte mal einen Bekannten, der wollte unbedingt auf den Turm des Münsters bis ganz nach oben. Das ging ja noch, aber runter ist er - kein Witz - rückwärts auf allen Vieren. Dabei verriet er mir, dass er Höhenangst hätte.
noalk 13.05.2016
2. Energieverbrauch
Ein 100 kg schwerer Mensch verbrennt für die Überwindung eines Höhenmeters etwa 1 kcal. Bis zur Galerie in 143 m Höhe sind das also ca. 140 kcal. Die in relativ kurzer Zeit zu verstoffwechseln, ist für Untrainierte kein leichtes Unterfangen. Vielleicht sollte man Besucher vor dem Hinaufsteigen mal darauf hinweisen, damit sie - zumindest nicht bei 30°C - die Treppe raufhetzen.
karl-der-gaul 14.05.2016
3. Toll
Weltmeister im Kirchturm bauen, der Stolz ist so hoch wie der Turm. Hurra, Weltmeister.
murksdoc 14.05.2016
4. Nein Danke!
In 25 Jahren im Ulmer Notarztdienst und aus 3 Vorfällen dieser Art, die allesamt andere Kollegen von mir betrafen, vorgewarnt (Höhenretter gab es damals noch nicht. Da war gute alte sportliche Betätigung angesagt bis man, bepackt mit Sauerstoff, Beatmungsgerät und schwerem Notarztkoffer aus der letzten Ritze pfeifend oben ankam und erstmal selber am liebsten ein paar Züge des kostbaren sauren Gases genommen hätte. Das schlimmste ist der letzte Teil, der Aufstieg in einer extrem engen, steinernen Wendeltreppe im Inneren der sich nach oben verjüngenden Turmspitze. Um Höhenängstlinge wie mich in den Wahnsinn zu treiben, haben dessen Konstrukteure grosse Fenster in diese hineingemacht, die ich eher als mannsgroße viereckige Löcher bezeichnen würde, die sich auf Fusshöhe (!!!) befinden und durch die schon bei schönstem Wetter beängstigend der Wind durch die Unterhosen des Kirchturmsteigers pfeift. Wenn man dann aber endlich zum Entschluss gekommen ist, die kleine und viel zu enge Plattform auf 153m Höhe und ihr primitives Geländerchen, von dem man nicht weiss, wie die Sicherheitsvorschriften bezüglich der Haltbarkeit des Maurermörtels vor 800 Jahren formuliert und eingehalten worden waren, zugunsten festen Boden wieder zu verlassen, dann glotzt der gemeine Schwindelgefährdete bei seinen nicht enden wollenden Umdrehungen während des Abstieges dauernd durch diese Löcher nach unten, was durch den Drehwurm, die damit verbundene Übelkeit, den durch diese Löcher pfeifenden Orkan und die Tatsache, dass die 800 Jahre alten Steinstufen bei aller Art von Nebel und Bewölkung feucht und glitschig werden, nicht unbedingt lustiger wird). Nachdem ich da ein paarmal oben war und mir geschworen hatte, nur noch unter Vorhaltung einer durchgeladenen Maschinenpistole je wieder diesen Aufstieg zu machen, traf mich eines Tages der Einsatzanlass: "Herzinfarkt auf der Spitze des Münsterturmes" im Dienst. Als ich nach den gefühlt längsten fünf Minuten meines Lebens am Fusse dieses Turmes eintraf und mich auf alles, wirklich alles, mental vorbereitete, kam mir der Patient freundlichweise zu Fuss entgegen. Mein Gefühl der Erleichterung kann ich heute noch fühlen (Der holländische Patient hatte übrigens ein "Römheld-Syndrom", prinzipiell "Blähungen", die ähnliche Symptome machen und oft mit Herzinfarkt verwechselt werden und die durch die Ausdehnung der Darmgase in grosser Höhe kommen, ein Effekt, über den Stewardessen ein trauriges Lied singen können). Interessanter fand ich da den Fall einer 90-jährigen Nonne aus einem Kloster in Unterschwaben, der ihr Stift zum Geburtstag eine Münsterbesichtigung geschenkt hatte. Vielleicht weil herausfand, dass die heiligen Hallen dort protestantisch sind oder warum auch immer: es traf sie dort der "Schlag", das heißt, sie erlitt einen Schlaganfall, was auf schwäbisch heisst: "Das Herrgöttle war in sie hineingefahren". Glücklicherweise war sie am Boden des gebMünsters lieben so liess sich das Herrgöttle ohne aus ihr Probleme wieder austreiben. Ich hoffe, sie ist mir deswegen heute nicht mehr böse und wenn doch: ich bin auch Protestant, was soll man von so einem schon anderes erwarten?
bitsure 15.05.2016
5. Rettung...
...nicht Bergung. Nur Sachen und Leichen werden geborgen. Selbst wenn es sich, bei Übungen häufig eingesetzt, um einen Dummy handeln sollte, allein aus Respekt.
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