Für den Job in die Provinz "Was zur Hölle mache ich in diesem Kaff?"

Buxtehude, Detmold, Gunzenhausen - da ist der Hund begraben. Aber: Da gibt es Jobs. Fünf Großstädter erzählen, wie sie für die Arbeit in die Kleinstadt zogen.

Aufgezeichnet von Almut Steinecke

So schön ist die Provinz: Die Dechanei in Höxter, rund eine Stunde von Detmold entfernt
picture alliance / Friedel Giert

So schön ist die Provinz: Die Dechanei in Höxter, rund eine Stunde von Detmold entfernt


Raus, nichts wie raus - so geht es vielen, die auf dem Land oder in einer Kleinstadt aufgewachsen sind. Wenn sie dann bei den Eltern ausziehen, entfliehen sie auch der Provinzialität der Heimat: Jeder kennt da jeden, das Kulturangebot ist sehr überschaubar, und es gibt selten Neues zu entdecken.

Nach ein paar Jahren in der Großstadt zieht es manchen zurück ins Idyll. Warum auch nicht? Jeder kennt da jeden, das Kulturangebot ist schön überschaubar, und man muss nicht andauernd Neues entdecken. Ein weiterer Punkt kommt hinzu: In den Großstädten gibt es in vielen Branchen weniger freie Stellen als auf dem weiten Land.

So kommt es, dass die folgenden fünf Berufstätigen in die Provinz gezogen sind: Die berufliche Gelegenheit war günstig. Mancher fürchtete sich vor der gesellschaftlichen Enge - und hat die Heimeligkeit in der neuen Heimat lieben gelernt.

Wulf Schlachter, 45, Unternehmensberater, zog 2008 von München nach Buxtehude (39.000 Einwohner):

"Dubai – Hongkong – Buxtehude. Diese drei Städte stehen auf meiner Visitenkarte. Wenn neue Kunden das lesen, ist sofort das Eis gebrochen. 'Buxtehude, gibt es das wirklich?', ist in Meetings oft die Einstiegsfrage. Schon deshalb bereue ich keine Sekunde, dass ich von München hierhergezogen bin.

In München war ich auch Unternehmensberater, aber festangestellt in einer Telekommunikationsfirma. 2008 habe ich meine eigene Firma in Buxtehude gegründet, diese Stadt habe ich mir aus zwei Gründen ausgesucht: Meine Frau kommt aus der Gegend und hat sich gefreut, wieder nach Norddeutschland zu ziehen, außerdem ist der Hamburger Flughafen in der Nähe, da fliege ich meistens ab. Und weil ich im Schnitt an 200 Tagen im Jahr in der Welt unterwegs bin, eben in Dubai, Hongkong oder auch Los Angeles, wollte ich einen Rückzugsort, an dem ich mich nicht getrieben fühle."

Karoline Stegemann, 29, Schauspielerin, zog 2013 von Frankfurt nach Detmold (73.000 Einwohner):

"'Was zur Hölle mache ich in diesem Kaff?' Diese Frage stelle ich mir manchmal. Detmold ist eine hübsche Stadt, sehr malerisch, mit viel Fachwerk, einem Teich, einem Schloss. Aber Detmold ist auch glatt, spießig, brav; alles ist irgendwie gleich hier, es gibt keine Leute, die ausbrechen.

Mir fehlt hier das Schroffe, die Brüche des Lebens. In Frankfurt ist alles urban, multikulti und kantig, das suche ich in Detmold vergebens. Wenn ich nicht meinen Job am Landestheater hätte, würde mich hier nichts halten, null. Aber wer als Schauspieler ein festes Engagement haben will, kann sich die Stadt nicht aussuchen. Und mein Beruf wiegt das Provinzflair auf. Vielleicht spiele ich hier deshalb so supermotiviert und intensiv, weil ich in meinen Rollen unbewusst stärker nach Identität suche. Hier bin ich viel stärker auf mich zurückgeworfen als anderswo. Wenn ich Frankfurt und Detmold miteinander vergleichen müsste, wäre Frankfurt ein Bild des Expressionisten Jackson Pollock und Detmold ein Biedermeier-Gemälde von Carl Spitzweg."

Beate Arnold, 49, Kunsthistorikerin, zog 2001 von Bonn nach Worpswede (9000 Einwohner):

"'Die wollen mich! Was mache ich denn jetzt?' Ich weiß noch, wie ich das zu meiner Freundin gesagt habe, als die Zusage aus Worpswede kam. Damals lebte und arbeitete ich in Bonn bei der Kultusministerkonferenz und hatte mich in Worpswede als Leiterin für das Barkenhoff-Museum beworben. Als ich für das Vorstellungsgespräch in den Ort kam, dachte ich: 'Das geht ja gar nicht.' Ein Supermarkt, ein Café, auch verschiedene Kunstgalerien, aber sonst eben nicht viel. Man muss seine Arbeit schon sehr lieben, um sich das anzutun.

Aber ich bereue es nicht. Okay, die ersten Jahre waren nicht einfach: Als Museumsleiterin war ich plötzlich eine Person des öffentlichen Lebens und wurde intensiv beäugt. Dinge zu verändern, neuen Wind in alte Strukturen zu bringen, war knifflig. Aber endlich konnte ich gestalten, mich selbst verwirklichen, wie es mir in der Großstadt nie möglich war. Und mittlerweile liebe ich Worpswede, es ist ein einzigartige Mischung aus Kultur und Natur, mit viel Grün, sauberer Luft und einem Sternenhimmel, so strahlend und klar, wie ich ihn anderswo selten gesehen habe. Trotzdem fehlen mir auch die Lichter der Großstadt, und ich freue mich auf jede Reise. Ab und zu muss ich raus."

Daniel Kaiser, 23 Jahre, medizinisch-technischer Radiologieassistent, zog im November 2015 aus Leipzig nach Zerbst (rund 22.000 Einwohner):

"Man muss es schon so sagen: In Zerbst steppt jetzt nicht der Bär. Ich kann nicht mal eben in den Elektromarkt, denn es gibt keinen Elektromarkt. Die nächste Filiale meiner Bank ist zwanzig Kilometer entfernt. Meine Kollegen sind fast alle über 50, und am Wochenende bin ich zu Hause, gucke Fernsehen oder spiele Playstation, weil ich noch keinen Menschen kenne und generell nicht viel los ist.

Trotzdem bereue ich nicht, dass ich nach Zerbst gezogen bin. In Leipzig gibt es in meinem Job ein Überangebot an Bewerbern. Ich hatte viele Vorstellungsgespräche, das war echt frustrierend. In Zerbst werde ich gebraucht - und das ist bei der heutigen Lage auf dem Arbeitsmarkt erst mal das Wichtigste. Also bin ich mit Sack und Pack hierhergezogen. Andere in meinem Alter hätten das vielleicht nicht gemacht, und ja, Zerbst ist eine Herausforderung. Aber ich bin ja noch nicht lange hier und lerne bestimmt noch nette Leute kennen."

Ellen Barthels, 46 Jahre, Musiklehrerin, zog 2004 von Berlin nach Gunzenhausen (16.000 Einwohner):

"Nach meinem Referendariat habe ich mich gezielt in Gunzenhausen beworben: zum einen, weil mein Freund dort gerade eine Ausbildung als Klavierbauer machte, zum anderen, weil ich weg wollte aus Berlin. Berlin ist laut, anstrengend, zu viel Verkehr, zu viele Menschen. Man muss ewig lange Wege zurücklegen, um mal in einen Wald zu kommen, und jeden Tag gibt es so ein Überangebot an kulturellen Veranstaltungen, da kann man sich doch gar nicht mehr entscheiden.

In Gunzenhausen hat man in einer halben Stunde die gesamte Stadt durchquert, ich bin in fünf Minuten beim Bäcker, in zehn Minuten bei der Bank und in 20 Minuten bei der Arbeit. Ich unterrichte in einer evangelischen Mädchen-Realschule und so einen angenehmen Arbeitsplatz findet man wohl auch nur auf dem Land: Die Schülerinnen sind sehr diszipliniert, alle gehen gut miteinander um. Die Lebensqualität ist hier in jeder Hinsicht besser als in der Großstadt."



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insgesamt 179 Beiträge
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NeueTugend 16.02.2016
1. Find ich gut
Wenn man Familie hat, ist es doch schöner in kleinen überschaubaren Orten. Man grüßt noch seine Nachbarn und hilft sich noch eher gegenseitig. Zudem sehnen sich viele Menschen nach Entschleunigung. Und abgehängt von der Welt ist man durch Internet auch nicht mehr unbedingt.
Cotopaxi 16.02.2016
2. Eine viertel Stunde?
Von Detmold nach Höxter in einer viertel Stunde? Das ist selbst sonntags morgens um 4 Uhr nicht zu schaffen! Der Schenkelklopfer!
roninger2000 16.02.2016
3. Landeier
Machen wir uns nichts vor: Ein Städter wird auf dem Land nie glücklich werden. Das einzige was den Zugezogenen interessiert sind die billigen Immobilienpreise. Um sich zu integrieren muss man in den Schützenverein, Sportverein etc. Und das macht i. d. R. der Fremde nicht. Es ist für einen Münchner leichter in New York oder in Shanghai glücklich zu werden als in Freising.
netroot 16.02.2016
4. Gunzenhausen...
....kann man ja verstehen. Mir fehlen bei den Beispielen echte Härtefälle, z.B. Suhl oder Hannover.
commanderbond 16.02.2016
5. Was erwartet mich im Großstadtmoloch?
In den Beispielen werden ja schon ein paar Vorzüge des Landlebens angeführt. Hier ein paar weitere, von einem, der beide Welten kennt: Eine wirklich unbeschwerte Kindheit, Naturlandschaften statt Parks, Kriminalfälle kannte man nur aus XY, Gemeinschaft statt Anonymität, Burgruine statt Museum, Hähnekrähen statt Strassenlärm... und man munkelt es gäbe inzwischen bereits Internet mit Glasfaserperformance... Jeder hat die Wahl
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