"Kaputte Organisationskultur" Uno-Manager gerät massiv unter Druck

Mobbing, Belästigung, Machtmissbrauch: Externe Gutachter urteilen vernichtend über die Arbeitskultur in der Uno-Organisation UNAIDS. Doch Direktor Michel Sidibé hängt an seinem Posten.

UNAIDS-Chef Michel Sidibé
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UNAIDS-Chef Michel Sidibé

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Manchmal sind es einzelne Vorfälle, die Monate später eine ganze Organisation ins Wanken bringen. So war es auch mit einer Szene, die sich laut einer Uno-Mitarbeiterin im Mai 2015 in einem Hotel in Bangkok zutrug.

Dort soll sich der stellvertretende Direktor der Uno-Organisation UNAIDS, Louiz Loures, in einem Aufzug gegen seine Mitarbeiterin Martina Brostrom gedrückt, sie begrabscht und geküsst haben. Brostrom erzählte später in einem CNN-Interview, dass sie sich am Aufzug festgeklammert habe, damit Loures sie nicht in sein Zimmer zerren konnte.

Loures wies die Vorwürfe zurück, eine interne Untersuchung sprach ihn Anfang dieses Jahres ebenfalls davon frei. Im März verließ Loures die Organisation, angeblich jedoch nicht wegen dieser und ähnlicher Anschuldigungen, die inzwischen auch von anderen Frauen kamen.

Doch damit war die Sache nicht beendet. Im Gegenteil: Sie kocht in diesen Tagen wieder so hoch, dass sie den Direktor von UNAIDS, Michel Sidibé, den Job kosten und womöglich auch grundlegende Reformen anstoßen könnte.

Sidibé leitet die Uno-Organisation mit ihren knapp 680 Mitarbeitern seit zehn Jahren. UNAIDS soll den weltweiten Kampf gegen das HIV-Virus koordinieren. Sie wirbt mit Transparenz und damit, sich weltweit für die Schwächsten einzusetzen, auch und besonders für Frauen.

Doch intern wird sie - wie auch andere Uno-Organisationen - ihren eigenen Standards nicht gerecht.

Unter anderem kritisierte die Initiative "Code Blue", dass die Leitung von UNAIDS mit Brostroms Beschwerde sehr parteiisch umgegangen sei. Der britische "Guardian" berichtete, dass Direktor Sidibé Mitarbeiter eingeschüchtert und Brostrom eine Beförderung angeboten habe, damit diese ihre Beschwerde fallen lasse.

Schließlich wurde der Druck so groß, dass Sidibé eine vierköpfige externe, unabhängige Untersuchungskommission einrichten ließ. Im Juli nahm sie unter der Leitung der australischen Juraprofessorin und Menschenrechtsexpertin Gillian Triggs ihre Arbeit auf.

Am vergangenen Freitag veröffentlichte die Kommission ihre Ergebnisse - und sie sind vernichtend. Die Gutachter bestätigten, was eine Umfrage der UNAIDS-Mitarbeitervertretung USSA schon in den Jahren davor immer wieder gezeigt habe: Machtmissbrauch, Mobbing und Belästigung seien in der Organisation ein großes Problem.

Fast 60 Prozent der Mitarbeiter fühlten sich laut der jüngsten USSA-Umfrage in den vergangenen zwölf Monaten von Vorgesetzten oder Kollegen schlecht behandelt, knapp 14 Prozent berichteten von Diskriminierung und 43 Prozent von Machtmissbrauch. Knapp vier Prozent sagten, sie hätten sexuelle Belästigung erlebt.

"Personenkult"

"Die Anhaltspunkte für eine kaputte Organisationskultur, die dem unabhängigen Expertengremium vorliegen, sind überwältigend", schreiben die Experten. Die Führungsspitze pflege einen höchst persönlichen Stil, der bestimmte Mitarbeiter bevorzuge, einen "Personenkult" etabliert habe und ethische Standards nicht erfülle.

Die formellen und informellen Prozesse, um Beschwerden abzuarbeiten, seien verwirrend, nicht vertraulich, ineffizient - und außerdem nicht unabhängig vom Management. Bisherige Initiativen für eine bessere Arbeitskultur seien wenig mehr als "Pflaster" und lösten keine ernsten, langjährigen und systematischen Probleme.

Der Bericht ist eine Ohrfeige für Direktor Sidibé, dessen Ablösung die Experten unverblümt fordern. Die Führung von UNAIDS trage die Hauptverantwortung für die derzeitige Lage. "Die Kommission hat kein Vertrauen, dass die derzeitige Leitung einen Kulturwechsel herbeiführen kann."

Das Management von UNAIDS reagierte umgehend mit einer mehr als 50-seitigen Antwort. "Wir werden inakzeptables Verhalten angehen und verhindern", schreibt Sidibé in dem Papier. Seinen eigenen Rücktritt bot er bisher nicht an.

insgesamt 13 Beiträge
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ein-berliner 12.12.2018
1. UNO als Selbstbedienungsladen
Warum wird eine derartige Organisation nicht auf Effektivität laufend überprüft? Die zahlenden Staaten machen sich lächerlich derartige Selbstversorger nicht sofort zu entfernen. Sollte sich nichts ändern kann dieser Verein gleich einpacken.
th.diebels 12.12.2018
2. Die "Sesselkleber"
sind leider überall zu finden - quer durch alle Institutionen !
kuschl 12.12.2018
3. Internationale Organisationen
Internationale Organisationen sind in der Regel ineffiziente Planstellenbehörden für nationale Beamten und Politikereliten, die sich ohne klar umrissene Verantwortung und Sacherfolg bedienen. Wie gerade wieder gezeigt, entwirft man, für die Menschheit angeblich unentbehrlich, Resolutionen, die kein Mensch braucht oder beachtet. Dabei wird häufig sogar gegen die Interessen der jeweiligen Bevölkerung gearbeitet.
joppop 12.12.2018
4. Belgien
Der Belgischen Frensehen hatte vor kurzem eine doku insachen UNO Fazit ,.. Schockierend ! Mismanagement. korruption, geldverschwendung und viel nutzloses gelabere und flugreisen naturlich. Ach ja , schauen sie sich mal an wer da alles in den Menschenrechtkommission sitzt!!
timo.weisleder 12.12.2018
5.
"UNAIDS soll den weltweiten Kampf gegen das HIV-Virus koordinieren." Sehr geehrte Frau Klovert, raten Sie doch Mal, wofür das "V" in "HIV" steht. :)
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