"Work-Life-Blending" Der faule Trick mit dem unbegrenzten Urlaub

Manche Unternehmen gewähren ihren Mitarbeitern unbegrenzten Urlaub. Klingt super, wird in Wahrheit aber oft zur Falle - zumindest für den Arbeitnehmer.

Arbeit und Freizeit verschmelzen immer mehr
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Arbeit und Freizeit verschmelzen immer mehr

Eine Kolumne von


Max hat es geschafft. Vor zwei Jahren stieg er bei einem jungen, angesagten Unternehmen im Westen Deutschlands ein. Irgendwas mit Internet, der Start-up-Phase bereits entwachsen. Max mochte seine Projekte, er hängte sich rein, oft bis spät in die Nacht. Nach einem Jahr war er urlaubsreif. Das traf sich gut, denn die Firma gewährt ihren Mitarbeitern unbegrenzte Ferien. Max begann zu träumen: sechs Wochen Sri Lanka? Oder lieber zwei Monate durch Südamerika? Runterkommen auf La Réunion?

Ziele gab es viele, allein die operative Umsetzung hakte. "Klar, kein Problem. Du weißt, die Firma gewährt ihren Mitarbeitern unbegrenzte Ferien", sagte Max' Chef. Der sich natürlich nicht als Chef begreift, sondern "eher als so eine Art Teamcaptain", und in dieser Eigenschaft hinzufügte: "Nur gerade jetzt wärs für das Team ein bisschen blöd, wegen des SEO-Projekts." Das leuchtete Max ein. Er schloss das SEO-Projekt ab und auch alle anderen Projekte, was gar nicht leicht war, denn Projekte besitzen die unangenehme Eigenschaft, sich nicht an Urlaubsplanungen einzelner zu orientieren.

Das "Arbeitsmärtyrer-Syndrom" droht

Trotzdem schaffte Max es und sprach erneut die Möglichkeit eines Urlaubs an. "Da musst Du mich doch nicht fragen", sagte der Teamcaptain. "Du weißt doch, das entscheidet hier jeder ganz wie er will. Und gerade ist ja wirklich wenig los. Super eigentlich, um sich mal vertriebseitig zu profilieren. Aber wie gesagt: deine Entscheidung." Max blieb und profilierte sich vertriebseitig. Mittlerweile hat er vier Urlaubsanläufe unternommen und alle freiwillig wieder aufgegeben.

Längst sind es nicht mehr nur exotische Klitschen, die ihren Mitarbeitern theoretisch unbegrenzten Urlaub gönnen. Die Spieleprogrammierer von Zynga machen es, Netflix auch, sogar der Industriegigant General Electric. In den USA sind "Ferien für immer" zum wichtigen Instrument avanciert, um begehrte Mitarbeiter bei Laune zu halten.

Was zu der Frage führt, wie viel Urlaub jemand nimmt, der so viel Urlaub nehmen darf, wie er möchte. Die Antwort: ziemlich wenig. Laut einer Umfrage des Jobportals Glassdoor von 2014 nehmen amerikanische Angestellte schon nur gut die Hälfte der Urlaubstage, die ihnen zustehen. Ist die Zahl nicht festgeschrieben, fürchten viele Experten, steigt die Scheu, Urlaub zu machen, sogar noch an. Es droht das "Arbeitsmärtyrer-Syndrom", vulgo: Überarbeitung.

Work-Life-Blending statt Work-Life-Balance

Die Ferienfalle ist Teil eines größeren Trends: Die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit verschwimmen. Work-Life-Balance war gestern, jetzt kommt "Work-Life-Blending", die Durchmischung von Job und Privatleben. Eine gute Sache, wenn man früher ins Fitnessstudio will oder morgens gern länger ausschläft. Eigentlich. Zu oft allerdings wird aus "Vertrauensarbeitszeit" ein "Zwang zur Selbstausbeutung", wie der Personalexperte Christian Scholz sagt. Denn welcher Teil beim Blending gerade überwiegt, entscheiden die meisten Menschen mit Blick auf betriebliche Notwendigkeiten. "Die Folge", sagt Scholz, sei "eine metastasenartige Durchdringung des Privatlebens durch den Beruf".

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Top und Flop: So viel Urlaub bekommen Angestellte weltweit

Natürlich sind Stechuhren von gestern, starre Urlaubskonten auch und wer will schon der IG Metall ("Samstags gehört Vati mir.") das Wort reden? Die Frage ist nur, ob sich die Unternehmen selbst einen Gefallen tun mit Work-Life-Blending. Ob nicht ein ausgeruhter Mitarbeiter bessere Leistung bringt als einer, der nie richtig abschaltet. Ob Vati nicht am Montag einen besseren Job machen könnte, wenn er am Samstag auf dem Spielplatz auch im Sand gebuddelt und nicht Mails beantwortet hätte. Denn wer im Privaten nicht den Job mal ausblenden kann - der bringt das Private auch mit in den Job.

Max übrigens durfte doch noch nach Südamerika. Für drei Monate. Seine Firma hat kürzlich eine Dependance in Rio de Janeiro eröffnet. Die läuft nicht so gut, und Max macht dort jetzt den Troubleshooter. Sein Chef, der Teamcaptain, sagte beim Abschied: "Und häng doch noch ein paar Wochen Copacabana dran. Du weißt ja: Hier darf jeder so viel Urlaub nehmen, wie er möchte."



insgesamt 65 Beiträge
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Seite 1
observerlbg 06.05.2016
1. Die Mehrheit der Unternehmen und....
...Arbeitsstellen lassen derart nicht zu, ist also eher ein Randproblem der Arbeitswelt. Die Selbstausbeutung ist viel schlimmer in Berufen mit einem hohem Anteil an Scheinselbstständigen, aus purer Not. Der Burnout dieser Scheinselbstständigen ist dann rein physischer Natur und führt zum sofortigem entgültigem Berufslebenende.
Gerdd 06.05.2016
2. War der Zwangsurlaub ...
... nicht doch die bessere Loesung? Zeitweilig hatte ich die Situation, dass der nicht genommene Jahresurlaub am Ende des 1. Quartals des neuen Jahres automatisch gegeben wurde, und aus versicherungsrechtlichen Gruenden durfte man dann auch nicht arbeiten. Es handelte sich um eine sehr grosse Firma und so war es dem jeweiligen Manager nicht moeglich, das zu ueberstimmen. Aber man konnte ganz gut damit drohen: Wenn du mich jezt im Januar nicht gehen laesst, dann falle ich nachher im Maerz aus. Was ist dir lieber? In Deutschland hatte ich zeitweilig 36 Urlaubstage im Jahr - das konnte man kaum am Stueck nehmen: sieben Wochen plus - und meistens fielen dann auch noch ein paar Feiertage mit da hinein. Acht Wochen weg, das ist schon fast wie kuendigen und wiederkommen. Da sind notwendigerweise die Projekte entweder vorbei oder bis zur Unkenntlichkeit veraendert. Wer seine Karriere also auf sichtbare Erfolge aufzubauen versucht, wird sich damit also schwer tun. Ausnahme (vielleicht) wenn man nach acht Wochen Chaos zurueckkommt und dann das Ganze wieder herausreisst - also etwas fuer geborene Krisenmanager ;-)
Solid 06.05.2016
3.
Es ist eben auch dann erforderlich, dass man für sich selbst eine Balance findet. Und seine sechs Wochen Urlaub im Jahr unterbringt. Die Konkurrenz erringt durch Verzicht keinen Vorteil, an der zieht man vorbei, wenn sie im Burnout ist.
Europa! 06.05.2016
4. Menschen arbeiten gern
"Selbstausbeutung" - was für ein Blödsinn. Die geschilderten Sachverhalte zeigen doch bloß, dass Menschen gern arbeiten, wenn sie das Gefühl haben, etwas Sinnvolles zu tun. Ein Abenteuerurlaub mit Tropenkrankheit, ein Skiurlaub mit Knochenbruch oder eine Kreuzfahrt mit Zu-Tode-Langweilen ist schließlich auch nicht gesünder als eine erledigte berufliche Aufgabe mit hohem Befriedigungspotential.
yshitake 06.05.2016
5. Das Arbeitsrecht verbietet bereits die meisten dieser Praktiken
aber wo kein Kläger, da kein Richter. Bei mittelständischen Firmen mit Betriebsrat und Gewerkschaftanhang seit anno dazumal gibt es solche Praktiken nirgends. Resturlaub aus dem alten Jahr muss bis Ende März des Folgejahres verbraucht werden, sonst haben sie ihre Geschäftspratiken ruckzuck vor dem Arbeitsgericht zur Prüfung. Ein DAX-Konzern der seine MA vordergründig gut bezahlt, hat weder einen Betriebsrat noch Arbeitsschutz zu fürchten...denn da kann die Selbstausbeutung des Arbeitnehmers ja noch eine Win- Win- Situation sein, zumindest solange man noch jung und stressresistent genug ist, und sonst keine Hobbys hat wie Frau und Kinder...Es sind regelrechte Söldner-Verhältnisse die bspw. in der Unternehmensberatung herrschen...aber solange das niemanden der Betroffenen stört, der Corps-Geist, das Elitedenken, der Gruppenzwang noch funktioniert, kann man dagegen nicht viel sagen, oder?
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