Urlaub ohne Ende Was passiert, wenn alle unbegrenzt freinehmen dürfen

So viel bezahlten Urlaub machen, wie man mag - ein Traum. US-Unternehmer Nathan Christensen hat ihn seinen Mitarbeitern ein Jahr lang erfüllt. Jetzt zieht er Bilanz.


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  • Mammoth
    Nathan Christensen ist CEO des US-Personaldienstleisters Mammoth mit 40 Mitarbeitern. Er hat Jura studiert und zuvor als Anwalt für die Kanzlei Perkins Coie und als Unternehmensberater für die Boston Consulting Group gearbeitet.
Mitarbeiter dürfen so viel bezahlten Urlaub nehmen, wie sie wollen - das ist in vielen US-Firmen immer noch ein heißes Thema. Die Crowdfunding-Plattform Kickstarter hat die unbegrenzten Urlaubstage vor Kurzem wieder abgeschafft - mit der Begründung, die Angestellten hätten noch seltener freigenommen als zuvor.

Befürworter des unbegrenzten Urlaubs sagen, dass sich so die Work-Life-Balance verbessern lässt. Kritiker fürchten, dass die Regelung zum Missbrauch einlädt und der Produktivität der Firma schadet. Wer hat Recht? Ich bin Chef eines Personaldienstleisters in Oregon und habe ein Jahr lang allen Mitarbeitern erlaubt, so oft freizunehmen, wie sie wollen - und kann beides nicht bestätigen.

Wir sind eine kleine Firma, und wir mochten die Idee, dass man mit unbegrenzten Urlaubstagen Vertrauen in seine Mitarbeiter beweist, ihnen und ihren Familien etwas Gutes tut, Bürokratie abbaut. Wir einigten uns darauf, das Modell ein Jahr lang auszuprobieren und dann zu evaluieren.

Von allen Vergünstigungen, die wir unseren Mitarbeitern anbieten, wurden die unbegrenzten Urlaubstage besonders begeistert aufgenommen. Kurz vor Ablauf des Versuchsjahres starteten wir eine Umfrage. Gefragt, was ihnen wichtig ist, nannten unsere Angestellten erst Krankenversicherung und Altersvorsorge - und als drittes unbegrenzte Urlaubstage. Das war ihnen wichtiger als zum Beispiel eine Zahnversicherung oder Weiterbildungskurse.

Es ist wohl nicht besonders überraschend, dass Menschen unbegrenzt Urlaub machen wollen, aber jetzt wird es spannend: Über das Jahr gesehen haben unsere Mitarbeiter im Schnitt genauso viele Tage freigenommen wie zuvor.

Die meisten in unserem Team waren im Schnitt drei Wochen pro Jahr im Urlaub - unter der neuen Regelung genau wie unter der alten. Dazu kommen zehn bezahlte Feiertage, macht also fünf arbeitsfreie Wochen im Jahr. (Für Zahlenakrobaten: Die meisten unserer Mitarbeiter haben während des Modellversuchs zwischen zwölf und 19 Tagen freigenommen. Im Schnitt kommen wir so auf 14 Urlaubstage pro Angestelltem.)

Das wirft die Frage auf: Wenn unsere Mitarbeiter die unbegrenzten Urlaubstage gar nicht ausnutzen, warum sind sie ihnen dann so wichtig? Die Antwort ist, dass es bei der Regelung nicht nur darum geht, was sie hält, sondern auch darum, was sie verspricht.

Erstens beweist eine Firma, die unbegrenzte Urlaubstage anbietet, dass sie ihre Angestellten ganzheitlich sieht. Mitarbeiter haben Verpflichtungen und Interessen jenseits der Arbeit und können nicht immer alles im Voraus planen.

Der Urlaub als Vertrauensbeweis

Zweitens sind unbegrenzte Urlaubstage ein Vertrauensbeweis. Nicht Manager oder Personalchefs sind dafür zuständig, dass Mitarbeiter ihre Aufgaben schaffen, sondern die Mitarbeiter selbst - unabhängig davon, wie viel Zeit sie im Büro verbringen.

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Drittens beweisen unbegrenzte Urlaubstage, dass man seine Mitarbeiter als Individuen wahrnimmt. Freizeit ist etwas Persönliches. Frag' fünf Leute, wie viel Freizeit sie brauchen, und du kriegst fünf verschiedene Antworten. Arbeits- und Lebensweisen unterscheiden sich von Mensch zu Mensch, von Jahr zu Jahr. Und das wirkt sich darauf aus, wie viel Freizeit wir brauchen, um gesund leben und produktiv arbeiten zu können.

Wir haben uns dazu entschlossen, unseren Mitarbeitern weiterhin unbegrenzte Urlaubstage anzubieten. Aber wir werden einige Ergänzungen machen, von denen andere Firmen, die das Konzept ausprobieren wollen, lernen können:

1. Überlegt euch einen anderen Namen. Zumindest in unserem Fall passt der Begriff "unbegrenzte Urlaubstage" nicht richtig. Es gibt Grenzen, wie viele Tage ein Mitarbeiter freimachen kann (zum Beispiel, wenn die Arbeit nicht mehr geschafft wird), und der Begriff klingt zu sehr nach Maßlosigkeit, nach einer reißerischen Schlagzeile. Weniger spannende Begriffe wie flexibel, selbstbestimmt oder personalisiert treffen es besser.

2. Verankert die Regelung in euren Firmenwerten. "Care to the core", so lautet einer unserer Grundsätze: Wir kümmern uns. Wir verorten die flexible Urlaubsregelung nun in diesem Rahmen, damit alle wissen, warum wir das machen, wie wir damit umgehen und wie das zu unserer Firmenkultur passt.

3. Macht klar, dass Auszeit keine Einbahnstraße ist. Wir bieten unseren Mitarbeitern Flexibilität, weil wir in sie investieren wollen. Aber diese Investition muss auf Gegenseitigkeit beruhen. Als Gegenleistung erwarten wir, dass unsere Mitarbeiter ihre Arbeit erledigen, und zwar so gut erledigen, dass unsere Firma wachsen kann, unsere Kunden auf uns zählen können und auch die Kollegen eine Chance haben, eine Balance zwischen Arbeit und Beruf hinzukriegen.

4. Fokussiert euch auf Leistungen statt auf Uhren. Wer nicht mehr auf die Uhr guckt, steht vor der Frage: Wie viel Arbeit ist genug, und wie viel Auszeit ist zu viel? Führungskräfte und Mitarbeiter brauchen entsprechende Anleitungen, wie sie ermitteln können, was von jedem Einzelnen erwartet wird. Nur so können Mitarbeiter ihre Zeitpläne erstellen, und Manager die Leistung evaluieren.

Unbegrenzte Urlaubstage passen nicht zu jeder Firma. Aber wenn ihr glaubt, es würde in eurem Team funktionieren, dann lasst euch nicht einschüchtern von Berichten über angeblichen Missbrauch oder das reihenweise Verfallenlassen der freien Tage. Nach unserer Erfahrung ist das die Ausnahme und nicht die Regel. Wer unbegrenzte Urlaubstage in seiner Firmenkultur verankert und mit seinem Team klar darüber redet, hat die besten Chancen, dass die Mitarbeiter sie so nutzen, wie sie gedacht sind: als Hilfsmittel, um bei der Arbeit und zu Hause zu glänzen.

Dieser Artikel erschien zuerst bei Fast Company. Übersetzung: Verena Töpper

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Luitpold Stanislaus 01.12.2015
1. Kein Problem in den USA
Weil der Arbeitgeber sagen kann: "Und wenn Du übertreibst, musst Du wissen, dass -wenn Du zurückkommst- Dein Arbeitsplatz besetzt ist." 14-Tage-Scheck und das war´s dann. "Sei freundlich gegen jeden, habe aber immer einen grossen Knüppel dabei." (Theodore Roosevelt, Jr.)
meinmein 01.12.2015
2.
Bei uns gibt es 30 Urlaubstage (öff.Dienst). Doch einigen Mitarbeiter*innen ist das nicht genug, die nehmen zusätzlich noch 45-60 Kranktage, ohne dass das die Vorgesetzt*innen interessiert. Würden wir unbegrenzten Urlaub einführen, kämen diese Mitarbeiter*innen nur noch einmal die Woche.
rgom 01.12.2015
3. Nein Danke
Das heißt nie mehr Urlaub ohne schlechtes Gewissen oder Angst vor einem Karriereknick.
omop 01.12.2015
4. Blabla..
da hat sich wohl kein Mitarbeiter getraut mehr Urlaub zu nehmen (taktisches Verhalten), solange die Arbeitszeit/Urlaubszeit protokolliert wird. Was würde der Personaler wohl sagen,wenn der eine 5 Wochen und ein anderer Kollege 9 Wochen Urlaub genommen hätten. Der Kollege mit den 9 Wochen hätte wohl jetzt ein kleines Problem..
quaz 01.12.2015
5. Zwischen 12 und 19 Tagen
Also durchgehend unter dem, was hierzulande gesetzlich als allerunterstes Minimum selbst bei Fastfoodketten und untertariflich bezahlten Putzkolonnen zu gelten hat. Wo eigentlich schon der Verdacht der Fürsorgepflichtverletzung des Arbeitgebers aufkommen müsste, das wird anderswo als leuchtender Forstschritt gesehen? Schöne neue Arbeitswelt!
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