So geht Arbeit Wann die Firma alle Überstunden zahlen muss

Der Chef will Ihre Überstunden nicht bezahlen, weil er findet, dass sie unnötig waren? Damit wird er nicht durchkommen - wenn Sie alles penibel dokumentieren.

Notieren Sie Ihre Überstunden - aber am besten mit ein paar Zusatzinfos
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Notieren Sie Ihre Überstunden - aber am besten mit ein paar Zusatzinfos

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Sie haben ein Problem:

Ihr Abteilungsleiter ist ein vorausschauender Mann. Den Dienstplan gestaltet er so, dass an erfahrungsgemäß stressigen Tagen besonders viele Kollegen Dienst haben könnten. Werden nicht alle gebraucht, können sie ja früher wieder gehen.

Das Problem dabei: Damit das überhaupt funktioniert, werden alle Arbeitskräfte mit Überstunden eingeplant. Im Alltag ist das Arbeitsaufkommen dann oft gar nicht so groß wie gedacht. Dennoch bleiben Sie länger: Sie halten sich bereit, erledigen Dinge, die sonst lange liegengeblieben wären. Es schickt Sie auch kein Vorgesetzter nach Hause, und Sie haben nun wirklich nicht die Zeit verbummelt.

Deswegen wollen Sie den Lohn für all diese Überstunden haben. Sie sprechen den Abteilungsleiter mal vorsichtig darauf an, doch der meiert Sie mit wenigen Worten ab: "Die Überstunden waren doch nicht notwendig. Kommt nicht in Frage!"

Das könnte helfen:

Ein Urteil des Landesarbeitsgerichts Schleswig-Holstein vom vergangenen Februar. Das hatte nämlich einen ähnlichen Fall zu verhandeln, eine Pflegedienstleiterin musste regelmäßig Überstunden schieben und wollte dafür Geld. Der Arbeitgeber wehrte sich mit dem Hinweis, dass er die Überstunden überhaupt nicht angeordnet hatte. Im Dienstplan standen die Stunden schon, aber sie seien nicht erforderlich gewesen, sagte er.

Doch die Richter entschieden, dass das nichts zur Sache tut: Ein Arbeitnehmer verpflichtet sich ja in der Regel mit seinem Arbeitsvertrag, sich an den Dienstplan zu halten - wehe, wenn nicht, dann bringt ihn nämlich der Chef vor Gericht. Die andere Seite der Vereinbarung ist, dass dann auch so bezahlt wird, wie es im Arbeitsvertrag steht. Stehen Überstunden im Dienstplan, hat die Firma sie auch angeordnet.

Worauf müssen Sie achten?

Wenn Sie nachträglich Geld für Überstunden fordern, müssen Sie darlegen, dass ein Vorgesetzter Sie dazu eingeteilt hat und Sie tatsächlich dann auch gearbeitet haben. Man könnte sich das sonst ja auch so vorstellen, dass die eingeteilten Mitarbeiter wieder nach Hause gehen, wenn doch nichts zu tun ist. Bezahlt wird grundsätzlich nur für tatsächliche Arbeitszeit (wie das mit Bereitschaftsstunden ist, steht auf einem anderen Blatt). Zumindest müssen Sie anwesend gewesen sein, um Arbeitsanweisungen entgegenzunehmen. Deshalb:

  • Zeichnen Sie Ihre tatsächlichen Überstunden penibel auf, zum Beispiel in einem Kalender. Ein vollständiges Bild ergibt sich, wenn Sie auch Pausenzeiten festhalten.
  • Am besten ist, wenn Sie dabei notieren: Welche Aufgabe war der Auslöser?
  • Und auch: Wer hat die längere Arbeitszeit angeordnet?
  • In den meisten Betrieben wird Mehrarbeit durch Freizeit ausgeglichen. Haben Sie versucht, diesen Ausgleich zu bekommen? Es ist hilfreich, wenn Sie das belegen können.
  • Besonders gut stehen Sie vor Gericht da, wenn Sie Ihre Aufzeichnungen von Zeugen haben bestätigen lassen. Praktisch ist das aber oft schwierig.
  • Zum Teil stehen in Arbeitsverträgen Ausschlussfristen: Wenn Sie Ihre Ansprüche nicht innerhalb dieser Frist geltend machen, haben Sie ohnehin schon verloren.

Dass die Pflegedienstleiterin vom Landesarbeitsgericht am Ende nicht so viel Geld zugesprochen bekam, wie sie forderte, hat auch mit den erforderlichen Nachweisen zu tun.

Zurück zu Ihnen: Wie gehen Sie mit Ihrem vorausschauenden Abteilungsleiter um? Kommt darauf an, wie stark Sie's eskalieren lassen wollen. Sie könnten ihn ja zunächst ganz freundlich auf die Rechtslage hinweisen. Wenn es bei Ihnen einen Betriebsrat gibt, sollten Sie mit ihm darüber sprechen. Müssen Sie richtig Druck aufbauen, sollten Sie einen Anwalt hinzuziehen.

Und sonst so?

Für alle Arbeitnehmer gilt: Lassen Sie sich nicht mit einer Klausel im Arbeitsvertrag abspeisen, in der steht, dass Sie für Überstunden pauschal bezahlt werden. So etwas findet sich leider recht häufig. Da heißt es etwa, 100 Euro des ohnehin vereinbarten Gehalts seien die generelle Abgeltung für sämtliche möglicherweise anfallende Mehrarbeit. Solche Klauseln sind bei einfachen Angestellten in sehr vielen Fällen ungültig (allerdings gibt es auch Ausnahmen, ein paar davon finden Sie hier). Nur Führungskräfte müssen sich das unter Umständen gefallen lassen. Dafür ist ihr Gehalt aber höher.



insgesamt 45 Beiträge
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Seite 1
unzensierbar 31.10.2016
1.
Wenn der Arbeitgeber keine Überstunden auszahlen will, einfach keine Überstunden machen. So einfach ist das. Leistung kostet.
karljosef 31.10.2016
2. Gedankenexperiment
Wenn alle Überstunden nicht nur bezahlt würden sondern auch saftig vom Arbeitgeber besteuert würden, hätten etliche Arbeitslose wieder eine Chance auf dem nicht-prekären Arbeitsmarkt? Dann hätten die Zahlen aus der Arbeitslosenstatistik, die von Nahles und Co. immer hübscher (gemacht) werden, endlich eine Möglichkeit, der Realität etwas näher zu kommen? Ganz böse würden behaupten, dann müssten Nahles & Co. aufpassen, dass wir keine negative Anzahl von Arbeitslosen bekommen?
karljosef 31.10.2016
3. Dass ich nicht lache
Zitat von unzensierbarWenn der Arbeitgeber keine Überstunden auszahlen will, einfach keine Überstunden machen. So einfach ist das. Leistung kostet.
Zitat aus Gespräch mit einem der größten Medienfirmen: Wenn Sie auf dem Mindestlohn bestehen, müssen wir uns leider von Ihnen trennen! Es ging hierbei um Arbeit morgens ab 3:00 Uhr.
WernerWeb 31.10.2016
4.
Überstunden bezahlen? Das ist so vielschichtig wie eine Lasagne, oder ein Blätterteig! Es kommt auf den Arbeitsvertrag, Betriebsvereinbarungen, den Tarifvertrag, usw. an. So gilt in vielen Firmen die Regel, Überstunden werden nicht ausgezahlt sondern müssen "abgefeiert" werden. Ebenso häufig gibt es vereinbarte Gleitzeitkorridore in der "Überstunden" ohnehin keine formalen Überstunden sind, sondern auf ein Zeitkonto eingebracht werden. Problematisch wird es hingegen wenn Überstunden angekündigt werden (z.B. Zusatzschicht am Samstag), dann aber kurzfristig wieder abgesagt werden.
Nordstadtbewohner 31.10.2016
5.
Zitat von karljosefWenn alle Überstunden nicht nur bezahlt würden sondern auch saftig vom Arbeitgeber besteuert würden, hätten etliche Arbeitslose wieder eine Chance auf dem nicht-prekären Arbeitsmarkt? Dann hätten die Zahlen aus der Arbeitslosenstatistik, die von Nahles und Co. immer hübscher (gemacht) werden, endlich eine Möglichkeit, der Realität etwas näher zu kommen? Ganz böse würden behaupten, dann müssten Nahles & Co. aufpassen, dass wir keine negative Anzahl von Arbeitslosen bekommen?
Die Steuer- und Abgabenquote ist in Deutschland schon extrem hoch, und jetzt wollen Sie noch die Überstunden besteuern.... Überstunden dienen dazu, Auftragsspitzen abzufangen und zwar vor allem dann, wenn Zeitarbeitsunternehmen nicht schnell genug ausgleichen können. Ihr Besteuerungsvorschlag ist unzeitgemäß, denn es ist auf Grund des extremen Kündigungsschutzes kaum möglich, neue Beschäftigte anzuwerben und sie nach Abflauen der Auftragsspitze wieder freizusetzen.
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