Frag die Karriereberaterin Hilfe, ich bin unterfordert

Der Job ist toll, das Gehalt super. Und trotzdem hat der 35-Jährige keine Lust mehr auf seine Arbeit. Er lernt nichts mehr dazu. Was tun: bleiben oder kündigen?

Von Svenja Hofert

Angestellter am letzten Arbeitstag
Corbis

Angestellter am letzten Arbeitstag


"Ich bin in der Digitalbranche ein gefragter Experte. Seit acht Jahren arbeite ich bei einem der weltweit beliebtesten Unternehmen, das allen denkbaren Komfort bietet. Doch die Luft ist raus: Ich lerne nichts mehr dazu und fühle mich wie im goldenen Käfig. Was kann ich tun?" - Marten, 35

Zur Autorin
  • Ann-Christine Krings

    Karriereberaterin Svenja Hofert hat mehr als 25 Bücher geschrieben, darunter das "Slow-Grow-Prinzip. Lieber langsam wachsen als schnell untergehen" und "Am besten wirst du Arzt... Wie Eltern ihren Kindern wirklich helfen".

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Karriereberaterin Svenja Hofert antwortet:

Mit Arbeitsbeziehungen ist es fast wie mit Partnerschaften: Wenn beide Seiten nicht aufpassen, schleicht sich Gewohnheit ein und mit ihr kommt die Langeweile.

Man hört auf, sich zu entwickeln. Das ist vor allem für Menschen schwierig, die sich über Leistung motivieren. Sie brauchen oft mehr Impulse als Menschen, die einen Großteil ihrer Energie aus Faktoren wie Sicherheit, Freizeit und Familie ziehen.

Leistungsmotivierte landen schnell im goldenen Käfig: Sie erarbeiten sich durch Fleiß eine gute Position bei einem angesehenen Unternehmen und verdienen bald überdurchschnittliche Gehälter. Doch dann geht es nicht mehr so schnell weiter. Sie werden gut behandelt - im Grunde hätten sie nichts zu meckern. Aber Ihre Lernkurve ist nach einigen Jahren im Job eine Gerade geworden. An Kicker, Fitnessstudio und Komfort gewöhnt man sich zu schnell, als dass sie dauerhaft für berufliche Zufriedenheit sorgen.

Marten, für Sie ist es mit 35 Jahren natürlich zu früh, um schon auf die Rente zu warten. Fast das ganze Arbeitsleben liegt ja noch vor Ihnen.

Wichtig ist jetzt der Blick auf Ihre Emotionen. Ein paar Fragen helfen, sich dieser Emotionen bewusst zu werden: Was fühlen Sie in der derzeitigen Situation? Wie oft am Tag empfinden Sie Zufriedenheit oder Freude? Wie oft Ärger, Wut, vielleicht auch Resignation? Welche Erlebnisse lösen welche Gefühle aus? Emotionen können im grünen, gelben oder roten Bereich sein, also positiv, neutral oder negativ. Ist der berufliche Alltag nur noch gelb oder sogar rot, sollte man etwas verändern.

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Traum vom Neuanfang: Bleibt alles anders
Ich habe die Vermutung, dass bei Ihnen die Emotionen neutral geworden sind, was an der fehlenden Lernkurve liegt - typisch für Leistungsmenschen. Anerkennung reicht ihnen nicht, ob in Form von Lob, Geld oder Sachleistungen. Ein Klient schilderte mir dieses Gefühl der ständigen Unterforderung als Leere im Kopf. Seine Lösung: Er steht nachts auf, liest Fachbücher oder schaut sich MOOCs an, Onlinekurse auf Universitätsniveau.

Aus sicherer Position heraus etwas Neues beginnen

Vielleicht ist das auch eine Lösung für Sie: Sie könnten sich ein neues Thema erschließen, was eine Brücke zu einem neuen Job bauen kann. So erinnere ich mich an die Physikerin Sabine, die in einem unterfordernden Arbeitsumfeld begann, sich mit Systemtheorie auseinanderzusetzen. Heute arbeitet sie als Organisationsberaterin. Ich kenne Menschen, die haben sich mit 35 noch mal zur Promotion entschlossen, sie sind heute Fachhochschulprofessoren. Der Übergang zu etwas Neuem lässt sich manchmal sogar geschickt mit einem sicheren Job kombinieren, indem man die Stundenzahl runterfährt.

Manchmal kann es sinnvoll sein, im goldenen Käfig zu bleiben. Vielleicht liegt ein Projekt oder ein neues Thema näher als man denkt, und es lässt sich von der alten Position aus erschließen. Zudem gibt es unzählige Möglichkeiten, sich neben dem Job zu betätigen, mit Blogs, Vorträgen oder durch ehrenamtliche Aufgaben.

Wenn Sie aber doch mit dem Jobwechsel liebäugeln: Keine Scheu! Immer wieder werde ich gefragt, wie oft man seinen Job wechseln dürfe. Die Antwort ist einfach: So oft, wie es eben sein muss. Karrieren mit vielen Wechseln sind oft spannender als die, die nur in einem Unternehmen stattgefunden haben, und sie bieten mehr Ansatzpunkte für Neues.

Meine Kunden, die sich aus dem Goldenen Käfig rausgewagt haben, haben das nie bereut. Da ist die Geisteswissenschaftlerin, die mit Mitte 30 dann noch Medizin studierte, der Ökonom, der sich für eine späte Hochschulkarriere entschied, die Biologin, die mit Musik durchstartete. Andere müssen eine Weile suchen und herumirren. Neulich erzählte mir eine Enddreißigerin, die sich nach langen Jahren im Job neu orientiert, sie fühle sich wie nach dem Abitur: alles möglich. Ihr ging es prächtig damit.

Wenn Ihnen solche Erlebnisse fehlen, sollten Sie nicht zu sehr auf die Annehmlichkeiten Ihrer Firma achten. Eine Anstellung ist eine Geschäftsbeziehung, die emotionale Bindung ist nicht zentral. Das ist der vielleicht wichtigste Unterschied zu einer Partnerschaft.



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insgesamt 38 Beiträge
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dipl.inge83 17.03.2016
1. Die Fallhöhe
scheint mir in dem geschilderten Beispiel schon recht ordentlich. Angenehmes Betriebsklima, gute Vergütung, das ist gerade heute alles andere als selbstverständlich, auch im MINT-Bereich. Mein Tip, wie auch in der Vergangenheit, Hobby, Nebengewerbe, ehrenamtliches Engagement. Wer glaubt es geht beruflich immer nur in eine Richtung, der hatte nie einen ultracholerischen Vorgesetzten, der regelmäßig mit Rausschmiss droht und bei Gehaltsverhandlungen gerne Bezüge kürzt.
rumpel84 17.03.2016
2.
Wie wäre es mit einem Projekt namens Familie und Hausbau? Freunde tun es auch schon. Wird einem garantiert nicht langweilig. Im Zweifel kann man sich auch noch ehrenamtlich engagieren (Kommunalpolitik / Rettungsdienste / Jugendarbeit). Das letzte Hemd hat keine Taschen.
andreas.raab.mail 17.03.2016
3. Kleine Korrektur aus der mathematischen Ecke
Kleine Korrektur zu "Aber Ihre Lernkurve ist nach einigen Jahren im Job eine Gerade geworden": Gemeint ist sicher eine Horizontale - Gerade ist der allgemeine Begriff
Gerdd 17.03.2016
4. Der Unterforderte ist oft der Unentbehrliche ...
So ist es mir auch verschiedentlich gegangen - in der IT-Branche. Zum richtigen Job-Hopper habe ich es nie gebracht, aber ein paarmal habe ich gemerkt, dass ich festsass - ich machte den Job, den ich seit Jahren entwickelt hatte, einfach zu gut, als dass man mir einen Wechsel zugestehen wollte. Da half dann jeweils nur eins: einen neuen Arbeitgeber suchen und kuendigen. Zweimal in meiner Karriere bin ich zu einem derart verlassenen Arbeitgeber zurueckgekehrt - in andere Rollen und unter deutlich verbesserten Bedingungen. Spaeter habe ich dann bei einem sehr grossen global taetigen Arbeitgeber auch als Mentor Kollegen bei der Karriereplanung beraten. Dabei ist es mir immer wieder untergekommen, dass den Kollegen der firmeninterne Wechsel und Aufstieg, der von der Firmenleitung im Prinzip unterstuetzt und gefoerdert wird, vom Line-Management systematisch verbaut wurde. Die manchmal sogar offen angesprochene Motivation war simpel: "Der macht seinen Job gut, wenn ich den gehen lasse, muss ich ihn ersetzen. Das bedeutet Arbeit und Risiko und koennte meine Beurteilung negativ beeinflussen." Da darf man sich nicht wundern, wenn Mitarbeiter ausserhalb der Firma suchen, einen Karrieresprung machen und spaeter vielleicht fuer teures Geld zurueckgekauft werden muessen. Wenn's richtig gut laeuft, werden sie dann die Manager der Manager, die sie einstmals blockiert haben. Dass diese Manager in der Regel auch nicht gerade die Karriereleiter hochstolpern, ueberrascht vielleicht nicht unbedingt ...
Sibylle1969 17.03.2016
5.
Wenn er in der IT-Branche ist und ein ansprechendes Xing- oder LinkedIn-Profil hat, dann sollten die Headhunter-Anfragen doch von ganz alleine kommen. Einfach mal auf ein paar interessante eingehen und schauen, was andere Firmen so zu bieten haben. Parallel in der eigenen Firma, die eine gute Adresse zu sein scheint, nach Weiterentwicklungsmöglichkeiten suchen. Dafür sollte er mit dem Vorgesetzten und der Personalabteilung sprechen.
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