Unternehmensberater "Viele Aussteiger sehnen sich zu uns zurück"

Wo schickt man einen Unternehmensberater zur Weiterbildung hin? In eine ganz normale Firma. Das ist eine neue Strategie der Boston Consulting Group. Personalchef Christian Krammer erklärt, was das soll.


Zur Person
  • BCG
    Christian Krammer (Jahrgang 1973) ist Senior Partner bei der Boston Consulting Group (BCG). Er studierte Betriebswirtschaftslehre und promovierte an der Wirtschaftsuniversität Wien. Krammer ist Experte im Bankenbereich und seit Ende 2012 BCG-Personalchef in Deutschland und Österreich und dort sowie auf europäischer Ebene Mitglied der Geschäftsführung.
KarriereSPIEGEL: Herr Krammer, BCG schickt jetzt Unternehmensberater als Leiharbeiter in Konzerne. Ist das für Ihre Mitarbeiter als Belohnung oder als Bestrafung gedacht?

Krammer: Bestrafung? Wie kommen Sie darauf? Das Client Secondment ist eine Weiterbildung für Berater, die einen besonders guten Job gemacht haben. Bei uns kann man schon jetzt eine Auszeit nehmen, um einen MBA zu machen, eine Dissertation zu schreiben oder sich sozial zu engagieren. Nun kann man für neun bis zwölf Monate in einem Partnerunternehmen als Team- oder Abteilungsleiter oder Spezialist arbeiten, ist aber weiterhin bei BCG angestellt.

KarriereSPIEGEL: Und da sollen die Berater dann lernen, wie es im wirklichen Leben zugeht?

Krammer: Wer bei uns arbeitet, kennt das wirkliche Leben. Unsere Berater sind natürlich schon jetzt im engen Kontakt mit Kunden. Aber als Berater berät man, und die Entscheidungen trifft letztlich das Management. Das Client Secondment gibt unseren Mitarbeitern die Möglichkeit, auch diese Seite der Arbeitswelt kennenzulernen. Es ist schon etwas anderes, ob ich als Projektleiter bei BCG ein Team von jungen, hochmotivierten Beratern führe oder in einer großen Firma ein vielschichtiges Team vor mir habe, in dem junge und alte, motivierte und nicht so motivierte Mitarbeiter sind.

KarriereSPIEGEL: Die Motivation dürfte abnehmen, wenn die Menschen plötzlich einen Unternehmensberater als Abteilungsleiter vor die Nase gesetzt bekommen.

Krammer: Unsere Berater wissen, dass man Ziele nur gemeinsam mit den Kunden erreichen kann. Wie sie in den Firmen aufgenommen werden, wird sich zeigen. Wir starten das Programm ja erst. Bislang waren die Reaktionen zumindest auf Seiten der Firmen- und Personalchefs extrem positiv. Und in den meisten Fällen werden unsere Berater auch niemandem vor die Nase gesetzt, sondern kommen zum Beispiel zum Einsatz, wenn neue Abteilungen aufgebaut oder neue Strategien umgesetzt werden sollen.

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KarriereSPIEGEL: Die Berater setzen also als Deluxe-Leiharbeiter um, was sie vorher im Consulting-Team ausgetüftelt haben?

Krammer: Das Client Secondment ist völlig unabhängig von unseren Beratungsaufträgen. Wir haben auch nicht das Ziel, dadurch neue Aufträge zu bekommen. Uns geht es darum, unseren Mitarbeitern die Möglichkeit zu geben, neue Erfahrungen zu sammeln. Die Arbeitswelt verändert sich, und wir gehen da mit.

KarriereSPIEGEL: Was kostet die Firmen denn der Spaß?

Krammer: Gesetzlich ist das als Arbeitnehmerüberlassung geregelt. Aber die Rechnung ist eine ganz andere als bei einer Beratungsleistung. Denn da kaufen Firmen ja nicht nur die Arbeit einzelner Berater, sondern die eines Teams und unseres weltweiten Netzwerk, zu dem beispielsweise auch von uns entwickelte Big Data Tools, digitale Lösungen oder proprietäre Datenbanken gehören.

KarriereSPIEGEL: Das heißt, Sie machen Verlust mit dem Programm. Sie zahlen dem Berater weiterhin sein Beratergehalt, bekommen von der Firma aber weniger für ihn als bei seinen üblichen Einsätzen.

Krammer: So gesehen ist das kurzfristig ein Zuschussgeschäft, ja. Aber wir haben da eine ganz andere Sichtweise: Es geht hier um ein attraktives Programm für die Weiterbildung der Berater. Wir erweitern unser Angebot und in der Summe macht uns das als Arbeitgeber langfristig attraktiver.

KarriereSPIEGEL: Sie verkaufen die Arbeit in einem Konzern als Fortbildung. Würde es nicht mehr Sinn ergeben, auf Menschen mit Berufserfahrung zu setzen?

Krammer: Das tun wir zusätzlich. Rund ein Viertel unserer Berater kommt mit Berufserfahrung zu uns. Aber auf unsere jungen Mitarbeiter, die direkt nach der Uni bei uns anfangen, würde ich niemals verzichten wollen. Von ihnen kommen frische Ideen, sie sind motiviert, selbstbewusst, stellen andere Fragen, die uns alten Hasen gar nicht einfallen. In Summe kommt es auf die Mischung an. Mit einem Team, das nur aus Bachelorabsolventen besteht, könnten wir niemanden beraten. Wir achten da auf eine ausgewogene Verteilung.

KarriereSPIEGEL: Glauben Sie denn, dass die ausgeliehenen Mitarbeiter nach den zwölf Monaten noch Lust auf Beratung haben?

Krammer: Natürlich besteht die Gefahr, dass die Kollegen danach in der Firma bleiben wollen. Aber die Gefahr besteht auch bei denen, die eine Auszeit nehmen, um bei NGOs zu arbeiten oder Dissertationen zu schreiben. Wir sehen einen stärkeren Trend zur Rückkehr zu BCG. Viele, die uns verlassen haben, um in einem Konzern oder Start-up zu arbeiten, klopfen wieder bei uns an. Es ist wie auch sonst im Leben: Manchmal muss man gehen, um zu wissen, was man vermisst. Hinzukommt: Bei unseren Arbeitsverteilungen in den Teams sind die operativen Tätigkeiten eher die unbeliebten - und genau die werden dann im Konzern oder Start-up plötzlich zum Hauptberuf. Da sehnen sich viele zurück zu den strategischen, analytischen Aufgaben, die man bei uns als Berater löst.

  • Das Interview führte KarriereSPIEGEL-Redakteurin Verena Töpper.

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Seite 1
Spiegelleserin57 14.12.2015
1. Interessant wäre die Frage gewesen....
Wer trägt die Verantwortung in den Projekten die gemeinsam durchgeführt werden?
Robert Fridolin 14.12.2015
2. sehr schön
Vielleicht ein bisschen flapsig die Fragen, aber kritisch gestellt. Sieht man leider nur noch selten, sehr schön.
gazeuse 14.12.2015
3. Versuchskaninchen?
Wenn ich mir vorstelle, dass ich als Mitarbeiterin in einem Team einen BCG-Praktikanten vor die Nase gesetzt kriege, schüttelt es mich ehrlich gesagt ein wenig. Wenn ich weiß, dass sie / er wahrscheinlich schon nach einigen Monaten wieder die Biege macht, motiviert mich das = 0. Oldschool? Ich denke, die Werte, die ein Team gut "performen" lassen, verändern sich kaum. Dazu gehören Vertrauen, Sicherheit und eine gewisse Kontinuität.
alangasi 14.12.2015
4. Frage an Personalchef Christian Krammer
Wieviele in Prozent oder absoluten Zahlen klopfen denn wieder an? "viele" heist im Klartext doch wohl unter 25 %......
ge1234 14.12.2015
5. Ich lach mich...
... schlapp! Bei der BCG nur "hochmotivierte, junge Berater", beim Kunden nur "alte, nicht so motivierte Mitarbeiter" also Minderleister. Und trotzdem muß er seine "hochmotivierten" zu den Alten in die Lehre schicken, damit die abseits von ihrem Berater-Blabla auch mal die Materie lernen. Entlarvend, Herr Kramer, aber immerhin geben Sie zu, dass bisher horrende Summen für ahnungslose Bachelorabsolventen in Rechnung gestellt wurden. Merke, wer tatsächlich etwas von Wirtschaft und Unternehmen versteht, leitet und führt (in) Unternehmen. Wer nix versteht, muß andere beraten, zumindest ruiniert er sich dann nicht selbst damit.
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