Endlich Ferien Zehn Irrtümer über die Urlaubszeit

Ich will entspannen! Jetzt! Sofort! Wer mit diesem Anspruch in den Urlaub fährt, wird den Stress garantiert nicht los. Zehn Sätze, die der Erholung im Wege stehen.

Frau entspannt in einer Hängematte
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Frau entspannt in einer Hängematte

Von Ilona Bürgel


Zur Autorin
  • Ilona Bürgel ist Psychologin und arbeitet nach 15 Jahren in Führungspositionen heute als Referentin, Beraterin, Autorin und Kolumnistin in Dresden und im dänischen Århus. Sie wurde vom Ministerium für Wirtschaft und Energie als Vorbildunternehmerin ausgezeichnet.

Wir sparen darauf, wir schuften davor und danach - und dann ist er plötzlich da, der langersehnte Urlaub, und fühlt sich so gar nicht nach "der schönsten Zeit des Jahres" an. Wir sind erschöpft, werden vielleicht sogar krank. Ausgerechnet jetzt! Wie kann das sein?

Selten hinterfragen wir unser Urlaubskonzept oder passen es der aktuellen Arbeits-und Lebenssituation an. Manchmal gehen wir sogar von etwas aus, was gar nicht stimmt - und dazu gehören auch diese weitverbreiteten Annahmen:

1. Vor dem Urlaub muss alles abgearbeitet werden.

Hinter diesem Satz steckt die Annahme, dass man sich Wohlbefinden und eine Auszeit verdienen muss. Dass wir erst etwas erreicht haben müssen, bevor wir etwas für uns tun dürfen. Das Ergebnis: Die Bedingungen, die wir erfüllen wollen, wachsen unbemerkt. Wir nehmen an, wir müssten immer mehr leisten - und fühlen uns im Urlaub einfach nur erschöpft.

Tipp: Reduzieren Sie an den Tagen vor dem Urlaub die Anzahl der Termine, statt sie zu erhöhen.

2. Das Beste am Urlaub ist die Erholung.

Erholung auf Knopfdruck kann kaum jemand. Wenn wir uns zu sehr darauf konzentrieren, sorgen wir sogar für neuen Stress. Erholung entsteht aus vielen Einzelteilen, zum Beispiel dem Brechen mit Routinen des Alltags, neuen Eindrücken und Erfahrungen. Dies führt zur Ausschüttung des Wohlfühlbotenstoffs Dopamin. Im Alltag haben wir uns an das Gute und Schöne längst gewöhnt und reagieren nicht mehr darauf.

Tipp: Sehen Sie alles, was Sie im Urlaub erleben, als Investition in Ihr Wohlbefinden.

3. Wer im Urlaub erreichbar ist, hat nachher weniger Stress.

Dies mag subjektiv gesehen so sein. Die neueste Forschung zeigt allerdings, dass schon allein die Anwesenheit eines Handys unsere Aufmerksamkeit ablenkt. Für optimale Erholung ist es wichtig, auf andere Gedanken zu kommen. Je weniger wir im doppelten Sinne abschalten, umso schlechter schlafen wir zum Beispiel.

Tipp: Trauen Sie Ihren Kollegen oder Mitarbeitern zu, Probleme selbst zu lösen. Und wenn Sie nicht ohne Handy leben können, legen Sie feste Zeiten fest: nie direkt nach dem Aufstehen, nie direkt vor dem Schlafengehen und maximal eine Stunde pro Tag.

4. Mitreisende machen den Urlaub stressiger.

Natürlich gibt es in vielen Autos Diskussionen über die Fahrgeschwindigkeit. Reiseziel und Tagespläne müssen abgestimmt, wenn nicht sogar verhandelt, werden. Allerdings ist wissenschaftlich erwiesen, dass soziale Kontakte für das meiste Glück sorgen. Freunde fördern die Gesundheit und die Nähe mit anderen baut Stress ab.

Tipp: Konzentrieren Sie sich nicht zu sehr auf Probleme und Konflikte. Achten Sie auf Ich-Zeiten für alle und sprechen Sie Schwierigkeiten sofort an.

5. Langer Urlaub ist der beste.

Früher sagte man, dass mindestens einmal im Jahr ein langer Urlaub, zum Beispiel von drei Wochen, wichtig wäre. Die Psychologin Jessica de Bloom von der Universität Nimwegen hat aber festgestellt, dass der Urlaubseffekt schon nach einer Woche zurück im Alltag zu bröckeln anfängt und meist nach einem Monat dahin ist - egal, wie lange der Urlaub war. Ein langer Urlaub heißt übers Jahr gesehen weniger oft Urlaub. Der Erholungsbedarf kann dann so groß werden kann, dass er nicht mehr zu erfüllen ist.

Tipp: Testen Sie mehrere Urlaube übers Jahr verteilt, dann erholen Sie sich öfter.

6. Disziplin hat nichts mit Urlaub zu tun.

Wer sich im Alltag sehr anstrengt und diszipliniert, schießt oft im Urlaub im anderen Extrem über das Ziel hinaus. Sich gehen zu lassen bringt aber nur kurzfristig Spaß. Denn unser Gehirn liebt Rituale, Rhythmen - und Lernen.

Tipp: Suchen Sie im Urlaub nach Aktivitäten, bei denen es Ihnen leichtfällt, diszipliniert zu sein, und machen Sie beispielsweise einen Sport- oder Sprachkurs.

7. Die Urlaubsart muss optimal zu mir passen.

Ob der Reiseleiter nett ist, das Essen schmeckt oder der Zug pünktlich ist, können Sie wenig beeinflussen. Ob und wann Sie glücklich sind, schon. Denn das hängt von Ihrer Perspektive und Ihrer Bewertung jeder Situation ab.

Tipp: Stellen Sie weniger Bedingungen, die für Ihr Urlaubsglück erfüllt sein müssen.

8. Urlaub macht glücklich.

Tourismuswissenschaftler Jeroen Nawijn beschreibt eine "Urlaubs-Glückskurve": Am Anfang des Urlaubs passiert noch nicht viel, nach zwei bis drei Tagen sind wir super gut drauf - und gegen Ende der Ferien verfliegt das Hoch wieder.
Daran sind wir selbst schuld: Weil wir zu viel Stress aus dem Alltag mitschleppen. Erst schalten wir nicht ab, und dann nehmen wir zu erwartende Probleme und Aufgaben des Alltags vorweg, obwohl sie noch gar nicht da sind.

Tipp: Genießen Sie Urlaubsaktivitäten ganz bewusst.

9. Nichts zu tun ist die beste Erholung.

Chillen ist ein schöner Modebegriff, aber das Gehirn will neben kleinen Auszeiten vor allem genutzt werden. Arbeitspsychologin Carmen Binnewies konnte zeigen, dass es besonders wohltuend und erholsam ist, etwas Neues zu lernen oder ein Vorhaben umzusetzen. Das ist wie beim Sport. Ein bisschen Überwindung, ein bisschen Muskelkater, bringt den größten Effekt für Körper und Stimmung. Eine positive Anstrengung wäre etwa, einige Worte einer Fremdsprache zu lernen, um den Gastgebern eine Freude zu bereiten. Negative Anstrengung wird daraus, wenn Sie sich ärgern, dass Ihre Aussprache nicht perfekt ist.

Tipp: Hinterfragen Sie im Urlaub jede Anstrengung: Bringt sie Freude oder Ärger?

10. Urlaubsmitbringsel sind Kitsch.

Mancher hat schon so viele Steine vom Spaziergang am Meer mitgebracht, dass der Platz langsam knapp wird. Dennoch: Kleine Erinnerungen an schöne Augenblicke können ein Anker sein, um gute Urlaubsgefühle schnell wieder zurückzuholen.

Tipp: Wählen Sie Höhepunkte aus Ihrem Urlaub aus und stellen Sie eine symbolische Erinnerung daran auf Ihren Schreibtisch, zum Beispiel ein Foto oder eine Muschel.

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Ilona Bürgel:
Warum immer mehr nicht immer richtig ist

Neue Wege zu Erfolg und Wohlbefinden

Kösel-Verlag; 208 Seiten; 16,99 Euro

insgesamt 32 Beiträge
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Seite 1
Buggybear 14.07.2017
1. Danke für den Artikel, aber
... Ich denke ich werde davon absehen, meinen Urlaub auf maximale Erholung zu optimieren :-)
geirröd 14.07.2017
2. Sich im Urlaub erholen muss man können...
...ich habe es leider noch nicht hinbekommen. Ich ertappe mich ständig dabei e-mails abzurufen und zu beantworten - der einzige Gedanke kreist um die Rückkehr ins Büro und den dann anfallenden Arbeitsberg. Fürchterlich... Ich habe auch schon versucht gar keinen Urlaub zu nehmen (habe mir diesen auszahlen lassen) - das ist noch weniger produktiv - man wird irgendwann vom Körper ausgebremst. Wohl dem, der seinen Urlaub dazu nutzt zu entspannen und dies auch kann.
fatherted98 14.07.2017
3. Seltsam...
...bei mir fällt der Stress schon am Flughafen ab...trotz der anstehenden 11 Stunden in der Holzklasse....wenn ich Bangkok am Flughafen in der Schlange vor der Passkontrolle stehe bin ich bereits tiefenentspannt...wenn ich dann auf der Autobahn Richtung Urlaubsort fahre und an der Straße halte um in den unzähligen Snackbuden oder Supermarktkantinen essen zu gehen, ist der Urlaub da...erst wenn ich wieder in Frankfurt lande und das erste mal bei der Passkontrolle oder Gepäckausgabe angerempelt werde, weiß ich dass der Urlaub vorbei ist.
tadano 14.07.2017
4. Wenn man das alles beherzigt was die Dame da vorschlägt
..ist man so verkopft da wird der Urlaub bestimmt keine Freude.
netfinity 14.07.2017
5. Soviel zur Theorie
Der Beitrag und die Empfehlungen klingen ja wirklich nett. Nur ist dies alles - jedenfalls meiner Erfahrung nach - lediglich blanke Theorie und völlig an der Realität vorbei. Für mich ist die Urlaubszeit ein rotes Tuch, weil mit unendlichen Überstunden verbunden, um die Arbeit der abwesenden Kollegen zu erledigen. Ich selber gehe nur noch sehr ungern in Urlaub und verzichte nach Möglichkeite vollständig darauf - jeder Tag Abwesenheit macht die Rückkehr zur Hölle. Allen, die die Empfehlungen des Artikels umsetzen können, wünsche ich einen schönen Urlaub!
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