Blumengroßhändler "Rosen am Valentinstag? So ein Quatsch!"

Er sieht einer Rose an, ob sie aus Kenia oder Holland kommt: Ein Blumengroßhändler berichtet von seinem Berufsalltag - und erklärt, warum in Süddeutschland die schöneren Blumen verkauft werden.

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Zwischen Wunsch und Wirklichkeit ist in vielen Berufen jede Menge Platz. In der Serie "Das anonyme Job-Protokoll" erzählen Menschen ganz subjektiv, was ihren Job prägt - ob Tierärztin, Staatsanwalt oder Betreuer im Jobcenter.

"Für das Geschäft am Valentinstag muss ich aufpassen, dass ich zum richtigen Zeitpunkt kaufe. In den Tagen davor explodieren die Preise. Rosen, für die ich sonst 80 Cent pro Stiel zahle, kosten dann plötzlich drei Euro. Das ist so ein Quatsch mit den Rosen am Valentinstag! Die Leute könnten für viel weniger Geld so tolle Frühlingsblumen kriegen. Aber irgendwie ist das so drin in den Köpfen, da kann man nichts machen.

In Ecuador sind die Kühlräume zwei Wochen vor dem Valentinstag schon voll mit Rosen, die halten dann natürlich nicht mehr so lang. Deshalb warte ich, bis die Amerikaner sie leer gekauft haben. In den USA sind sie mit dem Einkauf immer besonders früh dran. Ich schlage immer erst auf den letzten Drücker zu.

Etwa 50 Prozent meiner Blumen kaufe ich direkt beim Gärtner, so wie die Rosen aus Ecuador. Die anderen ersteigere ich auf der Blumenbörse in Holland. Der Trend geht weg von der Versteigerung, was ich schade finde. Denn das System ist transparent, da weiß man, was man kriegt. Der Direktkauf ist anstrengender, da muss man viele Kontakte pflegen und aufpassen, dass man nicht beschissen wird. Deshalb fahre ich auch alle 14 Tage nach Italien. Von den Gärtnereien dort kaufe ich zum Beispiel Margeriten und Ranunkel.

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Charterflug nach Deutschland: Rosen auf Reisen

Schleierkraut, das man gern in Rosensträuße steckt, gibt es fast nur noch aus Ecuador und Kenia. Früher wuchs das hier überall. Aber jetzt gibt es kaum noch einen europäischen Gärtner, der welches verkauft. Das lohnt sich einfach nicht mehr, die Arbeitskosten sind zu hoch. Und die Lizenz auf alle neuen Sorten sind in israelischer Hand. Es gibt Menschen, die machen nichts anderes, als durch die Welt zu reisen und zu überprüfen, ob jemand Schleierkraut züchtet, das unter ihre Lizenz fällt!

Neulich hat ein Blumenladen bei mir Rosen aus Deutschland bestellt. Da musste ich ganz schön suchen, bis ich welche gefunden habe. Die meisten kommen nämlich aus Ecuador, Kolumbien, Kenia oder Äthiopien. Die schönsten Rosen wachsen in Holland. Aber das sind auch die teuersten. In Berlin oder Hamburg kommen die gar nicht in den Handel, dafür ist der Preiskampf dort zu hart.

Schöne Blumen werden da natürlich auch verkauft, aber eben nicht von der Klasse eines Rolls-Royce, sondern eher von der eines Mercedes. Rolls-Royce-Rosen gibt es nur in Süddeutschland, da geben die Leute mehr Geld für Blumen aus.

Ich sehe einer Rose sofort an, aus welchem Land sie kommt. Bei holländischen weiß ich auch gleich, von welchem Gärtner. Die mit den spitzen Köpfen sind die aus Kenia oder Äthiopien, die werden vor allem beim Discounter verkauft.

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Das ist schon verrückt, aber es ist mittlerweile preisgünstiger, Blumen um die halbe Welt zu fliegen, als welche vor Ort zu züchten. Ich kaufe generell nur Blumen mit Fair-Trade-Siegel, aber wer weiß schon, ob da wirklich alles mit rechten Dingen zugeht?

In Ecuador habe ich mir das vor Ort angesehen. Da verdienen die Arbeiter immerhin um die 600 Dollar pro Monat plus Verpflegung, und es gibt eigene Ärzte und Kindergärten. Die Rosen sind auch qualitativ sehr gut. Wenn ich sie donnerstagabends bestelle, werden sie freitags geschnitten, gehen am Samstagabend in den Kühlraum, fliegen am Sonntag los und sind spätestens am Dienstag hier. Dann werden sie in Wasser gestellt, erholen sich eine Nacht vom Flug und gehen am nächsten Tag in den Handel.

Diese Rosen sind so gezüchtet, dass sie erst mal trocken liegen müssen. Würde man sie sofort in die Vase stellen, wären sie in zwei Stunden verwelkt. So halten sie nach dem Verkauf noch acht bis zehn Tage. Wenn man Glück hat auch länger.

Wir fangen zwischen ein und drei Uhr morgens mit dem Entladen der Lkw an. Um 4 Uhr kommen schon die ersten Händler. Bei manchen Blumen mache ich nur acht oder neun Cent Gewinn pro Stiel. Aber das passt schon, Hauptsache, die Endverbraucher sind zufrieden, und ich habe keinen Ärger.

Dass hier immer mehr Gärtnereien schließen, finde ich schade, aber ich kann das nachvollziehen. Gewächshäuser mit Öl oder Gas zu heizen, ist mittlerweile einfach zu teuer. Und auf der anderen Seite explodieren die Immobilienpreise. Gerade hat wieder eine Gärtnerei zugemacht - das Grundstück wurde für elf Millionen Euro verkauft. Da würde ich auch nicht lange überlegen."



insgesamt 28 Beiträge
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Seite 1
D_v_T 13.02.2017
1.
Sehr interessanter Einblick! Die abgebildete Statistik passt allerdings so gar nicht zu der Aussage des Händlers...
eunegin 13.02.2017
2. ein interessanter Artikel
der sehr viele Themen anreißt. Überraschend spannend zu lesen.
diekleinefrau 13.02.2017
3. Interessanter Einblick
Und wie so oft im Kapitalismus "Lizenzen" auf irgendwas. Was für eine Schweinerei. Blumen und Saatgut - Natur, die uns allen gehört, auch wenn man sie züchtet. Sowas ist krank und nur kranke Geister denken sich soetwas aus - und geldgierige. Die Menschheit wird hoffentlich bald erwachen. Aber den Rumps den es dann gibt, wird man noch im 22. Jahrhundert hören.
licorne 13.02.2017
4.
"ob jemand Schleierkraut züchtet, dass unter ihre Lizenz fällt!" das -nicht "dass"
schratz_mich 13.02.2017
5. Aufgestielt
Stiehl mir einen Stiel oder lies mal wieder mehr, dann stimmt auch die Rechtschreibung ;-)
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