Mein Leben als Verfassungsschützerin "Im Verborgenen für eine gute Sache arbeiten"

Die Arbeit in einer Anwaltskanzlei war ihr zu langweilig - deshalb ging sie zum Verfassungsschutz. Eine Juristin über ihre Sicherheitsüberprüfung und wie sie geschickt ihren Arbeitgeber verschweigt.

Eine Behörde in Köln
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Eine Behörde in Köln

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Zwischen Wunsch und Wirklichkeit ist in vielen Berufen jede Menge Platz. In der Serie "Das anonyme Job-Protokoll" erzählen Menschen - ob Tierärztin, Staatsanwalt oder Betreuer im Jobcenter - ganz subjektiv, was ihren Job prägt.

Wenn man als Juristin einen Job sucht, denkt man nicht als Erstes an einen Nachrichtendienst. Nach dem Staatsexamen habe ich daher zunächst in einer Anwaltskanzlei gearbeitet und mich mit Mietrechtsfällen beschäftigt. Mir war schnell klar, dass das nichts für mich ist.

Ich bezeichne mich als politischen Menschen und hatte im Studium Kriminologie als Wahlfach belegt. Ich wollte einen Arbeitgeber finden, bei dem mir beides nützlich sein könnte. So kam ich auf das Bundesamt für Verfassungsschutz in Köln, bei dem es ja wie bei der Polizei auch um die "Beschaffung von Informationen" und deren Auswertung geht.

Als ich mich bewarb, stand die Arbeit der Verfassungsschützer wegen des NSU-Skandals sehr in der Kritik. Beim Auswahlgespräch wurde ich daher provokant gefragt, warum ich ausgerechnet zu einer derart umstrittenen Behörde wolle. Meine Antwort war: "Ich möchte mir ein eigenes Bild machen. Und wenn es Bedarf für Veränderungen gibt, kann ich vielleicht dazu beitragen." Das überzeugte meine Gesprächspartner offenbar.

Nach dem Treffen folgte die Sicherheitsüberprüfung - und zwar Stufe Drei, die strengste, die es im öffentlichen Dienst gibt. Zuerst wurde mein Lebenslauf detailliert abgefragt - da gab es bei mir keine "Probleme". Das wäre bei einem Bewerber, der sich während seines Studiums längere Zeit in einem Land wie zum Beispiel China aufgehalten hat, aber schon anders. Dann würde sehr genau nachgefragt, was er da gemacht und mit wem er sich getroffen hat, um auszuschließen, dass er von einem gegnerischen Nachrichtendienst angeworben wurde.

Benedikt Rugar / UNI SPIEGEL

Es geht auch darum, herauszufinden, ob bei einem Bewerber sogenannte Kompromate vorliegen, ob er zum Beispiel einen Lebenswandel oder Schwachpunkte hat, die ihn erpressbar machen und die sich ein gegnerischer Nachrichtendienst zunutze machen kann.

Wer beim Verfassungsschutz arbeiten möchte, muss daher auch einverstanden sein, dass seine Lebensumstände näher betrachtet werden. Ich musste Referenzpersonen aus meinem persönlichen Umfeld nennen, die zu meiner Person befragt werden können. Ich habe unter anderem meine damalige Mitbewohnerin angegeben, die dann auch von zwei Verfassungsschützern besucht wurde und von einem "angenehmen Gespräch" berichtete.

Etwas später bekam ich dann die Zusage. Das war vor drei Jahren. Als Jurist absolviert man beim Verfassungsschutz zunächst ein Trainee-Programm, bei dem man drei verschiedene Stationen für je sieben Monate durchläuft. Das ist eine tolle Gelegenheit, verschiedene Arbeitsbereiche im Amt kennenzulernen. Außerdem besucht man als Einsteiger spezielle Einführungslehrgänge.

Meine erste Station war die Telekommunikationsüberwachung. Kollegen kamen mit Abhörprotokollen zu mir, und ich sollte rechtlich klären, ob bestimmte Aussagen gespeichert und verwertet werden dürfen oder nicht. Das Gesetz sagt: Es gibt einen Kernbereich der Persönlichkeit, und der ist zu schützen. Wenn abgehörte Personen über sehr intime Dinge sprechen, müssen wir diese Aussagen eventuell löschen. Das zu bewerten, ist eine große Verantwortung. Es soll schließlich nicht passieren, dass wichtige Informationen verloren gehen, die für die Aufklärung oder Vereitelung von Straftaten relevant sind.

Beim Verfassungsschutz, der zurzeit Hunderte Stellen zu vergeben hat und auch Quereinsteiger sucht, kann ich an aktuellen Themen arbeiten, zum Beispiel bei der Bekämpfung des islamistischen Terrorismus, des Rechtsextremismus oder des Linksextremismus. So bin ich am Puls der Zeit, das macht die Arbeit spannend für mich. Es ist reizvoll, "Vorfeldaufklärung" zu betreiben und im Verborgenen an einer guten Sache zu arbeiten. Im Januar zum Beispiel hat das Innenministerium das rechtsextremistische Internetportal "Altermedia" verboten. Dass das möglich war, ist auch ein bisschen mein Erfolg. Ich sammelte dafür Fakten und bewertete, ob sie für ein Verbot ausreichten.

Nicht jeder erzählt in seinem Umfeld offen, dass er für den Verfassungsschutz arbeitet. Bei V-Mann-Führern wäre es sehr kontraproduktiv, wenn sie offen über ihre Arbeit sprächen. Wer eingestellt wird, bekommt ein Beratungsgespräch, in dem man auslotet, wie offen man mit der Tätigkeit umgeht. Letztlich kann das jeder selbst entscheiden. Meine Familie und mein engster Freundeskreis wissen Bescheid. Aber wenn ich auf Partys Leute kennenlerne, sage ich nicht sofort, wo ich arbeite. Da belasse ich es einfach dabei, dass ich als Beamtin in einer staatlichen Behörde beschäftigt bin. Da versiegt das Interesse meist ganz schnell.

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