Verjüngungskur in Chefetagen Jugend forsch

Knapp 40 und schon Chef? In deutschen Unternehmen keine Seltenheit mehr. Verkürzte Studienzeiten, Vertrauensvorschuss der Aufsichtsräte - die Verjüngungskur hat unterschiedliche Gründe. Und sie könnte weitergehen, obwohl das Frustpotenzial bei älteren Kollegen groß ist.

Alt und Jung im Unternehmen: Heute ist nicht mehr so sicher, wer von den beiden Chef ist
Corbis

Alt und Jung im Unternehmen: Heute ist nicht mehr so sicher, wer von den beiden Chef ist


Franz Koch ist ein Extrembeispiel: Erst 32 Jahre ist er alt, aber er soll bald schon die Geschäftsführung eines der Sportartikelhersteller der Welt übernehmen, nämlich Puma. Die Meldung kam im März selbst für Branchenkenner überraschend, weil Koch bis dahin nicht einmal dem Vorstand angehörte. In der Wirtschaftspresse hieß es, damit habe man die anderen Vorstände "düpiert".

Immer häufiger kommt es vor, dass noch sehr junge Manager in deutschen Unternehmen das Ruder übernehmen. Meist sind sie nicht so jung wie Franz Koch, aber mit Mitte 40 oder Mitte 30 unterschreiten sie das typische Chef-Alter deutlich. "Vorstandsvorsitzende von börsennotierten Konzernen treten ihren Posten immer früher an", sagt der Deutschlandchef der Strategieberatung Booz & Company, Klaus-Peter Gushurst. Diese Tendenz sei vor allem im deutschsprachigen Raum zu beobachten - und sie werde weitergehen, auch in den deutschen Aufsichtsräten.

"Die Aufsichtsräte sind heute eher bereit, jüngeren Vorständen eine Chance zu geben", sagt Gushurst. Den Typ "Alter Haudegen" gebe es unter den Vorstandsvorsitzenden der großen Unternehmen kaum noch.

Die "Kaminkarriere" in Unternehmen wird seltener

Trotzdem sei keine "Greenhorn-Truppe" angetreten. Gushurst: "Die meisten Chefs Anfang, Mitte 40 haben schon vor 15 bis 20 Jahren angefangen zu arbeiten und haben einen vielfältigen - meist internationalen - Lebenslauf." Immer weniger gehe es darum, Zugehörigkeit und Loyalität zu belohnen, beobachtet die Karriereberaterin Svenja Hofert aus Hamburg: "Vielmehr geht es um Können."

Tipps für junge Führungskräfte
Chef? Ich? Schon?
TMN
Wer gerade einmal um die 30 ist und schon im Chefsessel sitzt, kann sich leicht verunsichert fühlen. Was gilt es in dieser Situation zu beachten? Die Karriereberaterin Svenja Hofert aus Hamburg gibt Tipps.
Respekt, Respekt
Verschaffen Sie sich von Beginn an Respekt bei den Mitarbeitern. Auch ein junger Chef muss souverän auftreten und klar kommunizieren, was er will. Manchen fällt das schwer, gerade im Umgang mit Älteren. Sie neigen dann dazu, Mitarbeitergespräche und Auseinandersetzungen zu meiden. Dann kommt es leicht zu einer Jung-Alt-Konstellation, die für beide Seiten unangenehm ist. Der Alte denkt: "Oh Gott, der hat doch keine Ahnung" und der Junge denkt: "Oh Gott, dieser Besserwisser, Veränderungsverweigerer, Blockierer". Ein junger Chef muss auch wertschätzen, dass ein alter Hase Informationen besitzt, die er selbst noch nicht haben kann.
Grenzen ziehen
Wenn ältere Mitarbeiter ihren Vorgesetzten respektlos behandeln, muss dieser sofort klar machen, dass es so nicht geht. Solch eine Kommunikation sollte aber auf jeden Fall persönlich und nicht per E-Mail stattfinden. Nützt auch das nichts, müssen Konsequenzen folgen - bis hin zur Abmahnung.
Nahbarer Status
Junge Chefs sollten immer ein bisschen besser gekleidet sein als die eigenen Mitarbeiter - es aber auch nicht übertreiben. Wer seine Kollegen vor der Beförderung geduzt hat, sollte als Chef nicht plötzlich zum "Sie" übergehen. Ein Feierabendbier mit den Mitarbeitern ist erlaubt. Aber: Dann bloß nicht zu viel trinken. Die Idealhaltung ist, durchaus Status auszustrahlen, aber gleichzeitig nahbar zu sein.
Falsches Vorbild
Machen Sie nicht den Fehler, als junger Chef jeden Morgen extra früh ins Büro zu kommen und bis spät abends zu bleiben. Wer sich dem Unternehmen gnadenlos unterwirft, riskiert nicht nur Burnout, sondern ist auch ein schlechtes Vorbild für seine Mitarbeiter.
Der Trend werde dadurch begünstigt, dass immer mehr Nicht-Deutsche in den Vorstand berufen würden, erläutert Gushurst. Sie haben ihre Abschlüsse im Ausland gemacht - und damit früher als hierzulande. "Die Chance ist einfach größer, dass man mit Anfang, Mitte 40 eine Führungsposition bekommt und nicht mehr erst mit Mitte 50." Die Umstellung auf Bachelor und Master auch in Deutschland werde die Entwicklung weiter vorantreiben.

Der Deutsche Führungskräfteverband beobachtet einen ähnlichen Trend beim mittleren Management. "Die Voraussetzungen, in jungen Jahren Führungsverantwortung zu übernehmen, sind in den letzten Jahren gestiegen", sagt Andreas Zimmermann, Geschäftsführer des Bereichs Sozialpolitik. Das liege unter anderem an den immer flacheren Hierarchien in Unternehmen. Die typische "Kaminkarriere", bei der jemand in einem Unternehmen von Stufe zu Stufe aufsteige, werde immer seltener.

In manchen Branchen sind junge Chefs ganz normal

Das könne ältere Mitarbeiter frustrieren, sagt Karriereberaterin Hofert. Etwa dann, wenn sie der Meinung seien, die Stelle des jungen Chefs hätte ihnen selbst zugestanden.

Ein junger Vorgesetzter macht allerdings nicht per se alles anders. "Nur weil jemand jung ist, hat er nicht automatisch eine andere Werthaltung als eine alte Führungskraft", so Betriebswirt Jürgen Deeg von der Fern-Uni Hagen. Vielmehr variierten Werteinstellungen je nach Branche, unabhängig vom Alter. Franz Koch ist ein gutes Beispiel für diese Kontinuität. Als seine Beförderung bekanntgegeben wurde, kündigte er an, kurzfristig nicht viel im Unternehmen ändern zu wollen.

Das Einstiegsalter von Chefs hängt außerdem stark von der Branche ab. In der Gastronomie, erläutert Deeg, könne jemand schon mit Anfang 20 Küchenchef sein. In der öffentlichen Verwaltung hingegen sei der Weg bis zur Führungsverantwortung oft sehr lang.

In einem statusorientierten und stark hierarchischen Unternehmen wirke ein Vorgesetzter mit 32 jünger als etwa in einer Werbeagentur, sagt Karriere-Coach Hofert. Die Führungsaufgabe steige Jüngeren leichter zu Kopf, weil sie noch nicht so gefestigt seien. Es bleibt also spannend zu sehen, wie sich Franz Koch bei Puma schlägt.

dpa/mamk



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insgesamt 13 Beiträge
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Seite 1
firem 23.06.2011
1. Jüngere haben einen großen Vorteil
Weil sie zumeist nicht beurteilen können, was sie eigentlich tun, machen sie alles, was man ihnen befiehlt. Sie sind die best anschaffenden Huren des Kapitals. Huren sind auch jung. Manager mit dem gleichen Erfahrungshorizont und einem erprobten Beurteilungsvermögen sind eben eher unbequem. Die springen nicht über jedes Stöckchen. Die sagen dann tatsächlich: "Das mache ich nicht, weil ich u.U. mit dem Strafgesetzbuch in Konflikt kommen und es außerdem den Mitarbeitern gegenüber unanständig ist. Es ist nicht nur die jetzige Entscheidung, ich muss denen auch später noch in die Augen schauen und mich auf die verlassen können." Sagt der Arbeitgeber: "Musst Du nicht. Das macht ein anderer, ein Jüngere. Die können das. Bei denen werden Fragen der Moral überdeckt vom Karrierestreben".
Vision6, 23.06.2011
2. rabähhh!
Es ist doch überall schon seit Jahren so, daß ältere nicht mehr für voll genommen werden. 50? Geh wech! Eine interessante und überaus schädliche Entwicklung in einem überalterten Gemeinwesen wie der BRD. Nun ist der Anti-Ältere-Wahn - denn es ist kein Jugendwahn - also auch bei den Chefs angekommen. Traurich. Wie schon ein Vorredner hier sagte: Jüngere sind formbar. Außerdem auch billiger. Und: schneller austauschbar. Wohin das alles die Unternehmen und damit auch die Volkswirtschaft führt steht natürlich auf einem anderen Blatt.
AGRB 23.06.2011
3. ..
Zitat von firemWeil sie zumeist nicht beurteilen können, was sie eigentlich tun, machen sie alles, was man ihnen befiehlt. Sie sind die best anschaffenden Huren des Kapitals. Huren sind auch jung. Manager mit dem gleichen Erfahrungshorizont und einem erprobten Beurteilungsvermögen sind eben eher unbequem. Die springen nicht über jedes Stöckchen. Die sagen dann tatsächlich: "Das mache ich nicht, weil ich u.U. mit dem Strafgesetzbuch in Konflikt kommen und es außerdem den Mitarbeitern gegenüber unanständig ist. Es ist nicht nur die jetzige Entscheidung, ich muss denen auch später noch in die Augen schauen und mich auf die verlassen können." Sagt der Arbeitgeber: "Musst Du nicht. Das macht ein anderer, ein Jüngere. Die können das. Bei denen werden Fragen der Moral überdeckt vom Karrierestreben".
Klar, ältere Führungskräfte sind natürlich ausschließlich durch Fairness und soziales Gespür in ihre Positionen gelangt.
Spiegelfreund 23.06.2011
4. Alt gegen jung.
Es gibt kein "besser" oder "schlechter" nur aufgrund des Alters. Auch sind "Junge" nicht formbarer als "Alte". Vielmehr ist es so, dass nun endlich ein Stück Altersgerechtigkeit nachgeholt wird. Gerade Deutschland ist ein Land, dass fest im Griff der Alten ist. Dabei leisten Jüngere zumeist. Ältere geniessen zu Recht die Früchte ihrer Leistungen aus jungen Tagen. Aber bei der Vergabe von Positionen geht es nicht um Gerechtigkeit, sondern um Eignung und Leistung.
Europas 23.06.2011
5. Zeit & Loyalität
a) Ein um ein Jahr verkürztes Studium führt zu einer Chefposition zehn Jahr früher? Selbst wenn man alle drei "verjüngenden" Effekte zusammenzählt (G8, Wegfall der Wehrpflicht, Bachelor) sind es nur drei Jahre. Das werden drei Jahre, die spürbar sein werden. 21-jährige steigen in den Beruf ein statt 24-jährige. Natürlich sind das noch halbe Kinder, denen wesentliche Erfahrungen fehlen. Vielleicht ist es wirklich sinnvoll, zumindest das Masterstudium erst nach vielleicht fünf Jahren im Beruf zuzulassen, ansonsten haben wir 23-jährige Absolventen, die nur die Schule kennengelernt haben; leider stellen sich ja die Hochschulen auf dieses junge Alter und die fehlenden Erfahrungen ein und verschulen immer mehr. Dann ist der Abschluss wirklich nur noch Nachweis über ein bißchen Pauken. b) Und wenn Loyalität nicht belohnt wird, dann wird sie auch nicht geübt, was mittelfristig fatal sein wird.
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