Verkäufer "Der Fuß, der Schuh, die Frau - da stimmt einfach alles"

Sie reichen Söckchen, zupfen Hosen zurecht, packen ein und aus. Doch weil das Geschäft ins Internet abwandert, sind Menschen wie Doris Jensen immer weniger gefragt. Einblicke in die Welt des Verkaufens.

Schuh-Profi Jensen: "Manche denken, dass der Beruf nicht anspruchsvoll ist"
Arcioli/ Gromes/ NDR

Schuh-Profi Jensen: "Manche denken, dass der Beruf nicht anspruchsvoll ist"


Wieder ein zugeklebtes Schaufenster im Stadtkern. Der Einzelhandel, der früher die Innenstädte prägte, verlagert sich ins Internet, und die freien Flächen werden zu hippen, teuren Flagship-Stores, zu immer gleichen Filialen - oder sie bleiben einfach leer.

Gerade jetzt, im Advent, müsste die wichtigste Zeit der Verkäufer gekommen sein: Menschen, die ihre Waren kennen und auf eine Art Werbung machen, über die sich Kunden sogar freuen. Aber oft ist ihre Beratung nicht mehr gefragt. Rein technisch gibt es heutzutage keinen Grund mehr, das Haus zu verlassen und in ein Geschäft zu gehen: Die Ware wird an die Tür geliefert, demnächst vielleicht mit Drohnen.

Was leisten die Menschen hinter dem Verkaufstresen? Wie sieht ihr Arbeitsalltag zu Zeiten des Umbruchs aus? Drei Beispiele.

  • Die Schuhverkäuferin: "Wir sind doch noch knackig"

Plattfüße, krumme Zehen, Senkfuß. Schuhverkäuferin Doris Jensen hat in 30 Jahren Berufserfahrung Tausenden Kunden Schuhe angezogen.
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Plattfüße, krumme Zehen, Senkfuß. Schuhverkäuferin Doris Jensen hat in 30 Jahren Berufserfahrung Tausenden Kunden Schuhe angezogen.

Ein Stapel Schuhkartons, so hoch, dass man Doris Jensen dahinter nicht sieht, kommt die Wendeltreppe runter. Diesmal eine Auswahl an schwarzen halbhohen Stiefeln. Die Kundin steht mit Turnschuhen im Geschäft, möchte aber gleich noch in die Oper. Jensen ist völlig unbeeindruckt. Seit über 35 Jahren arbeitet sie zu Füßen der Hamburger.

Sie schiebt ihre Schuhanziehbank mit einem Hüftschwung nach vorn und hilft der Dame mit dem ersten Stiefel. Zu eng. "Bin ich vielleicht doch eine 43?", fragt die Dame. Frau Jensen verneint. "Nein, Sie haben einen breiteren Fuß, wir brauchen eine andere Passform." Also erster Stiefel runter, Anziehbank nach hinten, neuer Karton. Anziehbank nach vorn, nächster Versuch: eine 42½, schwarzes Nubuk, klassischer Stil, andere Passform. Die Kundin ist entzückt.

"Dann sagt man: Der Fuß, der Schuh, die Frau - da stimmt einfach alles. Wow." Die Augen von Doris Jensen funkeln.

Eine Dame mit Gehhilfe bahnt sich den Weg durch die Schuhregale. "Meine Knie sind kaputt." Sie braucht neue Sandalen. Nur ihre Zehen machen da nicht so mit, die stehen ab, wurden operiert und sind steif.

Doris Jensen bringt wieder einen Turm mit Schuhkartons die Wendeltreppe herunter. Schwarze Sandalen, die auch mit orthopädischen Einlagen funktionieren. Die Frau zieht die ersten an, verzieht das Gesicht vor Schmerz. "Meine Knie, aber ich will keine neuen haben, ich muss noch mit meinem alten durchhalten, solange der liebe Gott mich hier rumlaufen lässt."

Jensen kontert: "Meine Knie sind auch kaputt - wenn man lange im Job und Anfang fünfzig ist, fängt es irgendwann an zu knirschen und zu knacken." Die Kundin schaut verblüfft, aber erleichtert. Jensen setzt noch einen drauf. "Wir sind doch alle im knackigen Alter, knackt hier, knackt da..." Jetzt lachen beide Frauen. "Solange es im Köpfchen nicht allzu sehr knackt", meint die Dame. Sie prusten los, haben feuchte Augen vor Lachen.

Jensen kann sich in ihre Kunden versetzen, wie es noch kein schlauer Algorithmus fertigbringt. Dafür muss sie sich nicht anstrengen. Sie ist überzeugt: Gäbe es keine Geschäfte mehr, "wo man sich auch mal unterhält", wäre das ganz furchtbar. Während sie das sagt, sucht sie ein paar Onlinebestellungen zusammen, die sie zwischen zwei Kunden abarbeitet.

  • Die Discount-Verkäuferin: "Die erwarten keine Gespräche mit uns"
Für Kundengespräche hat das Team von Woolworth kaum Zeit. Sie sind ja auch ein Discounter und kein Fachgeschäft, sagt Sophie Schröder.
Arcioli/ Gromes/ NDR

Für Kundengespräche hat das Team von Woolworth kaum Zeit. Sie sind ja auch ein Discounter und kein Fachgeschäft, sagt Sophie Schröder.

An der Laderampe von Woolworth in Buchholz reiht ein Lkw-Fahrer eine Palette an die nächste. Filialleiterin Sophie Schröder schiebt den Palettenhubwagen um die Ecke. "Das Wichtigste ist, dass die Ware so schnell wie möglich auf die Verkaufsfläche kommt - weil das halt Umsatz ist." Die Ware wird eingeräumt während das Geschäft geöffnet ist. So wird Palette für Palette durch die vollen Flure des Billigkaufhauses geschoben. Kunden drängen sich dazwischen und über die Lautsprecher folgt ein Sonderangebot dem nächsten: "Kinder-Pyjamas statt 8,99 Euro nur noch 5,99 Euro."

Das neue Konzept lautet Aktionskaufhaus. Ein Sondersortiment jagt das nächste, nichts wird nachbestellt oder kommt wieder rein. Im Februar zielt das Motto Karibik mit Handtüchern und T-Shirts auf den Sommerurlaub, ab Mai steht der Schulbeginn im Zentrum und Ende August füllen Weihnachtsprodukte die Regale. Gefühlt alles zu früh, aber billig, und damit ist der Betrieb nach vergangener Insolvenz wieder in Gang gekommen.

Für die Verkäufer bedeutet das: Eigentlich sind sie Lageristen, kaum anders als in einem Amazon-Versandzentrum. Nur, dass die Kunden durch ihr Lager laufen. "Die wissen mittlerweile, dass sie hier im Discounter sind. Und die erwarten dann auch keine Gespräche mit uns."

  • Der Matratzenverkäufer: "Das ist ein schwieriger Markt"

Thorsten Pfeiffer bekam mit 18 Jahren den Führerschein von seinen Eltern geschenkt, damit er Matratzen ausfährt.
Arcioli/ Gromes/ NDR

Thorsten Pfeiffer bekam mit 18 Jahren den Führerschein von seinen Eltern geschenkt, damit er Matratzen ausfährt.

Sein Schreibtisch ist gesäumt von Modellen alter Marineschiffe, hinter ihm befinden sich Schaukästen, die die Geschichte der Stadt Itzehoe nachstellen. Thorsten Pfeiffer sitzt an dem Platz, an dem schon sein Vater und Großvater saßen. Mit dem Rücken zur Glasbausteinwand, den Blick auf die Matratzen und Lattenrostmodelle im Verkaufsraum. Das Bettenhaus ist ein fester Bestandteil der Itzehoer Innenstadt.

"Was die Zukunft anbelangt, muss ich immer an meinen Vater denken: Gott lässt den kleinen Einzelhändler nicht im Stich, sagte der." Ohne Gottvertrauen geht es wohl nicht: "Das Bettengeschäft ist ein schwieriger Markt." Für das Bettenhaus Pfeiffer gibt es keine Laufkundschaft. Kunden kommen erst, wenn die alte Matratze durch ist, die Bettdecke zerfällt oder der Lattenrost bricht.

Pfeiffer will mit Service und Qualität punkten. Bei ihm kann man Daunen reinigen lassen, Maßanfertigungen sind möglich, das Gänsefeder-Sortiment ist groß. Damit überlebte der Familienbetrieb sogar den Matratzen-Discounter um die Ecke.

Dennoch, manchmal liegen Wochen zwischen einem Matratzenverkauf und dem nächsten. Die Schwankungen sind enorm. Das schaffen die Pfeiffers nur, weil sie keine hohen Fixkosten haben. Sie zahlen keine Miete, da sie im selben Haus wohnen, und sie haben keine angestellten Mitarbeiter, da entweder Thorsten oder seine Mutter im Geschäft stehen.

Thorsten Pfeiffer ist der letzte Erbe dieses Familiengeschäfts. Für einen Außenstehenden würde sich die Investition in den Laden nicht lohnen. Aber Pfeiffer will nirgendwo anders arbeiten: Bei Betten macht ihm niemand was vor. Solange er kann, wird er an der jahrhundertealten Kasse stehen und seine Kunden beraten.

Der Film "Im Verkauf" von Benjamin Arcioli und Stefanie Gromes läuft in der NDR-Mediathek. Über den Zeitraum eines Jahres sind liebevolle und skurrile Portraits von vier Verkäuferinnen und Verkäufern entstanden.

  • Willenm Konrad/ NDR
    Benjamin Arcioli (Jahrgang 1981) ist freier Videojournalist und Dokumentarfilmer aus Hamburg. Zuvor hat er Audiovisuelle Medien an der Kunsthochschule in Köln studiert.



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insgesamt 35 Beiträge
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Seite 1
dianaberlin 13.12.2015
1. illusorisch
zu behaupten, der Einzelhandel wäre so, wie im Falle des Schuhgeschäfts beschrieben. Oft sind die Verkäuferinnen extrem unfreundlich, von Service keinerlei Spur. Umtausch oft unmöglich, Beratung katastrophal und Behandlung, als wäre man ein unerwünschter Gast im fremden Haus - nett sind die halt nur, wenn die beschriebene Omma rein kommt. Mir reicht schon Karstadt: bei diesen Verkäuferinnen ist es überhaupt kein Wunder, dass sie pleite sind.
Linaritblauer 13.12.2015
2.
Wer schon mal in den USA shoppen war, der weiß es gibt noch viel Potential im Direktverkauf in Deutschland. FOC mal außen vor gelassen sind die Verkäufer jenseits des Atlantiks größtenteils motiviert, gut gelaunt und vor allem wirklich hilfsbereit. Da gibt es im deutschen Einzelhandel noch ganz viel Luft nach oben.
dergroßeradler 13.12.2015
3. komisch ....
... ich fühle mich vielerorts gut beraten und gut bedient, egal ob beim Fahrradhändler, in der Buchhandlung, wenn es um Schuhe geht oder eine Hose usw. usw.. Mit der Zeit weiß man doch, wo man hingehen kann und wohin nicht. Allerdings: Man hat mit Menschen zu tun, und die reagieren auch darauf, wie sie angesprochen werden. Bin ich höflich zu ihnen, wird alles leichter (sei zu anderen so, wie du erwartest, dass sie zu dir sind).
Sibylle1969 13.12.2015
4. Es gibt Waren...
...Es gibt Waren, die will ich garantiert nicht online kaufen. Dazu gehören für mich Kleidung und Schuhe, die will ich anprobieren. Die typische Zalando-Kundin, die 6 Teile bestellt, zuhause anprobiert und dann 5 zurückschickt, bin ich definitiv nicht. Möbel und Matratzen würde ich auch niemals online kaufen. Ich habe kürzlich eine neue Couch gekauft. Ich finde, man muss die Möbel sehen, anfassen, probesitzen usw. Möbelkauf im Internet würde ich nie machen.
tuscreen 13.12.2015
5.
schöner bericht, deckt sich aber auch so gar nicht mit meinen erfahrungen im einzelhandel. im fahrradeinzelhandelsgeschäft nach einem neuen fahrrad gefragt: "was gibt es denn so um die 300 bis 500 euro?" pampige antwort des verkäufers: "vielleicht was gebrauchtes....". also bei amazon geschaut, und für 299 euro den fahrrad-bestseller, ein einwandfreies neues fahrrad mit 18-gang-schaltung, bestellt. und nein, da versagen nicht die bremsen, oder der lenker, oder was auch immer besagter einzehändler seinen kunden mit demonstrativ aufgehängten stiftung warentest-berichten von irgendwelchen discounter-rädern vermitteln wollte. im teegeschäft einen beutel tee besorgt, und zugleich gefragt - da mitten im hochsommer - ob man denn irgendwas kaltes zum mitnehmen da habe, gegen den durst unterwegs. antwort: nee, sowas habe man nicht, aber nen heißen tee zum im-laden-trinken könne man "eventuell organisieren"..... im fotogeschäft nach einem bestimmten bilderrahmen gefragt, antwort: das mache kollegin xy, und die sei nur zweimal die woche da. aktuell natürlich gerade nicht. also zwei tage später wieder hin: nee, jetzt sei die kollegin auch grade nicht da, und nur die kenne sich mit dem katalog des in frage kommenden herstellers aus. auf meine freundliche nachfrage, ob man denn nicht mal zusammen den fraglichen herstellerkatalog durchstöbern und dann das gewünschte bestellen könne: nee, das ginge nicht, weil ja NUR die leider abwesende verkäuferin den katalog kenne (??!!!????). daraufhin entnervt bilderrahmen im netz bstellt, war zwei tage später da. beim elektrogroßhändler nach einem notebook ohne betriebssystem gefragt, da ich ohnehin ein GNU/Linux-System selber aufspielen will. ja, also das müsse man bestellen. und umtausch sei ausgeschlossen - auch wenn es technische probleme mit dem neuen system gebe und es sich zB nicht installieren lasse. ich frage, wie das denn bei den anderen geräten, die man da habe, sei. ja, die könne man umtauschen, aber nicht zurückgeben. und umtausch auch nur, wenn die verpackung nicht geöffnet sei (macht viel sinn, weil man dann ja so toll das notebook auf herz und nieren testen kann.....). und dann war da noch der buchhändler, der aus prinzip von mir gewünschte bücher "erst bestellen muss", die wären dann "morgen da" - wenn es nach 17 uhr ist, dann erst übermorgen. da kann ich auch zuhause bleiben und bei amazon bestellen, da ist das buch auch morgen da, und wenns nach 17 uhr ist, erst übermorgen...... ich könnte noch weiter machen, aber mein punkt kommt wohl auch so rüber......
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