Unerfahrene Autoren Das miese Geschäft der Pseudoverlage

Sie wollen Schriftsteller werden, aber die Verlage lehnen Ihr Manuskript ab? Kein Problem! So suggerieren es zumindest Pseudoverlage und halbseidene Literaturagenten. Betina Knoch fiel darauf rein.

Von Ann-Kristin Mennen

Privat

Wahrhaftig, die Lektorenkonferenz hat ihr Manuskript auserwählt - aus der Fülle aller Einsendungen! Betina Knoch ist selig. Das Bilderbuch über Trauer und Abschied ist eine Hommage an ihren verstorbenen Mann. "Ein wunderbares Buch", sagt Knoch. Erste Leser sagen das auch. Das Erbe ihres Mannes dient als Anzahlung für die Veröffentlichung. 14.800 Euro, so viel verlangt die Deutsche Literaturgesellschaft für eine Auflage von 2500 Stück und suggeriert die umfangreiche Vermarktung von Autorin und Buch.

Dass mit dem selbsternannten "Traditionsverlag" etwas nicht stimmt, kommt der 59-Jährigen nicht in den Sinn. Sie ist beseelt von dem Lob, geblendet von der historischen Anmutung des "renommierten Verlags", dem Versprechen von Exklusivität. Die Autorin unterschreibt. Das Buch wird gedruckt - auf minderwertigem Papier und mit Tippfehlern. Beworben wird es kaum. Ebenso wenig verkauft. "Ich hatte einfach keine Erfahrung damit", sagt Knoch. Doch mit einer Klage scheitert sie vor Gericht, der Vertrag ist wasserdicht, das Gericht sah somit keine Täuschung.

Hunderte unerfahrene Autoren werden jedes Jahr Opfer sogenannter Pseudoverlage. "Diese Unternehmen verlangen bis zu fünfstellige Euro-Beträge für eine Veröffentlichung", sagt Tobias Kiwitt, Rechtsanwalt und Vorsitzender des Bundesverbands junger Autoren (BVjA). Der BVjA ist Mitbegründer des Aktionsbündnis für faire Verlage (Fairlag), das gegen das Geschäft mit den literarischen Träumen vorgeht.

Präsentation auf dem Wühltisch

Auf mehrere Millionen Euro schätzt Fairlag den Umsatz einiger Pseudoverlage, die Renditen lägen bei bis zu 80 Prozent. Ein wachsender Geschäftszweig trotz günstiger Alternativen. Dass es diesen Verlagshäusern weder um Literatur geht noch um die Autoren, hat vor ein paar Jahren die Internet-Poetengruppe 42erAutoren bewiesen. Sie schickte ein Schwachsinnsmanuskript an mehrere Verlage, darunter auch die Deutsche Literaturgesellschaft. Die wollten den Stuss unbedingt drucken - und kassieren.

"Wir hatten gehofft, dass sich mit dem Selfpublishing das Problem von selbst löst", so Kiwitt. Doch der Trend zum digital selbstgestalteten Buch, oft veröffentlicht bei spezialisierten Verlagen, die nur auf Leserbestellung drucken, half nicht. Denn mit der Buchgestaltung und Vermarktung sind viele Autoren überfordert.

Pseudoverlage versprechen das Rundumpaket, lösen es aber nur pro forma ein, warnt Wolfgang Tischer. Der Gründer von Literaturcafe.de kümmert sich um geschädigte Autoren und gibt Selfpublishing-Kurse. "Heißt es etwa, das Buch werde auf Messen präsentiert, dann steht es neben vielen anderen verloren auf einem Buchtisch." Eine Werbung ohne Wirkung.

Auch die Deutsche Literaturgesellschaft, die Betina Knochs Buch in ihr Programm nimmt, rechtfertigt die verlangte Summe mit ihren "umfangreich erbrachten Leistungen", angefangen beim Layout bis zur Vermarktung. "Würde man diese Leistungen einzeln einkaufen, müsste man ein Vielfaches bezahlen", sagt Geschäftsführer Rodja Smolny und hält es seinerseits für unfair, lediglich die Preise zu vergleichen. Allerdings hatte Knoch das Buch vorher schon einmal in einem anderen Verlag veröffentlicht, einem Kleinverlag, der erst gar kein Marketing versprach. Bei Smolny erschien es im gleichen Layout, Lektorat und Gestaltung fielen ganz weg. Außerdem handelt es sich um ein Bilderbuch, mit sehr wenig Text.

Faustregel: Keine Zahlung an den Verlag

Angreifbar sind die oft unkonkreten Verträge nur bedingt. Denn die zentrale Dienstleistung werde erfüllt, sagt Wolfgang Schimmel, Rechtsanwalt für Verlagsrecht. "Das Buch wird gedruckt und ist lieferbar." Ob ein Buch gekauft wird, entscheide dann allein der Leser, sagt Rodja Smolny. Da es Bücher dieser Verlage aber selten in den Buchhandel schaffen, finden sich kaum Käufer. Der Autorenverband rät daher dringend davon ab, einem Verlag überhaupt Geld zu bezahlen. "Auch wenn es viel Ausdauer erfordert, die Suche nach seriösen Verlagen lohnt sich", betont Kiwitt vom BVjA.

Fehlende Ausdauer ist Betina Knoch nicht vorzuwerfen. Fast 50 Verlagen bot sie ihr Erstlingswerk an - und erhielt nur Absagen. Der optimale Nährboden für das Werben der Pseudoverlage. So manches Talent bleibe anfangs unentdeckt, ermutigt die Deutsche Literaturgesellschaft auf ihrer Homepage. Denn Schönheit liege im Auge des Betrachters: "Es braucht visionäre Vorstellungskraft, um die Potentiale eines Werkes zu erkennen." Ob Stephen King oder Joanne K. Rowling - die überschaubaren Beispiele spät entdeckter Starautoren werden wieder und wieder bemüht. Vorbilder, mit denen Autoren sich betrügen, weiß Tischer. So groß sei die Eitelkeit. So dringlich der Traum.

Beides zusammen bilde die Geschäftsbasis - nicht nur für Pseudoverlage. Auch unseriöse Literaturagenten prophezeien Ruhm, berechnen überhöhte Gebühren und "vermitteln" schließlich oft wiederum an Pseudoverlage. 1900 Euro berappte Krimiautorin Beate Eickelmann ihrem Agenten für Vertragsabschluss und Lektorat. Die Veröffentlichung, gar eine Verfilmung, stellte der Agent in Aussicht. Nach der Überweisung herrscht Funkstille. Eickelmann klagt - mit ihr 122 weitere Geschädigte. Dagegen hilft eine einfache Regel der Autorenverbände: "Ein seriöser Agent arbeitet auf Provisionsbasis, bekommt also vorher kein Geld", so Kiwitt.

Betina Knoch erwacht beim Rechtsanwalt aus ihrem Traum vom eigenen Buch. Sittenwidrig nannte der Jurist den Vertrag. Sie habe keine Rechte, einzig die Pflicht, ihre Raten zu zahlen. Schwierig für die Witwe, da die erhofften Einnahmen ausbleiben. Vor dem Landgericht verlor Knoch, schließlich seien die Konditionen klar und habe sie den Vertrag eigenhändig unterschrieben. Das Berufungsverfahren dauert an.

Was der Autorin bleibt, ist ein Buch, dessen Anblick sie nicht erträgt, 20.000 Euro Schulden - und das Schreiben: "Aber das mache ich im Moment nur noch für mich."

  • Ann-Kristin Mennen ist freie Journalistin und lebt in Lüneburg.

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insgesamt 72 Beiträge
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Seite 1
agtrier 08.04.2014
1. Als echte Literaten...
... hätten die Autoren besser Umberto Ecos "Foccaults Pendel" gelesen. Da werden die Machenschaften solcher Verlage lang und breit erklärt (und es ist auch sonst ein großartiges Buch :-)
DL2MCD1 08.04.2014
2.
...sind ja nur lauter leere Seiten!!" sagt der Buchkäufer, als er das Buch empört zurückbringen will... Man kann sich über die Zuschußverlage empören, doch es gibt leider viele Autoren, auch Profis, die selbst jahrelang im Verlagswesen gearbeitet haben, die lieber drei- und vierstellige Beträge für eine solche Pseudoveröffentlichung zahlen, bei der sie dann 30 Bücher für ihre Freunde bekommen, als ein seriöses Angebot wahrzunehmen. Wobei auch die oft nicht mehr ohne Zusatzkosten ankommen, wenn z.B. ein aufwendiges Lektorat nötig ist. Aber da gilt dann: 400 € will keiner zahlen, 20.000 € dagegen plötzlich schon. Muß man nicht verstehen.
theodorheuss 08.04.2014
3. Naja,
Zitat von agtrier... hätten die Autoren besser Umberto Ecos "Foccaults Pendel" gelesen. Da werden die Machenschaften solcher Verlage lang und breit erklärt (und es ist auch sonst ein großartiges Buch :-)
dafür das sie das Buch so loben sollten sie evtl. wenigstens den Titel richtig schreiben können. "Das Foucaultsche Pendel". Im übrigen ein Bandwurmsatzroman der die Augen und den Geist ermüdet. Trotzdem traurig wie gewissenlose Geschäftemacher aus Geldgier die Träume und Hoffnungen unbedarfter Menschen zerstören. Hier im Besonderen, da die Dame anderen bei ihrer Trauerarbeit behilflich sein wollte. Der Wunsch einmal im Leben etwas Großartiges zu tun ( ein Buch zu schreiben ) ist sicher verständlich. Kann man nur hoffen das die Charakterschweine die so mit den Mitmenschen umgehen einer höheren Gerechtigkeit zugeführt werden werden.
jokoenen 08.04.2014
4. Das Foucaultsche Pendel kam mir auch gleich in den Sinn
Zitat von agtrier... hätten die Autoren besser Umberto Ecos "Foccaults Pendel" gelesen. Da werden die Machenschaften solcher Verlage lang und breit erklärt (und es ist auch sonst ein großartiges Buch :-)
Ich fand es aber eher zäh wie Kleister und musste mich arg durchkämpfen.
Rudolph Rentier 08.04.2014
5. Frau mit Hund
Ist es Zufall, dass alle abgebildeten Opfer in trauter Harmonie mit Ihrem Hund abgelichtet sind? Da drängen sich gewisse Vorurteile ja geradezu auf.
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