Eine Staubsaugervertreterin erzählt "Eigentlich sind wir überflüssig geworden"

Zu Kunden nach Hause gehen und Staubsauger verkaufen, das war mal ein lukrativer Job. Eine Vertreterin erzählt, warum das nicht mehr so ist - und sie ihre Arbeit trotzdem noch liebt.

Frau beim Staubsaugen
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Frau beim Staubsaugen

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Zwischen Wunsch und Wirklichkeit ist in vielen Berufen jede Menge Platz. In der Serie "Das anonyme Job-Protokoll" erzählen Menschen ganz subjektiv, was ihren Job prägt - ob Tierärztin, Staatsanwalt oder Betreuer im Jobcenter.

"Mich nerven Leute, die ungefragt an meiner Tür klingeln, um Produkte zu verkaufen. Wenn ich durch den Spion einen Vertreter erkenne, mache ich gar nicht erst auf. Aus diesem Grund schaue ich auch selbst bei meinen Kunden nie ohne Termin vorbei. Kaltakquise mache ich nicht.

Ich habe einen Provisionsvertrag. Ich werde nur bezahlt, wenn ich einen Staubsauger verkaufe oder für meine Kunden Zubehör beim Hersteller bestelle, Bürsten etwa oder Staubsaugerbeutel.

18 Prozent beträgt meine Provision. Die ersten Jahre habe ich gutes Geld verdient, zwischen 1800 und 2500 Euro blieben mir im Monat nach allen Abzügen, bei 18,5 Stunden Arbeit pro Woche. Mittlerweile verdiene ich nur noch einen Bruchteil.

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Das anonyme Job-Protokoll: So sieht der Alltag wirklich aus

Viele meiner Kunden haben schon seit 30 Jahren denselben Staubsauger. Und Jüngere bestellen lieber im Internet. Durch die vielen Messen und Onlineshops sind wir Vertreter eigentlich überflüssig geworden. Früher hat meine Firma Staubsauger nur über Kundenberater verkauft, mittlerweile betreibt sie eigene Läden und bietet selbst im Internet Sonderangebote an - das ärgert mich sehr. Ich fühle mich nur noch als Aushängeschild.

In schlechten Monaten bleiben mir nach allen Abzügen nur rund 300 Euro. Aus diesem Grund trage ich nebenbei auch noch Zeitungen aus und verkaufe Gewürze in einem kleinen Geschäft. Ich kann oft nicht schlafen, weil ich große Existenzängste habe.

In neun Wochen zum Kundenberater

Den Job mache ich seit 2010. Schon als Kind habe ich gern organisiert, war offen und konnte gut auf unterschiedliche Menschen zugehen. Ich habe viele verschiedene Berufe ausprobiert, war Arzthelferin, habe an einer Tankstelle gearbeitet.

Und eines Tages lag eine Karte eines Staubsaugervertreters in meinem Briefkasten. Er versprach mir ein Geschenk, ich war neugierig und ließ ihn in die Wohnung. Seine offene Art zu sprechen und sein seriöser Auftritt gefielen mir gut. Wir unterhielten uns lange, und am Ende gab er mir die Nummer seines Vorgesetzten. Ich bewarb mich und wurde eingestellt.

Die Ausbildung dauerte neun Wochen. Ich lernte viel über die verschiedenen Staubsaugermodelle und wie man potenzielle Kunden am besten anspricht. Gerade Menschen mit glatten Böden brauchen ein gutes Luftreinigungssystem. Ideal sind Staubsauger mit Zwei-Motorensystem: Reluktanzmotor plus Elektrobürste. Oder Saugwischer, die saugen und wischen in einem. Da ist man dreimal schneller mit dem Putzen fertig.

Ich bekam zwei Gebiete zugeteilt und eine Liste mit den Namen von Menschen, die schon mal etwas bei der Firma gekauft hatten. Mittlerweile bin ich für fünf Gebiete zuständig.

Zuhörer für Einsame

Bei einigen meiner Kunden verbringe ich viel Zeit. Gerade alte Menschen sind einsam. Neulich erzählte mir ein Mann weinend von seiner verstorbenen Frau. Auch von schweren Krankheiten berichten die Leute häufig. Ich höre dann zu und versuche, ihnen ein wenig Mut zuzusprechen. Wenn ich gehe, freue ich mich, wenn sie sagen: "Schön, dass Sie da waren."

In meiner Branche gibt es viele schwarze Schafe, die guten Vertretern wie mir das Geschäft kaputtmachen. Manche verkaufen überteuerte Imitate unseres Zubehörs oder vermeintliche Ersatzteile.

Wer unsicher ist, ob er es mit einem seriösen Kundenberater zu tun hat, sollte sich Ausweis und Gewerbeschein zeigen lassen. Beides habe ich zum Beispiel immer dabei. Mir ist es wichtig, dass sich meine Kunden wohl fühlen. Ich arbeite mit Terminen und würde ihnen nie Dinge verkaufen, die sie nicht brauchen. Ich bin authentisch, möchte zufriedene Kunden haben und stehe voll und ganz hinter den Staubsaugern, die ich verkaufe."

Video: 7 Tage… unter Staubsaugervertretern



insgesamt 55 Beiträge
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Seite 1
susuki 04.07.2018
1.
Beutelloses Fabrikat aus China 120 Euro, seit zwei Jahren im Einsatz. Was will man mehr.
Danares 04.07.2018
2. seriöse Kundenberater
Ích bezweifle mal, daß man die allein an Ausweis und Gewerbeschein erkennen kann. Wer die nicht (dabei) hat, mag unseriös sein, aber den Umkehrschluss würde ich nicht einfach so akzeptieren.
spon_1980133 04.07.2018
3. Ich will mehr ...
Zitat von susukiBeutelloses Fabrikat aus China 120 Euro, seit zwei Jahren im Einsatz. Was will man mehr.
... nämlich einen Staubsauger, welcher auch gerne mal 20 oder 30 Jahre seinen Dienst verrichtet und den Schmutz in hygienischen Wegwerfbeuteln sammelt. Einen Sauger, welcher sich mit sinnvollem Zubehör zu einen universellen Reinigungssystem ausbauen lässt.
grain 04.07.2018
4. Unvorstellbar
Ich kann das Gejammer über das sinkende Einkommen nicht ganz nachvollziehen. Zum einen war hier von einer 18,5 Stunden Woche die Rede. Wenn man das will, gibt es eben entsprechend wenig. Zum anderen muss doch jeder seinen Arbeitsmarkt beobachten und dieser unterliegt Veränderungen (selbst im Banken- /Versicherungsbereich). Und wenn ich registriere, dass mir meine Arbeitsgrundlage wegbricht, muss ich handeln und mich verändern. Aber aus Gewohnheit dabei bleiben und sich dann beklagen, ist doch etwas seltsam
JJJT 04.07.2018
5. Augen auf bei der berufswahl
Wundert mich nicht, dass eine solche Tätigkeit für die man kaum Ausbildung und Wissen braucht in der heutigen Welt nicht mehr richtig funktioniert. Ehrlich gesagt verstehe ich nicht, wie sich solche Berufsgruppen überhaupt so lange im Zeitalter der kompletten vernetztheit halten konnten. Ist das gleich mit Versicherungsvertretern, Autoverkäufern etc. Erhöhen den Preis massiv für wenig bis keine Gegenleistung.
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