Bildungsurlaub Freizeit mit Gehirn

Fünf Tage pro Jahr frei für Weiterbildung - Millionen Arbeitnehmer in Deutschland nutzen Bildungsurlaub nie oder kennen ihre Ansprüche nicht. Oft haben sie auch Angst vor Ärger mit dem Chef. Dabei geht es nicht um pure Extra-Freizeit, das Programm ist vielfältig.

Frei für Fortbildung: Bildungsurlaub wird eher selten genutzt
TMN

Frei für Fortbildung: Bildungsurlaub wird eher selten genutzt


Carina Paul war an ihrer Arbeitsstelle so etwas wie eine Pionierin. Keiner ihrer Kollegen hatte zuvor daran gedacht, Bildungsurlaub zu beantragen. Dabei haben in 12 von 16 Bundesländern die Beschäftigten einen Rechtsanspruch auf diesen Extra-Urlaub; nur für Arbeitnehmer in Bayern, Baden-Württemberg, Thüringen und Sachsen gilt das nicht.

Durch Carina Pauls Bekanntenkreis geisterten die verschiedensten Informationen über den Bildungsurlaub, auch über sonnige Aussichten etwa bei Sprachreisen oder Motorradtouren. "Aber alle waren überzeugt: Das kriegen wir eh nicht", so Paul. Die Rechtsanwaltsfachangestellte informierte sich, suchte einen Kurs und ging zur Vorgesetzten. Erst war die Chefin überrascht - dann unterstützte sie Paul.

Millionen Arbeitnehmer in ganz Deutschland könnten ähnlich vorgehen. Offizielle Zahlen gibt es keine, doch sind sich alle Experten einig: Viel zu wenige Arbeitnehmer nutzen das Recht auf Bildungsurlaub zusätzlich zum Erholungsurlaub. Dabei ist das Angebot verlockend: fünf Tage bezahlte Freistellung pro Jahr für berufliche Weiterbildung.

In einigen Bundesländern können auch zehn Tage am Stück innerhalb von zwei Jahren beantragt werden. Das Spektrum reicht von konkreten fachlichen Fortbildungen über politische Seminare bis hin zu persönlichkeitsbildenden Kursen. "Wenn es im Betrieb üblich ist, wird Bildungsurlaub meist von allen genommen", sagt Alexander Bredereck, Fachanwalt für Arbeitsrecht in Berlin.

In anderen Firmen allerdings wird der Bildungsurlaub noch immer als "Freizeit durch die Hintertür" gesehen, seit er in den siebziger und achtziger Jahren in vielen Bundesländern eingeführt wurde. Oft machen Beschäftigte dann ihren Anspruch nicht geltend, aus Angst vor der Reaktion des Arbeitgebers.

In vier Schritten zum Extra-Urlaub

Damit ein Arbeitnehmer auch bei einem nicht verständnisvollen Chef zu seinem Recht kommt, sollte man bei einem Antrag auf Bildungsurlaub daher am besten diese vier Schritte beachten:

Schritt 1: Als erstes müssen alle Unterlagen zusammengestellt werden, die belegen, dass der ausgewählte Kurs ein Bildungsurlaub ist. Dazu gehören zum Beispiel das Seminarprogramm sowie ein Ausdruck der Bildungsträger-Anerkennung durch das Bundesland.

Schritt 2: Den Antrag auf Bildungsurlaub reicht der Arbeitnehmer samt Unterlagen mindestens sechs Wochen vor Beginn schriftlich beim Arbeitgeber ein. Musteranträge gibt es beim Kursanbieter oder bei den Gewerkschaften.

Schritt 3: "Prüfen Sie nach drei Wochen die Reaktion des Arbeitgebers: Zusage, Absage oder Schweigen?", rät Reinold Mittag, Fachanwalt für Arbeitsrecht. In Nordrhein-Westfalen etwa gilt ein dreiwöchiges Schweigen als Zustimmung des Arbeitgebers; andere Bundesländern haben die Reaktionspflicht des Arbeitgebers anders geregelt - ein Blick ins Landesgesetz hilft.

Schritt 4: Nach der Veranstaltung sollte der Arbeitnehmer die Teilnahme nachweisen können, und zwar "so zeitnah wie möglich nach Ende des Bildungsurlaubs, damit ich auch meinen nächsten Lohn pünktlich gezahlt bekomme", sagt Mittag. Die Kosten für den Kurs trägt der Arbeitnehmer; der Arbeitgeber beteiligt sich nur über die Fortzahlung des Lohnes.

Und bei einer Absage?

Einen Antrag auf Bildungsurlaub ablehnen darf der Arbeitgeber in den meisten Bundesländern nur aus zwei Gründen: wenn der beantragte Zeitraum aus betrieblichen Gründen nicht passt oder wenn das ausgewählte Seminar nicht als Bildungsurlaub anerkannt wird.

"Im ersten Fall gelten arbeitsrechtliche Regelungen wie beim Erholungsurlaub", erklärt der Bielefeleder Fachanwalt Mittag. Für den zweiten Fall gebe es etwa in Nordrhein-Westfalen eine Sonderregelung: "Der Arbeitnehmer kann eine Gleichwohl-Erklärung abgeben und trotz der Ablehnung des Arbeitgebers in den Bildungsurlaub gehen." Eine Gleichwohl-Erklärung bedeute, dass der Arbeitnehmer binnen einer Woche nach Eingang der Absage des Arbeitgebers schriftlich festhalten kann, dass er den ausgewählten Bildungsurlaub trotzdem antritt. Bei Problemen kann der Betriebsrat ein Mitspracherecht haben.

Besser nichts vortäuschen

In einem solchem Streitfall kann der Arbeitgeber zwar das Gehalt zurückhalten, der Arbeitnehmer es aber einklagen, indem er nachweist, dass der gewählte Kurs in Nordrhein-Westfalen als Bildungsurlaub anerkannt ist. In anderen Bundesländern können Arbeitnehmer vor Gericht eine einstweilige Verfügung einreichen, um trotzdem am Kurs teilnehmen zu können.

Die Gesetze regeln aber nicht nur Pflichten des Arbeitgebers. "Als Arbeitnehmer muss ich einen Bildungsurlaub ordnungsgemäß durchführen", warnt Fachanwalt Bredereck. Wer ihn nur vortäuscht und in Wirklichkeit etwas ganz anderes macht, riskiere die fristlose Kündigung.

Gegen das Vorurteil, der Extra-Urlaub sei bloß zum Vergnügen da, hilft mitunter der Hinweis, dass ein Bildungsurlaub als anerkannte Maßnahme mindestens sechs Unterrichtsstunden täglich vorsieht und daher wohl nicht nur Spaß ist.

Carina Paul hat sich wohlgefühlt. Ihre gute Erfahrung aus dem ersten Bildungsurlaub hat sie bereits wiederholt und ist dieses Jahr erneut für fünf Tage aus dem Job ausgestiegen. Das Kursthema: "Entspannt durch den Berufsalltag mit Yoga".

Katja Fels/dpa/jon



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