Büropsychologie Warum Teamarbeit faul und unglücklich macht

"Wir suchen einen teamfähigen Mitarbeiter" - der Satz gehört unweigerlich in jede Stellenanzeige. Dabei richtet der grassierende Team-Fetischismus viel Schaden an, sagt Buchautor Volker Kitz. Er verrät, wie man im Alltag dem Teamterror entkommt.

Das Eckige muss ins Runde: Gemeinsam ist man stärker - oder nicht?
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Das Eckige muss ins Runde: Gemeinsam ist man stärker - oder nicht?


Herrscht bei Ihnen auch Team-Terror? Wer nicht "teamfähig" ist, bekommt heute keinen Job mehr - und eine Stelle, die nicht die "Zusammenarbeit in einem dynamischen Team" bietet, darf erst gar nicht ausgeschrieben werden, so scheint es. Wenn Ihnen das immer schon komisch vorkam, liegt Ihr Misstrauen auf einer Linie mit wissenschaftlichen Erkenntnissen.

Schon 1882 untersuchte der französischer Agraringenieur Maximilian Ringelmann, wie es sich auswirkte, wenn man statt einem Mann sieben Männer an einem Seil ziehen ließ. Eigentlich hätten sieben Männer ja auch sieben Mal so viel Kraft haben müssen. Aber das war nicht der Fall: Allein zog jeder Mann 85 Kilogramm (das "Kraftkilogramm" war damals eine Maßeinheit für die Kraft, die wir heute in Newton messen). In der Gruppe entfielen auf jeden nur 65 Kilogramm. Knapp ein Viertel der Leistung blieb also durch die Teamarbeit auf der Strecke!

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Damals ließ sich noch nicht klären, ob dieser Ringelmann-Effekt seinen Grund in einem Motivationsverlust hatte - oder einfach nur in Koordinationsproblemen. Denn ziehen mehrere Menschen an einem Seil, muss jeder seine optimale Position erst einmal finden, damit die Kräfte wirklich miteinander und nicht gegeneinander wirken. Das gilt heute keinen Deut weniger für Teams, die gemeinsam eine Powerpoint-Präsentation erstellen oder einen Kundentermin vorbereiten sollen: Der Grat zwischen miteinander und gegeneinander arbeiten ist schmal.

Fast 100 Jahre später erfanden Psychologen eine einfallsreiche Variante des Versuchs, um zu klären, ob Menschen im Team nur schlechter koordiniert sind oder auch weniger Lust haben: Sie verbanden den Teilnehmern einfach die Augen und sagten ihnen nur, sie würden einmal in einer Gruppe ziehen, einmal alleine. In Wirklichkeit zogen sie beide Male alleine. Koordinierungsprobleme waren damit ausgeschaltet.

Trotzdem fiel die Leistung der Probanden ab, wenn sie nur glaubten, es ginge um Teamwork. Damit war der Beweis erbracht: Teamwork senkt tatsächlich die Motivation.

Das "Faulenzen-Phänomen"

Heute spricht man in der Psychologie ganz unverhohlen vom "sozialen Faulenzen". Es ist inzwischen in vielen weiteren Versuchen bestätigt worden, auch bei geistigen Tätigkeiten, zum Beispiel bei einer Rechenaufgabe. Kürzlich fand man heraus, dass Menschen sich sogar schlechter auf eine Aufgabe vorbereiten, die sie im Team lösen sollen - selbst wenn sie bei der Vorbereitung noch alleine sind.

Erklären lässt sich das mit unserem Bedürfnis nach Kontrolle und Anerkennung: Fließt meine Arbeit in ein Gruppenergebnis ein, dann kann ich dieses Ergebnis weniger kontrollieren, als wenn ich allein arbeite. Und ich muss mir die Anerkennung mit anderen teilen. Das zerstört die Motivation.

Mindern können wir das "soziale Faulenzen" folglich, indem wir den Anteil des Einzelnen wieder stärker aus dem Teamergebnis herauslösen und auch einzeln betrachten. Denn misst man die Leistungen der Teammitglieder einzeln, tritt der Ringelmann-Effekt nicht auf.

Aber gerade das ist heute in vielen Unternehmen verpönt. Wenn Sie im Team eines Teamfetischisten arbeiten müssen, haben Sie also zwei Möglichkeiten: Sie ruhen sich schön aus - aber Nichtstun kann ja auch ganz schön anstrengend sein, denn man weiß nie, wann man fertig ist. Oder Sie wollen sich Ihre Motivation erhalten. Dann bestehen Sie innerhalb des Teams unbedingt auf eine Aufgabe, deren Erledigung einzeln messbar ist.

In manchen Situationen kann sich die entspannende Wirkung des Teams positiv auswirken: Dort, wo uns zu viel Anspannung im Weg steht, also bei besonders schwierigen Aufgaben. Hier werden die Ergebnisse im Team besser. Und nur hier ist es wirklich sinnvoll, nach einer Arbeitsgruppe zu rufen.

  • Mareike Föcking
    Volker Kitz (links) hat Jura und Psychologie studiert und unter anderem als Wissenschaftler am Max-Planck-Institut gearbeitet. Heute lebt er als freier Autor in München. In der Reihe "Büropsychologie" stellen wir seine besten Bürotricks vor. Sie sind seinem aktuellen Buch entnommen: "Warum uns das Denken nicht in den Kopf will. Noch mehr nützliche Erkenntnisse der Alltagspsychologie" (gemeinsam mit Manuel Tusch, rechts).
  • Mehr unter www.kitz-tusch.com



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