Volkskrankheit "Burnout ist eine Ausweichdiagnose"

Ausgebrannt, erschöpft, am Ende: Burnout gilt als Massenleiden der modernen Arbeitswelt. Der Psychiater Ulrich Hegerl warnt vor dem Modewort: Stress im Job ist oft nicht die Ursache - und eine Auszeit kann alles noch viel schlimmer machen.

Depressionen: Mehr Schlaf oder Urlaub kann genau das Falsche sein
Corbis

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KarriereSPIEGEL: Herr Hegerl, Millionen von Menschen fürchten, vom Stress erdrückt zu werden. Sie dagegen bezeichnen Burnout als Modewort. Also alles nur eingebildete Kranke?

Hegerl: Darum geht es mir nicht. Es ist sehr populär geworden, vom Ausgebranntsein zu sprechen, wahrscheinlich, weil wir alle glauben zu wissen, was damit gemeint ist. Wir alle fühlen uns gelegentlich erschöpft und sehnen uns nach Ruhe und Entspannung, wenn wir große Anstrengungen hinter uns haben. Aber in psychiatrischen Fachbüchern sucht man den Begriff Burnout bis heute vergeblich. Es gibt keine international akzeptierte Diagnose.

KarriereSPIEGEL: Sie sehen darin nur Jammerei über den ganz normalen Alltagsstress?

Hegerl: Nein, das auf keinen Fall. Wenn von Burnout gesprochen wird, liegen sehr häufig alle Kriterien einer depressiven Erkrankung vor. Burnout meint oft nichts anderes als eine Depression, und das ist eine ernst zu nehmende psychische Erkrankung, oft sogar eine lebensbedrohliche. Burnout klingt vielleicht besser. Aber ich halte es für gefährlich, von Burnout statt von Depression zu sprechen. Das stiftet nur Verwirrung.

KarriereSPIEGEL: Vielleicht erleben Depressive den Begriff Burnout ja als weniger stigmatisierend und stellen sich eher ihrer Erkrankung. Das wäre doch ein Fortschritt.

Hegerl: Es mag ja sein, dass die Diskussion über Burnout dazu geführt hat, dass es für manchen depressiv Erkrankten leichter geworden ist, sich Hilfe zu holen. Aber wir sollten eine Depression auch Depression nennen und uns nicht hinter Ausweichdiagnosen verstecken.

KarriereSPIEGEL: Was wäre so schlimm daran, sie etwas vornehmer als Burnout zu bezeichnen?

Hegerl: Ich sehe die Gefahr darin, dass eine konsequente Behandlung unterbleibt, wenn man sich hinter so einem Begriff versteckt. Burnout suggeriert, eine Auszeit, Urlaub und mehr Schlaf könnten helfen.

KarriereSPIEGEL: Tun sie das nicht?

Hegerl: Wenn mit Burnout nur das alltägliche Gefühl der Erschöpfung gemeint ist, dann vielleicht schon. Wenn sich dahinter aber eine Depression versteckt, wären solche Maßnahmen meist eher nachteilig oder sogar gefährlich. Das mag überraschend klingen, weil Menschen mit Depression sich ja auch erschöpft fühlen. Aber längerer Schlaf führt bei ihnen eher zu einer Verstärkung der Symptome. Sie fühlen sich nicht fitter, sondern nur noch erschöpfter.

Schlafentzug hat dagegen eindeutig antidepressive Wirkung und wird in vielen Fachkliniken praktiziert. Den Patienten wird dann empfohlen, die zweite Nachthälfte wach zu bleiben. Am nächsten Tag geht es ihnen dann meistens deutlich besser. Auch einen Urlaub würde ich einem depressiv Erkrankten auf keinen Fall empfehlen. Die Depression reist mit und wird im Urlaub oft sogar noch schmerzhafter erlebt.

KarriereSPIEGEL: Sie meinen also, der Begriff Burnout verschleiert, ob jemand nur urlaubsreif oder schon krank ist?

Hegerl: Genau. Von Burnout zu sprechen, ist alles andere als hilfreich, weil man damit alltägliche Erschöpfungen genauso meinen kann wie schwere, lebensbedrohliche Depressionen. Letztlich verharmlost der Begriff Burnout damit eine Depression. Und auch wenn vielleicht das Gegenteil beabsichtigt ist, trägt er auf Dauer sogar dazu bei, Depression zu stigmatisieren. Depressiv Erkrankte treffen dann auf das Vorurteil, dass sie ihr Leben nicht richtig im Griff haben, sich selbst aus Ehrgeiz überfordern oder sich einfach nicht zusammenreißen.

KarriereSPIEGEL: Aber drückt Burnout nicht viel besser aus, wo die eigentlichen, die gesellschaftlichen Ursachen liegen: Die moderne Arbeitswelt verheizt die Seelen vieler Menschen?

Hegerl: Die Vorstellung teile ich eben nicht. Menschen mit Depressionen fühlen sich zwar ausnahmslos erschöpft. Das liegt bei den meisten Betroffenen aber nicht daran, dass der Beruf sie überfordert hätte - auch wenn die Vermutung vielleicht nahe liegt. So einfach kann man oft nicht von Symptomen auf die Ursachen schließen. Bei vielen Menschen sind die Auslöser Kränkungen, Verlusterlebnisse oder ganz allgemein Veränderungen im Lebensgefüge.

Und auch, wenn es paradox klingt: Manchmal führen sogar positive Ereignisse zu einer Depression, zum Beispiel ein Umzug, eine Beförderung oder eine bestandene Prüfung. Bei vielen Menschen mit Depressionen ist auch gar kein Auslöser identifizierbar. Bei der Mehrzahl der Betroffenen ist schlicht nicht gerechtfertigt, was der Begriff Burnout postuliert: nämlich dass Überforderung und Verausgabung in der Arbeit die Ursache wären.

KarriereSPIEGEL: Die Arbeitgeber werden sich freuen, so etwas zu hören.

Hegerl: Wäre Burnout oder Depression eine Folge beruflicher Überforderung, dann sollten ja vor allem Personen im Hochleistungsbereich betroffen sein, Sportler zum Beispiel, und weniger Rentner, Studenten oder Arbeitslose. Aber wir beobachten eher das Gegenteil.

KarriereSPIEGEL: Woran liegt es dann, dass seit Jahren die Anzahl der Fehltage aufgrund psychischer Erkrankungen steigt?

Hegerl: Ich glaube, dass sich heute mehr Menschen mit Depression als noch vor 30 Jahren Hilfe holen und dass Depressionen nicht mehr hinter Ausweichdiagnosen wie chronischem Rückenschmerz oder Tinnitus versteckt werden. Dass mehr Betroffene Hilfe erhalten, dürfte die bemerkenswerte Tatsache erklären, dass die Suizidzahlen in Deutschland von circa 18.000 Anfang der achtziger Jahre auf 9600 drastisch gesunken sind. Depressionen haben nicht zugenommen, aber sie werden heute früher erkannt und besser behandelt. Und das sollten wir nicht aufs Spiel setzen, indem wir sie wieder hinter einer neuen Ausweichdiagnose wie Burnout verstecken.

  • Das Interview führte Bernd Kramer (Jahrgang 1984), Redakteur bei SPIEGEL ONLINE im Ressort Uni-/ SchulSPIEGEL.

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insgesamt 174 Beiträge
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Seite 1
sappelkopp 24.11.2011
1. Eine theoretische Diskussion...
...die wohl kaum den Kranken hilft. Aber was für ein Widerspruch: Heute werden diese Depressionen eher erkannt, statt auf chronische Leiden geschoben zu werden. Aber gleichzeitig ist Burnout heute eine Ausweichdiagnose. Da hat einer nicht zu Ende gedacht!
chris345 24.11.2011
2. Mal neue Bücher kaufen?
---Zitat--- Aber in psychiatrischen Fachbüchern sucht man den Begriff Burnout bis heute vergeblich. ---Zitatende--- In meinem Buch steht der Begriff. In der ICD-10 auch, wenn auch nicht als eigenständige Erkrankung. Burnout als Depression abzutun greift zu kurz.
ReneMeinhardt, 24.11.2011
3. Endlich jemand, der Klartext spricht
Stress ist nämlich noch nie Ursache von irgendwelchen Krankheiten gewesen. Schade nur, dass sich der Interviewte nicht über die Wahren Ursachen von Depressionen auslässt.
onkelbobo 24.11.2011
4. Differenzierung ist eine Intelligenzleistung.
Zitat von sysopAusgebrannt, erschöpft, am Ende: Burnout gilt als Massenleiden der modernen Arbeitswelt. Der Psychiater Ulrich Hegerl warnt vor dem Modewort: Stress im Job*ist oft*nicht die Ursache - und eine Auszeit*kann alles noch viel schlimmer machen. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/0,1518,799348,00.html
Tschuldigung Herr Psychiater, aber Differenzierung ist eine Intelligenzleistung, die Sie sich selber versagen! Auch verwechseln Sie offensichtlich Ursache und Wirkung und fabrizieren einen erstaunlichen Umkehrschluss! Wo doch verschiedene Ursachen, z.B. Doppelverplanung als menschliche Resource, nicht verarbeitete Konflikte in der Kindheit, sexuelle Störungen oder meinetwegen der Glaube an das Gute im Menschen zu Depression führen können, sagen Sie: Differenzierung ist überflüssig, die Depression muss behandelt werden. Burnout wird heute klar als Symtomkomplex verstanden, der klar mit Arbeit (Zur Erinnerung: Haushalt ist auch Arbeit) verbunden wird. Will man Betroffenen helfen, kann man sie anleiten, sich der Situation bewusst zu werden und ihnen helfen zu lernen, adequat mit der Situation umzugehen. Die Pille, die alles kuriert, gibt's nun mal nicht. Und Symtombekämpfung ist per se keine Lösung in Hinsicht der Ursachen!
Leser161 24.11.2011
5. Eine Sache noch
Aus dem Interview: "Wäre Burnout oder Depression eine Folge beruflicher Überforderung, dann sollten ja vor allem Personen im Hochleistungsbereich betroffen sein, Sportler zum Beispiel, und weniger Rentner, Studenten oder Arbeitslose. Aber wir beobachten eher das Gegenteil." Diese Annahme setzt vorraus, dass alle Menschen gleich leistungsfähig sind. Möglich wäre aber auch das nur besonders leistungsfähige Menschen im Hochleistungsbereich tätig sind (Es wird ja nicht jeder Frischling gleich Topmanager). Ausserdem wird ausser acht gelassen, dass das Problem ja oft nicht die absolute Leistung ist, sondern das Verhältnis aus Motivation und Leistung. Sprich für einen "fetten Bonus" ackert man gerne mal 24/7 durch. Auf Minijobbasis hingegen unbezahlte Überstunden schieben zu müssen ist meist nicht so erfüllend.
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