Golfballtaucher Der nasse Riese und sein weißes Gold

Was Zahnärzte in den Teich dreschen, fischt er wieder raus: Sascha Kruse verhilft versenkten Golfbällen zum Comeback, manchmal 2000 in zwei Stunden. Das "weiße Gold" finanziert seine Familie und Reihenhaushälfte. Riskant machen den Job tieffliegende Geschosse. Oder Schlingpflanzen.

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Stefanie Maeck

Nur die Kreise und Blubberbläschen verraten ihn. Morgens auf Gut Kaden in Alveslohe nahe Segeberg, leichter Dunst, der Tag verspricht sonnig zu werden. Die ersten Golfer drehen ihre Runde, ein paar Kinder üben auf dem Putting Green. Aber wo steckt Sascha Kruse? Sein Kopf taucht auf aus dem neun Grad kalten Wasser im gepflegten Hindernis an der Bahn C2 hinter dem Clubhaus. Kruse legt den Kopf schief, schüttelt Wasser aus dem rechten Ohr - "ich zwitscher gleich noch mal runter".

Sascha Kruse, 37, ist freiberuflicher Golfballtaucher. Nach einer Viertelstunde ist er wieder oben, seine Neoprenfinger umklammern die Beute. "Der Teich ist sehr, sehr stark", ruft er. Am Rand liegt ein Fangnetz mit dem Aufdruck "Poseidon Pro". Eine kleine Holzbrücke führt über den Teich, in dem ein Springbrunnen plätschert. Davor hat Kruse ein Schild aufgestellt: "Achtung - Golfballtaucher im Wasserhindernis vor Ihnen im Einsatz!" "Aufpassen", rät er, "wenn dich der Ball trifft, liegst du hier." Weil es bei ihm ein paarmal knapp war, fängt er immer früh an, gern um sieben Uhr - denn schon zwei Stunden später "ist hier oben Krieg der Sterne".

An Land sieht Sascha Kruse wie ein nasser Riese aus, durchtrainiert, ein nordischer Typ mit vielen flapsigen Sprüchen. Nach dem letzten Tauchgang schnallt er Eisengürtel und 15-Liter-Pressluftflasche ab, watschelt mit Taucherflossen und Strubbelhaar zu seinem roten Auto. Heute findet er die Beute von rund tausend Bällen "nicht so prickelnd". Kruse zupft Seetang von der "Neoprenpelle" und führt in sein Geschäftsfeld ein: "Perle, Mittel, Schrott", in diese Kategorien unterteilt er den Fang nach Zustand und Marke. "Titleist" sei der Star unter den Golfbällen, "Shamp" die Aldi-Eigenmarke. Zunehmend treffe man die an.

"Dieser Ball gehört Heinz, Finger weg"

Eine "Perle de luxe", bei der alles "tippi toppi ist", kann er für bis zu 1,50 Euro übers Internet verkaufen. Die schlechtesten, womöglich zerkratzten Bälle, an denen er ewig die Beschriftung runterschrubben muss, gehen für 10 bis 15 Cent raus. Ungefähr jeder dritte Ball sei "Schrott". Mancher Ball liege nur eine Woche unter Wasser, andere schon 15 Jahre, wie jener "total räudige Hansegolf 1992"-Ball, auf den Kruse angewidert zeigt.

Mit seiner Geschäftsidee ernährt Kruse eine vierköpfige Familie und zahlt eine Reihenhaushälfte. Bei jährlich gut 80 Tauchgängen fischt er bis zu 100.000 Bälle aus Teichen. Die "Perlen" können den Fang zum "weißen Gold" machen, wie er seine Bälle liebevoll nennt. Besonders Spaß mache das Sichten des Fanges: "Egal, was du suchst - ich habe es."

Der ganze Kofferraum riecht nach Seetang, im Netz leuchten die Logos - von der Uhrenmarke Rolex über die "Bild"-Zeitung bis zu "Ihre Bäckerei mit Herz", "Rechtsanwalt Dumpke" oder Coca-Cola. Auch Raritäten wie den "Ede Stoiber-Politiker-Ball", Golfbälle mit Liebeserklärung oder Aufdruck besitzt Kruse. Etwa: "Dieser Ball gehört Heinz, Finger weg". Selbst Golfer haben Humor.

Dass das Recycling versenkter Golfbälle ein Geschäftsfeld sein kann, mag kaum glauben, wer die Porsche-Cayenne oder Mercedes SL auf dem Parkplatz von Gut Kaden sieht. Aber ein neuer 1a-Golfball kostet bis zu fünf Euro, hundert Bälle verbrauchen Ottonormalgolfer so im Jahr, das geht ins Portemonnaie. Gerade Wasserhindernisse entwickeln eine magnetische Kraft - und tschüs, Dellenball.

Mann oder Mäuschen, rein oder rüber

Schon als Dreizehnjähriger sammelte Sascha Kruse mit einem Freund die ersten Golfbälle und erstand später seinen ersten Taucheranzug per Kleinanzeige. Heute zahlt er den Clubs eine geringe Ablöse für die Bälle, die er penibel in einer vom Schwager umgebauten Waschmaschine reinigt. Ein "Golfballwaschgang" dauere etwa "so lang wie ein Song"; die aufgemöbelten, in Lauge gebadeten, shampoonierten Secondhand-Bälle verkauft er an Kundschaft in ganz Deutschland. "Golfballcomeback" heißt seine Webseite, unter Golfern kein Geheimtipp mehr. 35 norddeutsche Clubs zählen zu Kruses Kunden, dort taucht er in den Sommermonaten und muss für die Wintersaison mitverdienen.

Ein Morgen-Golfer mit weißer Schiebermütze und Handschuhen schleppt an Bahn C2 seine Ausrüstung, lupft souverän den Ball über den Teich und grüßt freudig Sascha Kruse. Bei ihm kaufen mittlerweile viele ein, der gehobenen Klientel gefällt die Idee, einen Golfball mit Vorgeschichte zu erwerben - zumal Kruse einen Namensball aus der "Perlenbox" für den Besteller dazupackt, als Überraschungsei.

Golfballtaucher war er nicht immer. Zunächst arbeitete Kruse im Marketing eines Sportmodenherstellers, die Golfballtaucherei war nur ein Nebenerwerb, bis er sich 2003 selbständig machte und einen Gewerbeschein holte. Die Angst des Golfers vor dem Teich ist jetzt sein Hauptgeschäft. Im "Dive Center Hamburg" lernte er seine Profession. Nicht immer ungefährlich: Normalerweise sei Tauchen ein "Buddygeschäft", man tauche immer zu zweit. Aber angestellte Taucher kann Kruse sich nicht leisten. Kommt er unter Wasser in Not, verheddert sich in Teichfolie oder Schlingpflanzen, muss er allein die Ruhe bewahren.

Über seinen Lieblingsteich in Alveslohe sagt er: "Mann oder Mäuschen, rein oder rüber", heiße es für die Golfer. Sie müssen über den großen Teich auf ein Inselgrün mit Fahne spielen. Das kostet Nerven. Nicht nur Bälle landen im Feuchten, Kruse begegneten auch ein iPhone, eine alte Registrierkasse, ein Trolley oder ein Damenpumps - "glücklicherweise folgte keine Leiche". Manchmal profitiert auch die Familie: Ein Nokia-Handy mit aufgequollenem Akku überließ der Besitzer Kruses dreijähriger Tochter.

Rendezvous mit der Kröte

Kruses Rekord liegt bei zwölf Netzen, die er mit einer Flasche im Teich hochtauchte - etwa 2500 Bälle in knapp zwei Stunden. Seine Beute ertastet er am Grund in vier, fünf Metern Tiefe, die Sicht geht gegen Null. Kruse sputet sich stets, denn nach zwei Stunden unter Wasser muss er Luft nachtanken, und einmal "Flasche voll" kostet fünf Euro.

Mittlerweise sitzt Kruse, nun trockener Riese, im noblen Clubhaus von Gut Kaden, wo Sinatras "New York, New York" aus dem Lautsprecher dudelt. Flossen und Neoprenanzug hat er getauscht gegen eine graue Trainingsjacke und ein T-Shirt mit Hardrock-Café-Aufdruck. Kruse linst vorsichtig um die Ecke, ob wir zwischen Kronleuchtern, eleganten Rattanmöbeln und Schwarzweißfotografien nicht unangenehm auffallen.

Im Golfbusiness ist er längst bestens vernetzt - und lässt die Finger vom Spielen, obwohl er die komplette Ausrüstung samt Schläger schon beisammen hätte, natürlich aus dem Teich gefischt. In den USA hat das Geschäft mit den "Lakeballs" ganz andere Dimensionen; große Firmen konkurrieren und verdienen stattliche Summen.

Sascha Kruse mag seinen sportlichen Beruf und den Kontakt zur Natur. Manchmal stoße er unter Wasser an eine Kröte, "dann erschrecken wir uns beide", und jeder gehe seiner Wege. Kruse hat es jetzt eilig. Zu Hause wartet eine frische Ladung Golfbälle auf die Spezialbürsten, dann das Sichten und Sortieren. Am Ende des Tages wird Kruse seinen "Teichbericht" schreiben und säuberlich einsortieren in eine Kartei. Gut Kaden wird wohl wieder die Bestnote bekommen: Top-Teich.

  • KarriereSPIEGEL-Autorin Stefanie Maeck (Jahrgang 1975) ist Absolventin der Zeitenspiegel Reportageschule und arbeitet als freie Journalistin in Hamburg. Sie studierte Germanistik, Philosophie und Romanistik und promovierte in Literaturwissenschaft.

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Seite 1
spon-facebook-1413120712 23.05.2012
1. Zahnärzte???
Wieso um alles in der Welt werden schon wieder Zahnärzte in diesem Artikel zitiert? Ich bin Zahnarzt und spiele keinen Golf und kenne auch keinen aus meiner Kollegenschaft, der Golf spielt. Worauf soll diese Polemik abzielen? Das ist langsam echt nervig! Das ist Stammtischjournalismus auf Bild Niveau!!
peterbond0815 23.05.2012
2. 2000 in zwei Stunden
Zitat von sysopStefanie MaeckWas Zahnärzte in den Teich dreschen, fischt er wieder raus: Sascha Kruse verhilft versenkten Golfbällen zum Comeback, manchmal 2000 in zwei Stunden. Das "weiße Gold" finanziert seine Familie und Reihenhaushälfte. Riskant machen den Job tieffliegende Geschosse. Oder Schlingpflanzen. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/0,1518,834311,00.html
Junge, Junge... das sind 3,6 Sekunden pro Ball. Da hätte ich ja schon an Land Probleme.
ekel-alfred 23.05.2012
3.
Zitat von spon-facebook-1413120712Wieso um alles in der Welt werden schon wieder Zahnärzte in diesem Artikel zitiert? Ich bin Zahnarzt und spiele keinen Golf und kenne auch keinen aus meiner Kollegenschaft, der Golf spielt. Worauf soll diese Polemik abzielen? Das ist langsam echt nervig! Das ist Stammtischjournalismus auf Bild Niveau!!
Ho..ho...ho....da hat der Autor mal wieder den Nerv getroffen. So wie die meisten Zahnärzte bei ihren Patienten auch....... Wer ein reines Gewissen hat, der sollte sich doch über ein bisschen Polemik amüsieren können, oder? Zurück zum Artikel: Ich finde ich diese Art des Broterwerbs schon so absurd, dass es schon wieder genial ist. Kann man nur hoffen, dass er nach dieser Veröffentlichung nicht allzu viel Konkurrenz bekommt, bevor das Reihenhaus nicht bezahlt ist.....
Friedrich der Streitbare 23.05.2012
4. Ähem ...
Zitat von spon-facebook-1413120712Wieso um alles in der Welt werden schon wieder Zahnärzte in diesem Artikel zitiert? Ich bin Zahnarzt und spiele keinen Golf und kenne auch keinen aus meiner Kollegenschaft, der Golf spielt. Worauf soll diese Polemik abzielen? Das ist langsam echt nervig! Das ist Stammtischjournalismus auf Bild Niveau!!
Nein das ist SPIEGEL Niveau. Da spielen Zahnärzte halt Golf, während ich als Beamter im Büro schlafe, währen der Staat mich mit Privilegien überschüttet.
watschendoni 23.05.2012
5. Und?
Zitat von spon-facebook-1413120712Wieso um alles in der Welt werden schon wieder Zahnärzte in diesem Artikel zitiert? Ich bin Zahnarzt und spiele keinen Golf und kenne auch keinen aus meiner Kollegenschaft, der Golf spielt. Worauf soll diese Polemik abzielen? Das ist langsam echt nervig! Das ist Stammtischjournalismus auf Bild Niveau!!
Wie sieht's mit 'ner Harley aus? :-) nix für ungut...
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