Von Beruf Liebesdiener Darf ich Sie anbaggern?

Liebe in Vertretung: Matt Prager gräbt Frauen an und bekommt dafür eine Menge Geld. Im Auftrag von gestressten Managern ist der New Yorker auf Online-Portalen unterwegs und becirct dort Damen, bis die ein Date gewähren. Zur Sache kommen müssen seine Kunden allerdings alleine.

Von Susanne Koch, New York

Bitte ganz natürlich lächeln: Wie wichtig das richtige Profilbild für erfolgreiches Online-Dating ist, weiß der Cyber-Cyrano Matt Prager ganz genau
David Clement

Bitte ganz natürlich lächeln: Wie wichtig das richtige Profilbild für erfolgreiches Online-Dating ist, weiß der Cyber-Cyrano Matt Prager ganz genau


Es ist einsam inmitten der Massen, morgens auf dem Weg zur U-Bahn, zwischen vorbeihetzenden Menschen. Alle starren auf ihre Smartphones, iPads, E-Books. Liebe auf den ersten Blick funktioniert so nicht. Erst recht nicht in New York, einer Stadt mit 3,8 Millionen Singles, 37 Prozent davon waren nie verheiratet. Für viele von ihnen ist die Einsamkeit ein Problem. Für Matt Prager ist sie ein Geschäft.

Prager ist Therapeut - und seit zwei Jahren verkuppelt er Männer und Frauen im Internet. Er nimmt suchenden Herren das zeitaufwendige Online-Dating ab. Die treffen die Damen immer erst, wenn Prager sie vorher im Netz becirct hat. Natürlich unter dem Namen seiner Kunden. Es sind meist Investmentbanker und Broker, die ihn beauftragen, ihre Identität anzunehmen und auf Online-Dating-Portalen nach einem Herzblatt zu suchen. Ganz selten bitten ihn auch mal Frauen um Hilfe. "Frauen wollen stärker die Kontrolle behalten und geben die Kontaktaufnahme ungern in meine Hände", sagt er.

Das Geschäft mit dem Happy End

Oft wird Matt Prager mit Cyrano de Bergerac verglichen, jenem französischen Dichter mit der großen Nase, der seine schöne Cousine Roxane mit Briefen verführte, die er im Namen eines Nebenbuhlers schrieb. Von dem Vergleich hält er nichts. Nicht nur, weil sein Markenzeichen keine dicke Nase, sondern nur ein dickes Lächeln ist: "Ich habe nicht diesen romantischen Ansatz, ich schreibe E-Mails, keine verliebten Briefe wie Cyrano. Für mich ist es ein knallhartes Geschäft, das mir zwar Spaß macht, aber eigentlich der dreckige Job ist, den keiner machen will", sagt er. "Wenn überhaupt, bin ich ein Cyrano 2.0, ein Cyber-Cyrano."

Alles begann auf der Behandlungscouch. Einer seiner Patienten bat: "Finde eine Frau für mich, ich weiß einfach nicht, was ich falsch mache beim Daten." Prompt war die Geschäftsidee geboren. Als Therapeut fällt es ihm leicht, sich in Menschen hineinzuversetzen. Früher hat er außerdem in Hollywood als Drehbuchautor gearbeitet. Prager weiß, wie man Geschichten mit Happy End schreibt.

Der Therapeut auf der Couch

Heute liegt der Therapeut meist selbst auf seiner Couch, macht es sich gemütlich mit seinem Laptop und durchforstet Online-Dating-Seiten. "Meine Kunden sind fast immer Männer, die gestresst sind, die viel um die Ohren haben und von morgens früh bis abends spät nichts anderes als ihre Karriere im Kopf haben. Sie haben keine Zeit und keine Lust, selbst etwas anzuleiern. An ihrem Feierabend wollen sie einfach nur eine Frau, so unkompliziert wie möglich."

Prager coacht seine Kunden dann auch, hat einen Online-Dating-Guide entwickelt. In Gesprächen findet er heraus, welchen Typ Frau seine Herzenskunden suchen und legt ein Profil für sie an: "Das Online-Profil ist wie ein Marketing-Dokument", sagt Prager. "Dating ist Werbung in eigener Sache. Der größte Fehler ist, die Texte zu lang und zu beliebig zu machen. 'Ich lache gerne, ich reise gerne', das ist eine Floskel. Besser ist es zu schreiben, worüber man gerne lacht und wohin man gerne reist."

Zur Vorsicht rät Prager auch bei den Fotos. "Wenn ich mich über mein Auto definiere, kann ich auch ein Bild von mir im Auto hochladen. Dann darf ich mich danach aber auch nicht beschweren, dass die Frau es nur aufs Geld und den heißen Schlitten abgesehen hat."

Spickzettel im Preis inbegriffen

Sobald das Profil fertig ist, beginnt seine eigentliche Arbeit: die Suche nach der Traumfrau. Hunderte Seiten von Frauen durchforstet er, inspiziert ihre Texte und Fotos. Wenn er eine vielversprechende Kandidatin gefunden hat, schickt Prager ihr eine Nachricht. Das geht hin und her, Geplauder, keine langen Liebesbriefe, es geht schließlich darum, sich so schnell wie möglich zu verabreden.

Wenn es geklappt hat, inkognito eine Frau zu einem Treffen zu überreden, bereitet Prager seinem Kunden einen "Spickzettel" mit den wichtigsten Fakten vor: "Ich schreibe eine Zusammenfassung über die Frau, alles, was sie mir vorher in E-Mails geschrieben hat." Sozusagen ein Executive Summery - die meisten Manager lesen ja ohnehin nichts anderes.

Wahrscheinlich beauftragen ihn auch meist Manager, weil sie sich seine teuren Liebesdienste leisten können. Prager unterscheidet zwischen Komplettbetreuung - er nennt es "High-End Cyber Cyrano-Service" - und Coaching am Telefon. Eine einfache Beratung gibt es für 200 Dollar pro Stunde. Die Komplettbetreuung, bei der er nach Dates sucht, Profile erstellt und den Kunden länger betreut, kostet circa 2000 Dollar im Monat. Den Managern ist es das offensichtlich wert.

Ein unglaublicher "Flow" an Frauen

So wie Peter, seinen richtigen Namen will er nicht nennen, es ist ein diskretes Gewerbe. Peter arbeitet bei einem großen New Yorker Finanzunternehmen, Freizeit hat er kaum. Er ist 45, war schon einmal verheiratet, hat zwei Kinder, vor vier Jahren ging die Ehe in die Brüche. Er sucht zurzeit nicht die ganz große Liebe, sondern will nach seinem stressigen Tag unterhalten und verführt werden.

"Bis ich Matt kennenlernte, habe ich eigentlich nur Enttäuschungen beim Online-Daten erlebt", erzählt er. "Endlose Mails, kaum Verabredungen. Oder eben Dates mit Frauen, die mir überhaupt nicht gefielen. Ich war einfach nicht in der Lage, mich mit einer begehrenswerten Frau zu verabreden."

Peter spricht über sein Privatleben wie über eine Investitionsentscheidung, Emotionen zeigt er kaum. Matt habe einen unglaublichen "Flow" an Frauen generiert: "Innerhalb von sechs Monaten hatte ich bestimmt über 50 Dates", erzählt Peter. "Matt nimmt mir Arbeit ab, auf die ich keine Lust habe und für die mir die Zeit fehlt. Fünf Minuten vor dem Date lese ich auf meinem Blackberry eine Zusammenfassung mit Foto. Matt schreibt mir sogar Vorschläge, wie ich das Gespräch starten könnte. Damit fühle ich mich sicherer."

Natürlich hat Matt Prager auch eine goldene Regel für hinterher parat: Nach dem ersten Abend rät er, nicht zu lange zu warten. Über seine eigenen Dating-Erfolge spricht Prager übrigens nicht. "Das ist mein Geheimnis", sagt er nur, versteckt sich hinter seiner Pilotensonnenbrille und lächelt mal wieder sein dickes Lächeln.

  • KarriereSPIEGEL-Autorin Susanne Koch (Jahrgang 1978) ist freie Journalistin in New York. Sie berichtet aus den USA für Zeitungen, Magazine, Online-Medien und deutschsprachiges Fernsehen.

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insgesamt 46 Beiträge
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Seite 1
puttins 21.07.2011
1. Virtuelle Vögel verifizieren veritable Wahrheiten?
Zitat von sysopLiebe in Vertretung: Matt Prager verführt Frauen und*bekommt dafür eine Menge*Geld.*Im*Auftrag von gestressten Managern*ist der New Yorker*auf Online-Portalen unterwegs und bezirzt dort Damen, bis*die*ein*Date gewähren. Zur Sache kommen müssen*seine Kunden allerdings alleine. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/0,1518,775563,00.html
Online-Liebesdiener ohne Verifikation? Kann der - offiziell nicht existente - Liebesanbahnungsvertreter - die Rolle derart übernehmen, dass er aus dem Herzen des Auftraggebers spricht? Oder übernimmt er dessen mögliche Emotionen adaptiv?
kerstin_ny 21.07.2011
2. ein Jahr spaeter...
Wie unoriginell.... Im Britischen Guardian erschien am 24. April 2010 (!) ein Artikel ueber John Connolly unter them Titel "Online dating: Cyber Cyrano for hire"... Liest sich ganz nach "Inspiration" Ihrer Autorin?
gankuhr 21.07.2011
3. klick
Zitat von puttinsOnline-Liebesdiener ohne Verifikation? Kann der - offiziell nicht existente - Liebesanbahnungsvertreter - die Rolle derart übernehmen, dass er aus dem Herzen des Auftraggebers spricht? Oder übernimmt er dessen mögliche Emotionen adaptiv?
Geniale Idee von ihm. Nicht, dass ich das aus Sicht von Frau oder Mann gut finden würde. Als Anbaggerer käme ich mir doof for, meiner Frau irgendwann einzugestehen dass sie nicht mir, sondern meinem "Agenten" aufgefalen ist. Und als Angebaggerter fände ich eben genau das blöd zu hören. Aber es gibt sicherlich viele, die das anders sehen. Und die gehören einer Sozialgruppe an, die einem auch mal 200€ pro Stunde dafür zahlen. Also warum nicht den Markt bedienen und Geld pflücken?
namachschon, 21.07.2011
4. Genialer Job
Zitat von gankuhrGeniale Idee von ihm. Nicht, dass ich das aus Sicht von Frau oder Mann gut finden würde. Als Anbaggerer käme ich mir doof for, meiner Frau irgendwann einzugestehen dass sie nicht mir, sondern meinem "Agenten" aufgefalen ist. Und als Angebaggerter fände ich eben genau das blöd zu hören. Aber es gibt sicherlich viele, die das anders sehen. Und die gehören einer Sozialgruppe an, die einem auch mal 200€ pro Stunde dafür zahlen. Also warum nicht den Markt bedienen und Geld pflücken?
Naja, wär ja auch blöd, das zu beichten. Manche Sachen vergißt man lieber. Aber schon immer gab/gibt es Freunde/Kumpels, die bei einer Eheanbahnung unter die Arme griffen. Klar hat das die "Gegenseite" mitbekommen, aber oft waren/sind die ja auch nicht allein. Oder glaubt jemand, daß die Frauen ihre eMails von der Kuppelfront daheim allein lesen??? Da werden eine Menge Freundinnen mitfabulieren, also gleicht sich das irgendwiwe wieder aus. Grüße...
loncaros 21.07.2011
5. t
jeder der sich einmal mit dem BS des Onlinedatings rumgeschlagen hat kann dies hier völlig nachvollziehen. In der Disko kriegt man wenigstens noch einen Korb, online folgt einfach nur schweigen.
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