Junge Politikerin im Wahlkampf Mit der Bierkiste zum Bahnhof

Ria Schröder, 25, kämpft als Direktkandidatin der FDP um den Einzug in den Bundestag. Aber eine realistische Chance hat die Studentin nicht. Warum also macht sie das?

SPIEGEL ONLINE

Von Maximilian König


Wahlkampf ist, wenn du dich auf einen Bierkasten vor einem Bahnhof stellst und kaum einer hört dir zu. So geht es Ria Schröder, 25, an einem Spätsommertag vor dem Hamburger Dammtorbahnhof. Sie hat ihr Podest direkt vor einem der Ausgänge platziert. Die Leute strömen an ihr vorbei, selten bleibt jemand stehen.

Ihr Gesicht dürfte manchen Passanten bekannt vorkommen. Mehr als 200 Plakate von ihr hängen in der Stadt, sie wirbt darauf für sich als Direktkandidatin der FDP. Aber realistisch ist ihr Einzug in den Bundestag nicht.

Wie in allen Hamburger Wahlkreisen machen die Kandidaten der SPD und der CDU auch in Eimsbüttel den Platz in Berlin unter sich aus. Als Chance begreift Schröder ihre Kandidatur trotzdem. Erst seit drei Jahren ist sie FDP-Mitglied, und schon hat sie in einer Kampfkandidatur um das Direktmandat ihren Konkurrenten geschlagen. Gegen "ein altgedientes Mitglied" zu gewinnen, das sei "ein cooles Gefühl" gewesen, sagt sie.

In der Partei hat sie sich rasch hochgearbeitet, bei den Wählern fängt sie bei null an. Aber Schröder hat nichts zu verlieren. Keinen Wahlkreis, kein Mandat. Sie kann das Reden in der Öffentlichkeit auf Getränkekisten üben, ohne dass ihr jemand zuhört. Sie kann die Kandidatur nutzen, um sich auszuprobieren.

Die "Bild"-Zeitung hat ein Foto von ihr gedruckt, dazu zwei kurze Zitate, die aus einem FDP-Lehrbuch stammen könnten: "Der Mensch steht bei den Liberalen im Mittelpunkt. Er muss wieder mehr Selbstbestimmung übertragen bekommen, und der Staat muss sich zurückziehen." Und: "Wenn ich etwas verändern will, muss ich mich einbringen. Und es gibt keine spannendere Partei als meine."

Vorbild Katja Suding

Sie hat den Artikel in ihrem Twitter-Profil lange Zeit ganz oben angeheftet. Etwas mehr als 800 Menschen folgen ihr dort, der Abgeordnete aus ihrem Wahlkreis hat mehr als 5000 Follower. Der Weg zum Berufspolitiker ist noch weit.

Aber Schröder weiß, an wen sie sich halten muss. Mit Hamburgs FDP-Landeschefin Katja Suding versteht sie sich gut. Auch Suding hat ihre Karriere 2009 mit einer "von vornherein chancenlosen Bundestagskandidatur", wie sie selbst sagt, gestartet.

Die beiden haben während des Bürgerschaftswahlkampfs 2015 zusammengearbeitet, schreiben sich immer noch SMS. Suding sei ihr Vorbild, sagt Schröder. Sie hole sich bei ihr zum Beispiel Rat, was sie an ihrem Auftreten verbessern könne.

Schröder erzählt, manchmal kämen junge Männer an ihren Stand, um mit ihr zu flirten. "Ich finde das gar nicht schlimm, wenn Leute sagen, das ist eine gutaussehende junge Frau, ich schaue mir mal an, was die zu sagen hat. Das kann ruhig der Schlüssel sein", sagt sie.

Viele Passanten würden sie allerdings auch für eine Helferin oder Praktikantin halten. "Wenn da eine junge Frau in Turnschuhen steht, passt das für viele erst mal nicht in ihr Bild von Bundestagskandidaten: tendenziell männlich, um die 50. Es dauert manchmal, bis ich ernst genommen werde. Ich muss immer ein bisschen mehr liefern, ein bisschen bessere Antworten geben", sagt sie.

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Ria Schröder: Mit der Bierkiste zum Bahnhof

Ihre Zielstrebigkeit spiegelt sich auch in ihrer Biografie wider. Sie ist in einer Kleinstadt im Hunsrück aufgewachsen, nach der Mittelstufe wechselte sie auf ein privates Internat, auf eigenen Wunsch, wie sie sagt, "weil ich mit der Qualität an meinem Gymnasium nicht zufrieden war". Nach dem Abitur begann sie ein Jura-Studium in Hamburg, an einer Privatuni. Die Studienkosten von etwa 50.000 Euro deckte ein Stipendium.

Von Jura zu Kunstgeschichte

Jura-Studium, Privat-Uni, FDP - das Klischee ist erfüllt, und Schröder bekommt die entsprechenden Vorurteile oft genug ab. "Ich bekomme zu hören, das sei eine Partei für die Besserverdiener, für die Bessergestellten. Selbst meine Eltern fanden es seltsam, als ich eingetreten bin."

Sie erzählt den Leuten dann, dass sie während ihres Studiums Bafög bezogen hat, ihre Eltern nicht studiert haben und dass sie und ihr Freund ganz normale Studenten seien, die sich eine Zweizimmerwohnung teilen. Als "posh", also irgendwie vornehm, möchte sie nicht rüberkommen, Studenten-Bars mag sie lieber als Szene-Cafés. Und trotzdem: "Es gibt Leute, für die das Gespräch beendet ist, wenn sie hören, dass ich in der FDP bin."

Es wirkt glaubwürdig, wenn Schröder ihr politisches Engagement als "Ehrenamt" bezeichnet, man nimmt ihr ab, dass sie sich für junge Menschen, die Sichtbarkeit von Frauen und die Ausstattung von Schulen mit Smartphones und Tablets einsetzen will. Aber sie macht das natürlich auch für sich, für ihr Fortkommen.

Das erste Staatsexamen in Jura hat sie mit einer Punktzahl "im mittleren Bereich" abgeschlossen, darüber reden mag sie nicht, aber eines ist klar: Eine Karriere im Staatsdienst oder in einer Großkanzlei wird mit diesem Ergebnis wohl schwer möglich sein. An der Hamburger Uni hat sie sich jetzt für Kunstgeschichte eingeschrieben, das Fach habe sie schon nach dem Abi interessiert, sagt sie. Sie könne sich vorstellen, später mal als "Rechtsanwältin im Kunstbereich" zu arbeiten.

Zeit für das Zweitstudium hat sie jetzt allerdings kaum. Drei Tage pro Woche jobbt sie in einer Anwaltskanzlei, vier Tage pro Woche macht sie Wahlkampf. An einem Donnerstagabend klebt sie im Nieselregen Plakate, von Freitag bis Sonntag hilft sie in der Wahlkampfzentrale der FDP-Jugendorganisation, am Montag sagt sie ihren Nebenjob ab, um Wählerfragen per Mail zu beantworten. Ihr roter Terminkalender ist vollgeschrieben.

Schröders Ziel ist es, in ihrem Wahlkreis im Bundesdurchschnitt der FDP zu liegen. In Umfragen steht die Partei solide über acht Prozent. Und wenn die Freidemokraten den Wiedereinzug in den Bundestag schaffen sollten, könnten auch ihr bald neue Möglichkeiten offenstehen.



insgesamt 24 Beiträge
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Seite 1
holger_s. 16.09.2017
1.
so fremd und in vielen Teilen auch unsympatisch mir persönlich die FDP in ihren Positionen auch ist - Frau Schröder hat meinen vollen Respekt dafür, dass sie an demokratischen Gestaltungsspielräumen partizipiert. find ich uneingeschränkt gut.
jemde 17.09.2017
2. Die FDP ist systematisch verunglimpft worden
Ihnen ist diese Partei nur deshalb unsympathisch, weil sie aus welchen Gründen auch immer Opfer einer Schmäh- und Diskriminierungskampagne ist. OK - zum Teil hatten sie auch selbst Schuld :-). Ich wohne in Bayern und möchte auf jeden Fall nicht Herrn Seehofer wählen. Da bleibt mir liberaler Demokratiefreund ja ehrlich gesagt nur die FDP übrig. Und deshalb werde ich sie auch wählen. Ich bin gespannt, wie viele andere Mitbürger zu derselben Entscheidung gelangt sein werden.
lupo62 17.09.2017
3. Kleider machen Eindruck
Kneifende Hose und schulterloses Top - Bei der jüngeren Generation mag das ankommen. Für mich als älteres Semester ist sie einfach zu leger angezogen für einen Auftritt als Bundestagskandidatin
dieter.mulzer 17.09.2017
4. Noch eine Jung-Karrieristin ?
Ohne Überzeugung aber mit unbedingtem Drang zum Futtertrog der Politik ? Ja, passt zu FDP.
Stäffelesrutscher 17.09.2017
5.
»"Der Mensch steht bei den Liberalen im Mittelpunkt. Er muss wieder mehr Selbstbestimmung übertragen bekommen, und der Staat muss sich zurückziehen."« »Sie erzählt den Leuten dann, dass sie während ihres Studiums Bafög bezogen hat,« Gegen den Staat wettern, aber sein Geld nehmen. Typisch FDPCDUCSU
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