Fotoserie über Wandergesellen "Die größte Herausforderung? Das viele Bier!"

Heute hier, morgen fort: Hunderte junge Handwerker folgen der Tradition der Walz. Unterwegs dürfen sie kein Geld für Unterkunft oder Transport ausgeben. Fotos aus einer Welt voller uralter Regeln.

Tomas Munita

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Sie tragen weite Schlaghosen, kragenlose Hemden, große Hüte und reisen durch die ganze Welt: Wandergesellen, junge Männer und seltener Frauen, die ihre Ausbildung in einem Handwerk abgeschlossen haben und nun Berufserfahrung sammeln. Die Farbe ihrer Kleidung zeigt an, welcher Branche sie angehören: Schreiner und Dachdecker tragen Schwarz, Schneider Braun, Gärtner Grün.

Schätzungen zufolge sind derzeit rund 800 Wandergesellen aus Deutschland unterwegs. Sie alle haben einen Gesellenbrief in der Tasche, sind unverheiratet, schuldenfrei und jünger als 30 Jahre alt - das sind die Voraussetzungen, um auf die Walz zu gehen.

Der chilenische Fotograf Tomas Munita war fasziniert, als er einige deutsche Wandergesellen in seiner Nachbarschaft in Santiago de Chile kennenlernte und wollte mehr über die Tradition erfahren, die bis ins Mittelalter zurückreicht. Insgesamt drei Wochen verbrachte er in Deutschland und reiste mit verschiedenen Gruppen umherziehender Handwerker mit.

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Fotostrecke: Handy und Laptop sind tabu

Am meisten beeindruckte ihn, wie sehr die Wandergesellen heute noch die alten Regeln respektieren, die nirgendwo niedergeschrieben sind. Sie werden nur mündlich weitergegeben.

Zu den Grundsätzen gehört: Mindestens zwei Jahre und einen Tag dürfen die Wandergesellen nicht mehr nach Hause - 50 Kilometer um den früheren Wohnort herum reicht die sogenannte Bannmeile. Ausnahmen gibt es nur in Sonderfällen, etwa für eine Beerdigung.

Unterwegs dürfen die Gesellen für Essen und Unterkunft nicht mit Bargeld bezahlen, sondern nur mit ihrer Arbeitskraft. Auch für Transport sollen sie kein Geld ausgeben - trampen ist aber erlaubt. In den Wanderjahren sind die jungen Handwerker daher oft auf die Hilfe wildfremder Menschen angewiesen.

Elf goldene Regeln auf der Walz

Wie soll der Geselle Frauen behandeln? Mit wem sich lieber nicht in der Öffentlichkeit zeigen? Und was ist ein sittliches Schlafgewand? Der Katholische Gesellenverein hielt 1885 im "Wanderbüchlein" fest, was gute Manieren sind. Hier ein Auszug: Elf von vielen Handwerker-Regeln für die Walz.

Manieren

Den wohlerzogenen Menschen erkennt man an seinen Manieren, und ihn schätzt Jedermann. Jede Art und Rohheit ist auch am Handwerksgesellen widerwärtig und verhasst.

Manieren II

Beim Kommen und Scheiden sollst du den Vorstand und deine Brüder grüßen mit dem Segenswunsche: "Gott segne das ehrsame Handwerk!" Es geziemt sich nicht, daß du mit dem Vorstande eines Vereins oder überhaupt mit einem Höheren als du bist, sitzend und den Hut auf dem Kopfe, sprichst, außer derselbe erlaubt es dir.

Vorsicht

Sei zurückhaltend und vorsichtig im Umgange mit Menschen, die du nicht kennst. Wer dir allzu freundlich naht, vor dem sei doppelt auf der Hut. Die Schmeichelei hat in der Regel den Schurken im eigenen Herzen.

Frauen

Halte dein Herz frei, dann kann es auch immer wohlgemuth und fröhlich sein. Den wirklich wohlgesitteten Menschen erkennt man auch an der züchtigen Ehrbarkeit, die er gegen das weibliche Geschlecht beachtet.

Mit wem du dich umgibst

Geselle dich auf der Wanderschaft nicht zu Jedermann, am allerwenigsten zu jenen Landstreichern und Stromern, die aus Wandern und Betteln ein Geschäft machen. Wenn ein ordentlicher Mensch sich zu einem unordentlichen gesellt, wird er viel eher zu einem unordentlichen gezählt, als der unordentliche zu einem ordentlichen.

Äußeres

Auf der Reise sei nach Möglichkeit in der Kleidung anständig und sauber. Von äußerlichem Schmutz und äußerlichen Lumpen schließt man auch schmutziges und verwahrlostes Inneres.

Mäßigung

Sei auf der Reise mäßig in Speis und Trank, damit du gesund bleibest und fröhlich weiter kommen kannst. Lasse dich unter keiner Bedingung auf Gelage oder Spiele ein.

Religion

Da Gott dein Geleiter auf der Reise sein muß, so unterlasse nie dein ordentliches Morgen- und Abendgebet. Kommst du an einer Kirche vorüber, so denke an Gott, und steht sie offen, so tritt hinein und grüße ehrerbietig Gott und seine Heiligen. (...) Zeige überall deine Ehrfurcht und deinen Respekt gegen die Religion. Das fordert die ganze Welt von jedem gesitteten Menschen.

Respekt vor anderen Religionen

Verspotte und verachte keinen Menschen, der einen anderen Glauben hat als du. Hüte dich vor Disput und Zänkerei über Glaubenssachen. (...) Gehe den Religionsspöttern und Glaubenszweiflern, wo du nur kannst, aus dem Wege. Du kannst in ihrer Gesellschaft nur verlieren, nie gewinnen.

Hilfsanspruch/Betteln

Bist du wirklich in Noth geraten auf der Reise, sei es durch Krankheit oder lange Arbeitslosigkeit, dann wende dich offenherzig an anständige Bürgersleute oder an den Pfarrer des Ortes und zeige diesen dein Wanderbüchlein, damit sie sehen, wessen Geistes Kind du bist. Wenn du's verdient, wird dir geholfen werden. Wer ohne die dringendste Noth Andere um Gaben anspricht, unterliegt angemessener Vereinsstrafe und verliert nach Befund der Sache das Vereinsrecht.

Herberge

Findest du an einem Orte, wo du einkehrst, ein Vereinshospitium oder eine Vereinsherberge, so wende deine Schritte allsogleich dorthin, und melde dich unter Vorzeigung deines ordentlichen polizeilichen Wanderbuches oder Passes und dieses Vereinsbüchleins.

"Verhalten im Schlafzimmer:
- Im Schlafzimmer ist das Stillschweigen strengstens zu beobachten, und kann ein Ruhestörer zu jeder Stunde aus dem Hause gewiesen werden.
- Für Reinlichkeit der Schlafstellen ist gesorgt; der Unsitte Einzelner, sich ohne Hemd in's Bett zu legen, ist energisch entgegenzutreten.
- Das Rauchen im Schlafzimmer ist strengstens untersagt.
- Eine etwa vorgefallene Unordnung im Schlafzimmer haben die Mitwissenden dem Hausmeister anzuzeigen.
Zeit zum Schlafengehen ist um 9 Uhr und 10 Uhr. Wer nach dieser Stunde kommt, verliert die Herberge."

"Die Gesellen gehen ins Ungewisse", sagt Munita. Er selbst reise zwar auch gerne leicht und einfach: "Aber sie müssen komplett auf sich selbst und andere Menschen vertrauen." Dies bringe einerseits eine große Freiheit mit sich, könne aber auch sehr beschwerlich sein.

Die größte Herausforderung bei dem Projekt war für Munita allerdings "die endlose Menge an Bier", die er mit den Männer trinken musste. Tritt ein neuer Wandergeselle seine Walz an, wird dieses Ereignis mit einem großen Fest gefeiert. Der Fotograf war gleich bei mehreren dabei.

Besitzen darf der Wandergeselle nur, was er am Körper trägt. Das Gepäck ist daher überschaubar: etwas Kleidung, das Gesellenbuch, Werkzeug, eine Landkarte und persönlicher Kleinkram - mehr haben die meisten nicht dabei. Handy und Laptop sind tabu.

Warum nehmen sie das auf sich? Darauf gaben die Wandergesellen Munita verschiedene Antworten. Spaß und Abenteuer nannten viele als Motivation, andere sagten, es gehe ihnen um das Sammeln von Erfahrungen oder Freundschaften, die unterwegs entstehen.

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insgesamt 17 Beiträge
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Seite 1
Newspeak 12.05.2018
1. ...
Die Idee, die eigene Komfortzone zu verlassen, um für eine gewisse Zeit anderswo neue Erfahrungen zu machen, ist gut, und man kann das nur jedem jungen Menschen empfehlen. Das dazugehörige Regelwerk sollte man aber mal überarbeiten. Das widerspricht nämlich der Idee von Freiheit ebenso, wie der von Eigenständigkeit. Jemand der frei und eigenständig ist, braucht keine weltlichen und kirchlichen Autoritäten.
hegoat 12.05.2018
2.
Schöne Verhaltensregeln, die früher wahrscheinlich genausowenig eingehalten wurden, wie heutige Verhaltensregeln. "Lass Dich auf kein Gelage ein" und das viele Bier, von dem der Fotograf spricht, schließen sich ja schonmal aus.
flixlux 12.05.2018
3. Schade
dass es so wenige junge Handwerker gibt die sich auf die Walz begeben. Die Zeit auf der Walz lässt aus den jungen Gesellen(innen) sozial kompetente, tolerante, selbstbewusste und ordentliche Erwachsene werden. Das schafft selbst die Wehrpflicht nicht. Noch ein Wort zu den Regeln. Was ist daran nicht zeitgemäß von den Gesellen zu fordern, dass sie andere Religionen achten sollen, dass sie sich nicht wie die sprichwörtlichen Vandalen aufführen sollen, dass sie Frauen nicht als Freiwild zu sehen haben und last but not least, sich ordentlich kleiden. Das ist heute hochaktuell, nur leider scheint die Gesellschaft das Gegenteil davon als normal zu erachten, da wäre eine Rückbesinnung zu diesen "alten" Werten wohltuend. Noch eine Anmerkung zur Walz- Wenn sich die deutschen Jugendlichen zu fein für einen handwerklichen Beruf fühlen und daher eher junge Menschen mit Migrationshintergrund diese Berufe lernen, ist bei ihnen leider das Verständnis zur Walz nicht so gegeben. Schade
vernunft.vor.ideologie 12.05.2018
4. Erhaltenswerte Tradition
Die Walz ist ein Brauch, der aus der Zeit gefallen zu sein scheint. Nichtsdestotrotz ist es schön zu sehen, dass es immer noch junge Menschen gibt, welche diese Erfahrung machen wollen. Bevor es 'auf die Walz' geht, ist die Schule, die Berufsausbildung und damit auch die Zeit der unbeschwerten Kindheit beendet. Es kommt die Zeit, auf eigenen Füßen zu stehen und eigenverantwortlich für den Lebensunterhalt zu sorgen. Sinnvoll und konsequent durchgeführt kann die Walz so zu einer Erfahrung werden, welche dem Puzzle der Persönlichkeitsbildung ein wichtiges Teil hinzufügt. Und man lernt etwas fürs Leben, wie es wirklich abläuft, oder ablaufen kann. Was die Regeln anbelangt, so mögen diese etwas altbacken formuliert sein. Einige davon evtl. auch überholt. Trotzdem sind einige der darin beschriebenen Verhaltensregeln zeitlos gültig. Oder was spricht gegen das was dort z.B. unter Manieren, Vorsicht, Frauen, Mäßigung oder Respekt vor anderen Religionen - um nur einige zu nennen - aufgeführt ist? Wenn man sich die Inhalte dieser Regeln zu eigen macht, erübrigt sich so manche Debatte (z.B. meetoo). Natürlich werden ideologisch vorbelastete 'Kritiker' diese Tradition und die damit verbundenen Regeln als konservativ, ewiggestrig, rückwärtsgewandt oder reaktionär beurteilen, aber davon sollte man/frau sich nicht abschrecken lassen, wenn man sich mit dem Gedanken trägt, auf die Walz zu gehen.
hooge789 12.05.2018
5. Auf der Walz
Wird man auf der Walz wirklich zum besseren Handwerker als wenn man in einem Betrieb arbeitet? Sind die Wandergesellen die crème de la crème in ihren Berufen? Motiviert müssen sie ja wohl sein.
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