Technik als Karriere-Turbo Warum Ingenieure als Firmenlenker so begehrt sind

Der Vorstand als Spielfeld von Betriebswirten und Juristen? Das ist passé - zunehmend erreichen Ingenieure die Spitzenpositionen der Wirtschaft. Schon jeder dritte Chef eines Dax-Konzerns ist gelernter Techniker. Gesucht: ein Mix aus Ingenieursdenke und Management-Wissen.

Von Nils-Viktor Sorge

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Auf den ersten Blick hat Hans-Jürgen Lamla einen öden Job. Als Chef der Kreisverkehrsgesellschaft Pinneberg wacht er von seinem Dachgeschossbüro aus darüber, dass 32 Busse Tag für Tag wie vorgesehen ihre Runden über die Dörfer westlich von Hamburg drehen.

Einmal im Jahr bestellt Lamla ein paar neue Fahrzeuge, auf die Fahrpreise hat er kaum Einfluss - das macht der Verkehrsverbund. Seine Hauptaufgabe ist es, die Kosten im Griff zu halten und möglichst viele Menschen zum Busfahren zu bewegen.

Ein Betriebswirt würde nun vielleicht ein paar Abläufe optimieren, Arbeit an Subunternehmer auslagern oder eine Marketingkampagne starten - viel mehr könnte er kaum tun. Ingenieur Lamla hingegen hatte vor zwei Jahren eine radikale Idee: In Zukunft sollte zumindest ein Teil der Busflotte nicht mehr mit teurem Diesel, sondern mit Batteriestrom fahren.

Der Haken an der Sache: Solche Elektrobusse gab es damals in Europa nicht zu kaufen. Also beschloss Lamla mit ein paar Verbündeten, die Fahrzeuge aus China zu importieren. "Dafür muss ich den Chinesen genau erklären können, wie ein Bus für den europäischen Markt gebaut ist", sagt Lamla. So hat er mit den Chinesen beispielsweise detailliert über Verbesserungen am Fahrgestell verhandelt. "Das muss am längsten durchhalten." Nur wenn der Bus keine Macken hat, werden sich die Kosten des öffentlichen Verkehrsunternehmens wie geplant drastisch senken lassen.

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Top-Arbeitgeber: Die Lieblinge der Ingenieure
Solche Vorgehensweisen sind es, die Firmeneigner derzeit verstärkt für Ingenieure in Top-Positionen begeistern. Ob in der Autoindustrie, der Luftfahrtbranche, auch in der Chemie und sogar im Tourismussektor, überall schaffen es Ingenieure zunehmend bis ganz nach oben. Jeden dritten Chefposten in Dax-Unternehmen bekleidet inzwischen ein Ingenieur. Meist sind es Betriebswirtschaftler, die dann zurückstecken müssen.

"Im Moment werden Ingenieure stärker für Führungspositionen gesucht", hat Personalberater Stefan Fischhuber von Kienbaum beobachtet. In vielen Unternehmen reiche es längst nicht mehr, sich auf Zahlen und Vertrieb zu fokussieren. "Ohne innovative Produkte, Standorte und einen cleveren Einkauf können die Unternehmen nicht international mithalten. Dieser Aspekt stand vor ein paar Jahren an zweiter Stelle", so Fischhuber.

Die Kraft der Tat, die Nähe zum Produkt - das alles ist gefragt in Zeiten, da technische Neuerungen in immer schnelleren Zyklen den Durchbruch schaffen. Gleichzeitig wächst der Druck, effizienter zu arbeiten.

Volkswagen-Spitze seit 20 Jahren fest in Ingenieurshand

Paradebeispiel für diese Entwicklung ist die Autobranche. Neue Modelle erreichen die Kunden in kürzeren Abständen. Hinzu kommen Trends wie das autonom fahrende Auto und neue Antriebe. "Da geht es um Plattformen, um die Kostenführerschaft - das ist alles Ingenieursdenke", sagt Fischhuber.

So ist Volkswagen seit 20 Jahren fest in der Hand von Maschinenbauern. Damals übernahm Ferdinand von Piëch das Steuer. Unter Vorgänger Carl Hahn, einem Ökonomen, waren die Wolfsburger tief in den roten Zahlen gerutscht. Als Audi-Vorstand hatte Piëch den Quattro-Allradantrieb und den TDI-Motor etabliert, die dem Unternehmen bald Milliardeneinnahmen bescherten. Piëchs Nachfolger Bernd Pischetsrieder und Martin Winterkorn sind ebenfalls Ingenieure.

Das Beispiel hat Schule gemacht. Auch bei Daimler sitzt inzwischen ein Ingenieur (Dieter Zetsche), wo früher noch ein Kaufmann oder Jurist (Edzard Reuter) führte.

Oft wird ein Ingenieur als Retter in der Krise gerufen - wie zuletzt beim Windkraftanlagenbauer Nordex. Auf einmal gab es weniger Aufträge, ein dramatischer Preisverfall setzte auch den Hamburgern zu. Zuerst wurden Stellen gestrichen. Dann besann sich das Unternehmen darauf, neue, effiziente Windräder zu bauen, deren Konstruktion Kosten spart.

"Natürlich ergibt es da Sinn, einen erfahrenen Ingenieur an der Spitze zu haben", sagt einer, der mit den Vorgängen bei Nordex vertraut ist. "Er muss Konzepte bewerten und entwickeln, um das Unternehmen zu einem Technologieführer zu machen und um wieder profitabel zu arbeiten."

Diese Überlegungen trugen schließlich stark dazu bei, Maschinenbauer Jürgen Zeschky im Frühjahr 2013 als Nachfolger des Betriebswirtes Thomas Richterich zu berufen, der seinen Vertrag nicht verlängert hatte. Der Neue hat Nordex nicht geschadet: Das Unternehmen ist in die Gewinnzone zurückgekehrt, der Aktienkurs hat sich seither verdreifacht.

Sprung ins General Management gut vorbereiten

Angesichts des großen Interesses dürften sich Ingenieure künftig wohl häufiger mit dem Gedanken tragen, mehr Verantwortung zu übernehmen. Um groß rauszukommen, sollte man aber auf sich aufmerksam machen. "Wer sich als Ingenieur als reiner Konstrukteur sieht, wird hängenbleiben", sagt Personalexperte Fischhuber.

Stattdessen empfiehlt er Ingenieuren, den Sprung ins "General Management" gut vorzubereiten. Dazu kann die frühzeitige Station bei einer Unternehmensberatung gehören wie auch innerbetriebliche Fortbildung oder ein Zusatzstudium. Nach wie vor wichtig sind Mentoren. Weibliche Ingenieure dürften zunächst vergleichsweise selten zum Sprung ansetzen - weil es immer noch zu wenige von ihnen gibt und männliche Rituale den Aufstieg erschweren.

Für den allgemeinen Vormarsch der Techniker spricht indes, dass Ingenieur- und Wirtschaftswissenschaften auch an den Universitäten über die Jahre näher aneinander gerückt sind. Als einer der ersten Wirtschaftsingenieure hat beispielsweise Lufthansa-Chef Christoph Franz den Sprung an die Spitze eines Dax-Konzerns geschafft.

Der Pinneberger Verkehrsmanager Hans-Jürgen Lamla hat noch den klassischen Weg beschritten. Lange hatte er sich als Eisenbahner mit Schienen, Brücken und Tunneln beschäftigt. "Die BWL habe ich im Laufe der Jahre nachgeholt", sagt er. Beides zusammen zahlt sich jetzt aus.

Der erste Test-Elektrobus aus China hat Lamla noch manche Probleme bereitet. Schritt für Schritt haben er und seine Partner die Schwachstellen reduziert. Nun hat die Verkehrsgesellschaft das nächste, verbesserte Exemplar bekommen. Demnächst soll der Batteriebus den Liniendienst aufnehmen.

  • Nils-Viktor Sorge (Jahrgang 1976) ist Reporter bei manager magazin online.

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insgesamt 76 Beiträge
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Seite 1
Kanzleramt 14.10.2013
1. optional
Hmmmm. Grundsätzlich stimmt das so. Das Blöde ist nur, wenn sich die Firmenlenker-Ingenieure nach 5 Jahren in der Position plötzlich genauso verhalten, wie die Wirtschaftsmagier... und ihnen die Produkte, Kunden und Mitarbeiter genauso unwichtig werden, zugunsten von Quartalszahlen...
marthaimschnee 14.10.2013
2.
Zitat von sysopDPADer Vorstand als Spielfeld von Betriebswirten und Juristen? Das ist passé - zunehmend erreichen Ingenieure die Spitzenpositionen der Wirtschaft. Schon jeder dritte Chef eines Dax-Konzerns ist gelernter Techniker. Gesucht: ein Mix aus Ingenieursdenke und Management-Wissen. http://www.spiegel.de/karriere/berufsleben/warum-ingenieure-fuer-fuehrungspositionen-so-gefragt-sind-a-927378.html
ist, daß der typische, fähige Ingenieur nicht das geringste Interesse an Management hat. Das ist ähnlich wie Wissenschaftler, denen man auf Biegen und Brechen aufzwingen will, ihre Forschungen als Unternehmer eines StartUps verkapitalisieren zu müssen. "Fahr zur Hölle mit dem Scheiß" dürfte da wohl eine häufige Antwort auf solchen Vorschläge sein.
JEngbers 14.10.2013
3. optional
Ich frage mich ehrlichg gesagt eh wie die Marotte entstehen konnte "Fachfremde" Technikunternehmen leiten zu lassen. BWL ist wichtig, keine Frage, aber an der Spitze Technikunternehmen ist es eben genauso wichtig Beurteilungskompetenz im Bezug auf die eigenen Produkte und das Marktumfeld zu besitzen.
CaptainSubtext 14.10.2013
4.
Ist doch auch nur logisch. Manche meinen Sinn und Zweck eines Unternehmens wäre es Gewinne zu erzielen. Das ist falsch. Gewinne sind ein Mittel zum Zweck. Der Zweck besteht darin Autos zu bauen oder Medikamente zu entwickeln oder Flugzeuge fliegen zu lassen oder oder ;-) Da ist doch nur sinnvoll, dass man Leute an die Spitze holt, die das Kerngeschäft verstehen. Mit den "Kollateralaufgaben" wie Kostenoptimierung etc. kann man einen BWLer aus dem dem mittleren Management beschäftigen.
TS_Alien 14.10.2013
5. .
Welcher fähige Ingenieur wechselt ins Management? Viele Manager mit einem technischen Hintergrund haben aus gutem Grund ins Management gewechselt: es hat wesentlich bessere Ingenieure in ihrem Umfeld gegeben. Firmen würden weitaus besser fahren, würden sie ihren fähigen Ingenieuren mehr Gehalt bezahlen und mehr Spielraum geben. Selbst in den Forschungsabteilungen wird mittlerweile das vorhandene Potential nicht annähernd genutzt, weil das Management vorschreibt, was zu erforschen ist und was nicht.
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