Nie wieder Bullet Points Warum es sich lohnt, kreativ nach Mitarbeitern zu suchen

Im Kampf um Fachkräfte werden Unternehmer immer einfallsreicher: Da lässt ein Glaser im Video eine Scheibe fallen und ein Bestatter schreibt in seiner Anzeige über Deos und WhatsApp. Bringt das was?

Es muss nicht immer alles ernst genommen werden
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Es muss nicht immer alles ernst genommen werden

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Bestatter müssen viel aushalten - so auch Jörg Schaldach. Seit mehr als 25 Jahren leitet er das Krematorium in Meißen und es fällt immer schwerer, geeignete Mitarbeiter zu finden. Etwa zwei Drittel sagen nach dem Probearbeiten ab. "Wenn die Bewerber über dem Sarg stehen, dann denken sie über das eigene Leben nach und merken, die Arbeit im Krematorium ist doch nicht so das richtige", sagt er.

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Krematorium Meissen

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Nun hat Schaldach einen neuen Weg eingeschlagen: eine außergewöhnliche Stellenanzeige. Darin heißt es unter anderem "Du findest Dich im Alltag zurecht - kannst Dich mit Grundnahrungsmitteln selbst versorgen, weißt, wozu Dusche, Deo und Waschmaschine notwendig sind (...)." Außerdem: "Du (...) brauchst kein Urlaubssemester, um zu Dir selbst zu finden, schreibst nicht alle drei Minuten eine WhatsApp oder checkst Facebook (...)."

Ungewöhnliche Worte für ein Krematorium. Aber es hätten sich 154 Menschen auf diese Anzeige gemeldet, ein absoluter Erfolg, sagt Schaldach. Mit mehr als 30 führte er ein Vorstellungsgespräch.

Immer mal wieder machen kleine und mittelständische Unternehmen mit ungewöhnlichen Stellenanzeigen oder Aktionen auf sich aufmerksam. Im April ließ sich Glaser Sven Sterz dabei filmen, wie er eine Glasplatte fallen und zersplittern ließ.

Im Februar suchte Jochen Kalz aus Eggenfelden in Bayern nach "Grantlern" und "Taugenichtsen". Seine Firma für Brandschutz und Elektrotechnik beschrieb er selbst als "Möchtegernunternehmen".

Eine Kita kam auf diese Zeilen: "Sie arbeiten gerne bei 300 Dezibel, Ihre Knochen verkraften permanentes Krabbeln, Hocken auf Zwergenstühlen und Stemmen von pummeligen Fünfjährigen" und bei der Aufgabenbeschreibung: "Immer cool bleiben. Selbst wenn sich Emil die Bastelschere von den Igeln in die Wange rammt."

Und ein Pflegedienst versuchte, mit diesen Worten neue Kollegen zu gewinnen: "Freuen Sie sich auf ausgelaugte Kollegen, Überstunden ohne Ende und ein attraktives Gehalt von 850 Euro brutto."

"Ungewöhnliche Stellenanzeigen sind für Unternehmen ein Muss", sagt Armin Trost, Professor für Personalmanagement an der Uni Furtwangen. "99 Prozent aller Stellenanzeigen sind stinklangweilig." Dort würden nur Voraussetzungen und Aufgaben aufgelistet - doch vor allem kleine und mittelständische Unternehmen, die um Fachkräfte konkurrierten, müssten vermitteln, warum ein Job bei ihnen attraktiv sei.

"Viele gut qualifizierte Leute suchen gar nicht aktiv nach einem Job. Sie werden nur auf ein Unternehmen aufmerksam, wenn sie über die Stellenanzeige stolpern", sagt Trost. Das würde meist nur mit einer außergewöhnlichen Anzeige passieren - etwa, wenn ein Video in den Social-Media-Kanälen geteilt werde. Würden Chefs aber im Alleingang handeln, könnte es schnell peinlich werden.

Vor einigen Jahren etwa ließ BMW junge Leute darüber rappen, wie sinnvoll ein Praktikum in dem Unternehmen sei. "Das ist deine Chance neben grauer Theorie", heißt es da, oder: "Mit 'nem Praktikum bei BMW kannst du nur gewinnen."

Es gebe einige peinliche Videos dieser Gattung, sagt Mirko Derpmann von der Werbeagentur Scholz & Friends. Um solche "Fails" zu vermeiden, sollten sich Unternehmen so treu wie möglich bleiben, authentisch wirken und Stellenanzeigen in eine zeitgemäße Form bringen. Dafür müssten sie sich über die Seh- und Rezeptionsgewohnheiten der Berufseinsteiger informieren. "Wenn etwa ein Glaser auftritt, der Fehler macht und sagt, er schaue nicht auf den Schulabschluss - der ist sympathisch, von dem fühlen sich viele angesprochen."

Stellenanzeigen, die viel Aufmerksamkeit bekommen oder zu viralen Hits werden, seien meist branchenuntypisch. "Alles, was ungewöhnlich ist, fällt auf." Das funktioniere auch andersherum und Derpmann erzählt die Geschichte eines Werbetexters, der eine Stelle bei einer Agentur suchte. Der Texter wusste, dass sich viele Agenturchefs selbst googeln - also schaltete er Anzeigen auf die Namen der Chefs: "Es macht sehr viel Spaß den eigenen Namen zu googeln. Mich einzustellen, macht auch Spaß." Die Werbung kostete den Bewerber nur ein paar Dollar - aber am Ende hatte er vier Einladungen zum Bewerbungsgespräch und zwei Jobangebote.

Azubi-Taxis und Mitarbeiterwohnungen

Unternehmern rät Derpmann, ihre Stärken kennenzulernen. Sie müssen wissen, warum die Mitarbeiter gern bei ihnen arbeiten. "Glückliche Mitarbeiter sind die besten Stellenanzeigen. Wenn Leute aus dem eigenen Unternehmen für ihren Arbeitsplatz werben, zu deren Botschaftern werden, dann identifizieren sie sich damit, dann arbeiten sie gern da. Und wer will nicht auch in einem Unternehmen arbeiten, in dem die Mitarbeiter sich wohl fühlen?"

Sibylle Stippler vom Kompetenzzentrum Fachkräftesicherung des Instituts der deutschen Wirtschaft in Köln rät Unternehmen auch dazu, ungewöhnliche Wege bei der Mitarbeitersuche zu gehen. Allerdings müssten sich die Geschäftsführer immer bewusst machen, dass die Stellenanzeigen auch von Kunden gelesen werden. Schwarzer Humor oder zu ausgefallene Anzeigen könne nicht jeder verstehen.

Für kleine und mittelständische Unternehmen gibt es noch andere Möglichkeiten, Mitarbeiter zu finden und zu halten. Geschäftsführer könnten Schulabgänger berücksichtigen, die kein super Zeugnis hätten, Studienabbrecher oder Frauen, die in Teilzeit arbeiten wollen. "Viele wollen die allerbesten Absolventen haben und nicht den, der am besten passt", sagt Stippler.

Der Rettungssanitäter versorgt lieber die Lebenden als die Toten

Hilfreich seien neben flexiblen Arbeitszeiten auch besondere Angebote wie etwa Mitarbeiterwohnungen oder Motorroller für Auszubildende, die noch keinen Autoführerschein haben. Azubi-Taxis könnten sie auch zum Unternehmen hinbringen und wieder abholen. Unternehmer könnten aber auch Mitarbeiter darum bitten, Kandidaten vorzuschlagen. Oft würden so längerfristig Stellen besetzt.

Krematoriumsleiter Jörg Schaldach aus Meißen hat gute Erfahrungen mit seiner Stellenanzeige und den Bewerbern gemacht. "Es ist keine einzige Blinse dabei gewesen." Alle wüssten demnach, wie sie sich selbst versorgen können und würden nicht die ganze Zeit am Smartphone hängen. Zehn Kandidaten arbeiteten bei Schaldach Probe, fünf sagten zwar ab - darunter ein Rettungssanitäter, der sich lieber um die Lebenden als um die Toten kümmern wolle. Aber fünf seien ja noch im Rennen.



insgesamt 8 Beiträge
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Seite 1
c.PAF 25.05.2018
1.
Ganz ehrlich, ich weiß nicht, was an der Anzeige des Krematoriums witzig sein soll. Da wird einfach in verständlicher Sprache dargestellt, was erwartet wird. Ein klare und deutliche Stellenanzeige. Die vielen Bewerbungen kommen dadurch zustande, daß viel mehr Menschen verstanden haben, was eigentlich von ihnen erwartet wird.
unzensierbar 25.05.2018
2.
Völlig abgesehen vom Gespent des Fachkräftemangels, was soll das? Anstatt zu merkwürde Eigenwerbung für die offenen Stellen zu betreiben, sollten die Unternehmer mal lieber die Gehälter ihrer Angestellen erhöhen. Geld macht einen Job viel attraktiver. Ob man es wahr haben will oder nicht, der Großteil der Menschen arbeit, weil sie es müssen und nicht weil der Job so viel Spaß macht.
DownStairs 25.05.2018
3. ja wenn der zukuenftige chef mal auf dem teppich bleibt
man braucht nun wahrlich nicht fuer jeden job (ja auch einige der besseren) ein studium nit ba/ ma abschluss oder gar den dr titel! das klingt zwar irgendwie toll ist aber beim durchhangeln von praktikum zu befristed und zurueck kein gewinn. selber mal physik studiert (angefangen/ abgebrochen), danach eine kfz mechaniker lehre gemacht (war interessant aber auch nicht der bringer), buehnentischler in der umschulung (mal was neues, aber wars auch nicht), tauchlehrer fuer ein paar jahre (das war spass), nachtklubmgr (gut geld, aber ein job mit hohem suchtgefaehrdungspotential), wieder zurueck zum tauchen (diesmal kommerziell - hohes risiko, viel geld), weiterbildung im it bereich (sys admin, network security... reichlich jobs, gutes geld - langweilig), heute selbstaendig als audio/ video hometheater installateur in high end bereich - das ist nicht immer alles toll, aber macht spass und zahlt gut am ende. die deutschen sind zu unbeweglich, weinerlich und wollen den vollabgesicherten job mit beschaeftigungsgarantie bis zur rente - das ist halt nicht mehr. auch das tolle stueck papier mit stempel interessiert wirklich nicht mehr! spass machen muss es, dafuer geht auch weniger geld und trotzdem gut leben ohne arbeitsmangel. ist natuerlich fuers verwoehnte soehnchen bei geburt mit abschluss (masters oder bachelor fuer die dummen) im fachbegebiet kryptographie auf altfranzoesischen grabtafeln der steinzeit der eine professorenstelle sucht eher nicht real.
ansv 26.05.2018
4.
Was mich an der Krematoriumsgeschichte stört: Die Kandidaten sprangen bisher also nach dem Probetag ab. Jetzt hat er also 5 Kandidaten - aus 150. Und ob einer bleibt ist zum Zeitpunkt des Artikels wohl ganz bewusst im Dunkeln geblieben. Eines zeigt das Beispiel jedoch auch: Würden Arbeitgeber kein "Wünsch Dir was vom Ponyhof" in ihre Anzeigen schreiben, sondern was sie wirklich bieten und dafür brauchen, wäre die Bewerbersuche deutlich leichter. Wer eine Person mit Studienabschluss und 2 Fremdsprachen sucht, sollte wenigstens ein bisschen was davon auch brauchen.
andneu 26.05.2018
5. Löhne erhöhen, ....
... Arbeitsstelle attraktiver gestalten, dann klappt's auch mit den Bewerbern. Man möchte Top-Leute aber nur wenig zahlen? Dann muss man diese Leute der Konkurrenz überlassen, die ordentlich zahlen. Ja, liebe Arbeitgeber, das Prinzip von Angebot und Nachfrage funktioniert auch mal andersherum.
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