Arbeitgeber gegen Blaumacher "Ein Bauchgefühl rechtfertigt keine Spionage"

Eine Mitarbeiterin meldet sich lange krank. Die Firma lässt einen Detektiv ausspähen, ob sie nur simuliert - unzulässig, urteilte jetzt das Bundesarbeitsgericht. Arbeitsrechtlerin Monika Birnbaum erklärt, welche Möglichkeiten Chefs bleiben.

Im Bundesarbeitsgericht sind Videos erlaubt, im Arbeitsleben nicht unbedingt
DPA

Im Bundesarbeitsgericht sind Videos erlaubt, im Arbeitsleben nicht unbedingt

Ein Interview von Silvia Dahlkamp


Zur Person
  • FPS
    Monika Birnbaum ist Leiterin des bundesweiten Arbeitsrechtsteams bei der Kanzlei FPS. Die Berliner Fachanwältin berät vorwiegend Arbeitgeber, unter anderem zu den Themen Arbeitsunfähigkeit und vorgetäuschte Erkrankungen.
KarriereSPIEGEL: Erst ein Streit, dann meldet sich die Mitarbeiterin krank - der Chef sah allen Grund zu glauben, dass sich seine Sekretärin eigentlich nur vor der Arbeit drücken wollte. Trotzdem verstößt der Einsatz eines Detektives gegen ihr Persönlichkeitsrecht, hat soeben das Bundesarbeitsgericht geurteilt. Eine gerechte Entscheidung?

Birnbaum: Ein Bauchgefühl darf keine Rechtfertigung für Spionage sein. Jeder weiß, dass Streit krank machen kann. Der Chef hätte sich lieber mal die Krankmeldungen anschauen sollen.

KarriereSPIEGEL: Was hätte das genützt? Auf dem gelben Schein, der Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung, stehen nur Ziffern. Welche Krankheit jemand hat, steht da nicht.

Birnbaum: Aber wer die Krankmeldungen ausgestellt hat. In diesem Fall war es zunächst der Haus-, dann ein Nervenarzt und schließlich ein Orthopäde.

KarriereSPIEGEL: Und was sagt das jetzt aus?

Birnbaum: Dass verschiedene Ärzte nach einer Krankheit gesucht haben. Viel verdächtiger wäre es doch gewesen, wenn die Kranke von einem Allgemeinmediziner zum nächsten gewechselt wäre und nie einen Facharzt aufsucht hätte.

KarriereSPIEGEL: Hätte dann ein konkreter Verdacht vorgelegen, so wie ihn die Richter jetzt verlangt haben?

Birnbaum: Unter Umständen. Jeder Chef sollte die Verdachtsmomente ganz genau überprüfen, zum Beispiel die Fehltage seiner Montags- und Freitagskranken ganz genau notieren. Es gibt in jeder Firma ein paar Kandidaten, die regelmäßig ihre Wochenenden verlängern oder mal ein paar Tage an den Urlaub dranhängen. Die könnte ein Detektiv wahrscheinlich auf frischer Tat erwischen. Andererseits muss ein Arbeitnehmer, der seit Wochen krank ist und plötzlich einen Marathon läuft, noch lange kein Simulant sein.

KarriereSpiegel: Der macht blau - ist das nicht sonnenklar?

Birnbaum: Nicht unbedingt. Vielleicht hat ihm ja ein Psychiater den Lauf verordnet, damit er mal abschalten kann. Anders sieht es wieder aus, wenn ein Orthopäde die Krankmeldung unterschrieben hat, etwa wegen eines Rückenleidens.

KarriereSPIEGEL: Dann darf man ihn mit einem Schnüffler überführen?

Birnbaum: Den Weg würde ich nicht unbedingt empfehlen. Einen Büroangestellten kann man nämlich nicht so leicht ertappen. Kein Detektiv kann Fieber filmen oder einem psychisch Kranken in den Kopf gucken. Selbstverständlich darf auch eine erkältete Mutter ihr Baby im Park spazieren schieben. Außerdem ist ein Detektiv nicht günstig. Da kommen schnell 500 Euro am Tag zusammen.

KarriereSPIEGEL: Also haben Arbeitgeber gegen Drückeberger, die es geschickt anstellen, keine Mittel?

Birnbaum: Doch, die gibt es. Vor kurzem habe ich einen Arbeitgeber beraten, der mit einer jungen Mutter Ärger hatte. Sie kam gerade aus der Elternzeit und wollte sofort auf Teilzeit gehen. Als das nicht klappte, meldete sie sich krank. Mein Klient hat beim Medizinischen Dienst der Krankenkasse angerufen. Die haben die Frau vier Tage später vorgeladen. Sie ist nicht gekommen.

KarriereSpiegel: Vielleicht war sie doch krank? Laut Statistik sind vier von fünf Krankgemeldeten tatsächlich arbeitsunfähig.

Birnbaum: Die junge Mutter gehörte aber offensichtlich zu den 16 Prozent, die sich durchmogeln wollen. Als das klar war, hat der Arbeitgeber ihr Gehalt gesperrt und gewartet, dass sie ihn verklagt. Vor Gericht ist eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung kein Vollbeweis. Spätestens, wenn der Arzt vorgeladen wird, kommt die Wahrheit ans Licht.

KarriereSpiegel: Das sind harte Methoden.

Birnbaum: Es ist ja auch kein Kavaliersdelikt, sondern ein klarer Betrug. Wenn der Verdacht sehr konkret ist, dass der Arbeitnehmer nur blau macht und nicht krank ist, sollte der Arbeitgeber den Arbeitnehmer damit konfrontieren und ihm klar machen, dass eine fristlose Kündigung wegen Entgelterschleichung droht. Wenn der Mitarbeiter sich dann nicht entlastet, kann und sollte der Arbeitgeber ihm kündigen.

  • Das Interview führte KarriereSPIEGEL-Autorin Silvia Dahlkamp (Jahrgang 1967). Sie arbeitet in einer Hamburger Redaktion und daneben als freie Journalistin.

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felisconcolor 20.02.2015
1. es ist doch
immer so. Wie es in den Wald gerufen wird, so schallt es heraus. Der AG biete eine Arbeit an, der AN seine Leistung verkaufen. Solange Arbeiten immer noch als Privileg verkauft wird, wird sich an den Umständen nichts ändern. Schlägst du mir auf die rechte Wange so werde ich nicht so blöd sein auch noch die Linke darzubieten.
Sibylle1969 20.02.2015
2. Blaumachen geht gar nicht... Kein Kavaliersdelikt!
Wer Blaumachen, d.h. sich krank melden, ohne krank zu sein, für ein Kavaliersdelikt hält, sollte bedenken, dass man zum einen den Arbeitgeber schädigt, desweiteren dem Arbeitgeber u.U. einen Grund für eine fristlose Kündigung liefert und zudem auch noch seine Kollegen hängen lässt, die die Arbeit mitmachen müssen. Wer sich montags oder freitags für nur einen Tag krankmeldet oder an Brückentagen oder direkt vor oder nach dem Urlaub oder wenn ein beantragter Urlaub nicht genehmigt wurde, macht sich sofort verdächtig. Auch ist es nicht in Ordnung, wenn man gekündigt hat, sich für den Ablauf der Kündigungsfrist krankzumelden, wenn man tatsächlich nicht krank ist.
MFKBoulder 20.02.2015
3. Ziffern auf der Krankmeldung?
Welche Ziffern sollte der Arbetigeber auf der Kanrkmeldung sehen? Außer dem Datum doch wohl keine? Sie meinen doch nicht etwa den "unlesbaren" IDC-10 Schlüssel? Google würde helfen, nur der AG erhält nur den Teil auf dem die Verschlüsseluing nicht steht. Hausaufaben nicht gemacht....
Löschknecht 20.02.2015
4. Naja
Der Arbeitgeber ist somit einer Möglichkeit beraubt worden, sein Bauchgefühl überprüfen zu lassen und im Falle, dass der Arbeitnehmer tatsächlich krank ist, das ganze ohne sichtbar ausgegrabenes Kriegsbeil wieder zu vergessen. Wenn erst mal Medizinischer Dienst, Arbeitsgericht oder ähnliches im Raum stehen, wird das Arbeitsverhältnis definitiv für alle Beteiligten nicht mehr angenehm werden...
musterfalke 20.02.2015
5. falsche Auskunft
1. MDK heisst nicht Medizischer Dienst der Krankenkassen sonder Medizischer Dienst der Krankenversicherung 2. warum heisst er so? Weil er Krankenkassen berät und nicht AG. Wenn ein Arbeitgeber einen berechtigten Zweifel an der Au hat kann er bei der Krankenkasse eine Prüfung verlangen. Schreibt er direkt dem Mdk lachen die ihn höchstens aus und schicken die Unterlagen wieder zurück. Die Krankenkasse selbst kann eine Begutachtung gem. Paragraph 275 Sgb V i Auftrag geben. Der Ag bekommt aber nur die Auskunft, ob AU berechtigt ist oder nicht. Mehr Infos gibt es bicht. 3. Jeder noch so halbwegs intelligente Beschäftigte wird doch irgendwelche Gründe vorbringen, weshalb aus gesundheitlichen Gründen AU besteht. 16 % sind absolut unrealistisch.
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