Web-Knigge für Angestellte "Niemanden in Netzwerken bloßstellen"

Manchmal ist man im Internet nur Privatmensch. Und manchmal Firmen-Mitarbeiter. Vermischen sich die Rollen, kann es zu Konflikten kommen. Im Interview erklärt Rechtsanwalt Tobias Gostomzyk, welche Grundregeln Arbeitnehmer und Arbeitgeber in sozialen Netzwerken beachten sollten.

DPA


KarriereSPIEGEL: Was haben Mitarbeiter wie bei Daimler oder der "Frankfurter Rundschau" arbeitsrechtlich zu befürchten, wenn sie Kollegen oder Chefs im Social Web beleidigen?

Gostomzyk: Jedermann steht es zu, sich gegen schwere Beleidigungen zu wehren - gleich ob Arbeitgeber oder ob Arbeitnehmer. Der M. Dumont Schauberg Verlag, zu dem auch die "Frankfurter Rundschau" gehört, prüft laut Medienberichten rechtliche Schritte, die dann von einer Abmahnung bis zur Kündigung reichen können. Das hängt in solchen Fällen von der Schwere der Beleidigung und der arbeitsrechtlichen Vorgeschichte der Mitarbeiter ab. Daimler hat moderat reagiert und die Angestellten lediglich ermahnt, sich bei Äußerungen im Web 2.0 an interne "Social Media Guidelines" zu halten. Zu diesen Verhaltensrichtlinien gehört, niemanden in Blogs oder Netzwerk-Gruppen bloßzustellen. Das halte ich für ein gutes, umsichtiges Verhalten des Konzerns.

KarriereSPIEGEL: Was müssen Angestellte unbedingt beachten, wenn Sie in sozialen Netzwerken, Blogs und Foren unterwegs sind?

Gostomzyk: Jeder Mitarbeiter eines Unternehmens kann im Internet kommunizieren und rückt damit zugleich seinen Arbeitgeber in ein bestimmtes Licht. Also sollte er Meinungen von Fakten unterscheiden, keine Unwahrheiten verbreiten, keine vertraulichen Unterlagen wie interne Stellungnahmen oder Gutachten im Social Web veröffentlichen. Problematisch wird es zum Beispiel, wenn ein Mitarbeiter eines Lebensmittelproduzenten sein Wissen über Hygienemängel im Betrieb öffentlich macht. Auch wäre es nicht klug, trotz des Rechtes auf freie Rede, sich als Mitarbeiter einer christlichen Kirche online als Atheist zu outen. Beides führt automatisch zu Konflikten. Darum sollten Arbeitnehmer stets im Hinterkopf behalten, ob sie gerade als Privatmensch oder Firmenangehöriger im Social Web kommunizieren. Wenn sie sich jedoch kritisch mit der Unternehmenspraxis auseinandersetzen und dabei sachbezogen bleiben, ist dagegen erst mal nichts einzuwenden.

KarriereSPIEGEL: Können "Social Media Guidelines", eine Art Web-Knigge, wirklich Klarheit schaffen und Konflikte verhindern?

Gostomzyk: Solche Leitlinien geben Empfehlungen, wie sich Mitarbeiter in sozialen Netzwerken bewegen sollten - etwa durch respektvollen Umgang mit anderen Forumsmitgliedern, durch sachlichen Umgang mit Kritik, durch Beachtung der Urheberrechte bei der Veröffentlichung von Texten oder Fotos. Teil einer solchen Vereinbarung kann überdies sein, seine Identität als Mitarbeiter in einem Blog preiszugeben und den Lesern zu verdeutlichen, dass man kommerzielle Absichten verfolgt. Im Kern geht es darum, Haftungsrisiken zu minimieren, die Vergeudung von Arbeitszeit zu vermeiden und die Reputation von Unternehmen zu schützen.

KarriereSPIEGEL: Ist es sinnvoll, wenn ein Unternehmen Mitarbeitern strikt vorschreibt, ob und wie sie das Internet während der Arbeitszeit nutzen dürfen?

Gostomzyk: Die Bandbreite reicht vom völligen Verbot bis zur unbeschränkten Nutzung. Manche vertrauen bei allen Mitarbeitern auf eine freiwillige Selbstkontrolle, anderen gestatten nur bestimmten, ausgewählten Angestellten den Zugang zu sozialen Netzwerken. Das muss jedes Unternehmen für sich selbst entscheiden.

KarriereSPIEGEL: Umstritten ist das "Bewerber-Monitoring" - dürfen Arbeitgeber etwa bei Facebook persönliche Informationen über Bewerber und Mitarbeiter sammeln?

Gostomzyk: Ein Gesetzentwurf zur Änderung des Bundesdatenschutzgesetzes existiert bereits und soll mehr Klarheit bringen: Demnach dürfen Unternehmen nur berufsbezogene Daten in sozialen Netzwerken einholen, beispielsweise Angaben über Berufs- und Sprachkompetenzen. Darüber müssen sie aber ihre potenziellen Bewerber informieren, etwa durch einen Hinweis in der Stellenausschreibung. Dagegen soll eine heimliche Bewerber-Recherche nach dem Gesetzentwurf unzulässig sein, ebenso wie das Sammeln personenbezogener Daten wie Hobbys oder Geburtsort. Für soziale Netzwerke heißt das: Facebook wird meist privat genutzt und ist für Unternehmen als Recherchequelle für Personendaten eher tabu. Anders sieht es beim Netzwerk Xing aus, das in erster Linie der Darstellung beruflicher Qualifikationen dient.

  • Das Interview führte Andreas W. Voigt (Jahrgang 1972), freier Journalist in Berlin.

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