Englische Weihnachtsgrüße Santa Claus war ungezogen

Wie heißt Wichteln auf Englisch? Was sollen die altertümelnden Wörter auf britischen Weihnachtskarten? Und was hat es mit diesen peinlichen Christmas Jumpers auf sich? Sprachkolumnist Peter Littger wünscht: Happy Crimbo!

Weihnachten ist lustig: Christmas Jumpers sind bei den Briten verbreitet
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Weihnachten ist lustig: Christmas Jumpers sind bei den Briten verbreitet


Weihnachtszeit ist Weihnachtskartenzeit - ein Gesellschaftsspiel, das nirgendwo so beliebt ist wie in der englischsprachigen Welt. Bemerkenswert finde ich wie immer die Unterschiede zwischen Amerikanern und Briten. So verblüffen mich Karten aus den USA, die seltsam lang und ich-bezogen sind, weil der Absender unter prosaischen Anwandlungen versucht, das zurückliegende Jahr als persönliche Heldengeschichte nachzuerzählen.

Karten aus England fallen hingegen auf, weil sie sehr kurz sind und ohne "Ich" auskommen. Prince Charles verschickt seit Jahrzehnten den knappen Satz: "Wishing you a Happy Christmas and New Year". Bestimmt meint er "Happy New Year". Doch die radikale Verkürzung wirkt merkwürdig. Geradezu ironisch. Vielleicht sollte man Charles auch einmal wünschen, dass er noch das nächste Jahr erlebt - immerhin könnte er ja König werden.

Wem es zu langweilig ist, stets "Christmas" zu schreiben, der hat im Englischen einige Ausweichmöglichkeiten. Außer der gängigen Abkürzung "X-Mas" kann man auch altmodisch getragen von "Yuletide" sprechen. Oder man verkürzt das heilige Fest zu "Crimbo" und sagt: "Happy Crimbo!" Auch das ist gängig, obwohl es wirkt wie ein Ausdruck aus der sprachlichen Vorhölle - und es ist bestimmt kein Zufall, dass es klingt wie "limbo". Mit ausreichend Alkohol mag es funktionieren, auf einer Weihnachtskarte würde ich es vermeiden.

Have some merriment

Von den vielen lakonischen "Season's greetings", die ich dieses Jahr aus Großbritannien erhalten habe, stach die Version meiner lieben Kollegin Brit besonders hervor: "Wishing you all much joy and merriment over Christmas and a good start to the New Year!"

Merriment? Das war mir nie zuvor in einer Weihnachtskarte gewünscht worden. Laut "Oxford English Dictionary" hat "merriment" die Bedeutung von "gaiety and fun", also Fröhlichkeit und Freude, bis hin zu Ausgelassenheit und einem lustigen Remmidemmi. Many thanks, Brit! Es gibt kaum einen besseren englischen Begriff, um die heiteren Anstrengungen auf den Punkt zu bringen, die wir uns alle am Jahresende zumuten.

Deutscher Prinz Albert bringt Christbäume

Wenn ich nur an den Sack voll Spaß denke, den sich die Leute im großen Wichtelfieber herumreichen, um sich schon vor Weihnachten gegenseitig mit kleinen Geschenken näherzukommen - oder zu ärgern. Im Englischen hat das nichts mit Zwergen zu tun, wie wir als Deutsche annehmen mögen. Falls Sie also mit Ihren englischsprachigen Kollegen wichteln und bemerken, dass Sie mit Beschreibungen wie "christmas dwarfing" nicht weiterkommen, sagen Sie: "Let's play Secret Santa!"

Das Ganze ist demnach eine heimliche Aktion des Weihnachtsmanns, der im Englischen der "heilige Klaus" genannt wird: "Santa Claus". Und das, obwohl er der größte Scheinheilige ist, den ich kenne.

SPIEGEL JOB
Immer wieder höre ich, dass der rot-weiß gekleidete Weihnachtsmann von Coca-Cola in einer Werbekampagne im Jahr 1931 erfunden worden sei. Tatsächlich ist er ein europäischer Reimport, der seinen Ursprung im Heiligen Sankt Nikolaus hatte und der in Europa verschiedene Gestalten annahm, bevor er zu einer Art Superman für unsere Weihnachtsspäße wurde.

Auch der Weihnachtsbaum stammt aus unseren Breiten. Vermutlich würde er heute weder das Weiße Haus in Washington noch den Buckingham Palast in London schmücken, wenn nicht unzählige Auswanderer auch in der neuen Welt auf einen geschmückten Tannenbaum Wert gelegt hätten. Etwa auch Prinz Albert, der deutsche Mann von Königin Victoria, der vor ungefähr 160 Jahren den Christbaum auf die britischen Inseln brachte.

Zugleich kann der Tannenbaum bis heute für große deutsch-englische Sprachverwirrung sorgen. Etwa wenn Briten und Amerikaner glauben, das deutsche Wort "Tannenbaum" sei gleichbedeutend mit "Weihnachtsbaum", bloß weil "Oh Tannenbaum" auch zum englischen Standardrepertoire an Weihnachtsliedern zählt. Wir wiederum sind fest davon überzeugt, ein "Evergreen" wäre ein altbekanntes Lied, obwohl es im Englischen bloß ein Tannenbaum ist - an evergreen tree! Von einer bekannten Melodie spricht man hingegen als "popular melody" oder zu Weihnachten ganz einfach als "carol".

Zensierter Weihnachtsmann

Wer sich zur englischen Weihnacht bis zur Besinnungslosigkeit assimilieren möchte, sollte auch den irren Weihnachtsbrauch der "Christmas jumper" kennen: spezielle Pullover, die aussehen wie aus bestrickten Bettvorlegern geschneiderte Brustpanzer, die Angreifer schon durch ihre Motive abschrecken. Selbst beim besten Willen kann man sie nicht übersehen.

Auch meiner Tochter sind die "Christmas jumper" aufgefallen, als wir neulich durch London gingen. Mehrmals sagte sie: "Papa, hast du den schon wieder gesehen?" Mal amüsierte sie ein Jesus mit gelber Mütze und Luftballon, der selbst so einen "Christmas jumper" mit der Aufschrift "Birthday boy" trug. Mal wunderte sie sich über ein Rudel besoffener Hirsche, das umgeben war von gelbem Lametta (man sagt "tinsel") oder bunten Lichterketten ("fairy lights"). Ein anderes Mal lief ein nackter Engel auf uns zu, umgeben von roten Weihnachtssternen ("poinsettia") und grünen Kränzen ("wreath", mit einem I in der Mitte gesprochen).

Oder ein Weihnachtsmann, der "Ho ho ho" rief und seinen Mantel offen hängen hatte, die Beine nackt und vor dem Gemächt das Schild "censored". Dann begegneten wir seinem neunten Rentier Rudolph, das mit seiner roten Nase den Hintern eines Engels anstupste. Oder einer weihnachtlich gekleideten Domina, die den nackten Hintern des heiligen Klaus peitschte. In der Sprechblase stand: "Santa has been naughty - er war ungezogen."

Die weihnachtlichen "merriments" kennen keine Grenzen mehr, wenn man einmal die Grenze des guten Geschmacks hinter sich gelassen hat und man einen echten englischen Weihnachtspullover trägt - so wie übrigens auch Mesut Özil.

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Seite 1
tomkey 23.12.2015
1.
There stand's one yes the hair to mountains!
singpat 23.12.2015
2.
Oh, yes, sometimes zese Brits don't have all cups in the cupboard
kj.az 24.12.2015
3. there's one more..
bei Walmart in den USA gibt es ein aufblasbares, beleuchtetes 'outhouse', d.h. ein Aussenklo, mit Santa drin. Ungefaehr lebensgross, mit Tuer, die sich immer wieder oeffnet und schliesst und dem Heiligen ein froehliches "Ho Ho Ho" entlockt. Nur 79 Dollar !! Ich hab's NICHT gekauft !
widower+2 24.12.2015
4.
My dear mister singing club.
schlipsmuffel 24.12.2015
5. Peter Littger
is heavy on wire. But sometimes he has not all needles at the Tannenbaum.
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