Studie des Weltwirtschaftsforums "Arbeitnehmerrechte und Wettbewerbsfähigkeit sind kein Widerspruch"

Der Schutz von Beschäftigten hat bei Ökonomen keinen guten Ruf. Er sei schlecht für den Wettbewerb. Eine Wissenschaftlerin des Weltwirtschaftsforums erklärt, warum diese Annahme nicht mehr gilt.

Bauarbeiter auf einem Gerüst
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Bauarbeiter auf einem Gerüst


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    Die Ökonomin Silja Baller arbeitet beim Weltwirtschaftsforum in der Schweiz im Team Competitiveness.

SPIEGEL ONLINE: Frau Baller, Arbeitnehmerrechte gelten vielen Ökonomen als Wirtschaftsbremse. Das Weltwirtschaftsforum untersucht jährlich die Wettbewerbsfähigkeit von Volkswirtschaften weltweit und kommt nun zu einem anderen Schluss. Was haben Sie herausgefunden?

Baller: Die Daten in unserem Bericht zeigen erstmals, dass flexible Arbeitsmärkte und der Schutz von Arbeitnehmern kein Widerspruch sind: Einige der wettbewerbsfähigsten Länder der Welt, und da gehört Deutschland auf Platz fünf dazu, schaffen nach unserer Studie eine Balance zwischen Flexibilität und Arbeitnehmerrechten.

Es gibt zurzeit große Umwälzungen auf dem Arbeitsmarkt. Der Druck auf Arbeitnehmer durch neue Software, Maschinen, Fertigungsprozesse steigt stetig. Sie müssen in der Lage sein, in neue Arbeitsbereiche zu wechseln. Gut funktionierende, flexible Arbeitsmärkte helfen bei diesem Übergang. Deutschland steht vor der Herausforderung, Arbeitnehmer dabei angemessen zu schützen.

SPIEGEL ONLINE: Bei Singapur auf Platz 3 des Rankings und Hongkong auf Platz 6 dürfte es um die Arbeitnehmerrechte nicht so gut bestellt sein. Das heißt: Arbeitnehmerrechte sind auch keine Voraussetzung für wirtschaftlichen Erfolg?

Baller: Wir sagen lediglich, es ist kein Widerspruch zur Wettbewerbsfähigkeit. Doch genauso wichtig für den wirtschaftlichen Erfolg ist es, Wachstum so zu gestalten, dass alle davon profitieren. Arbeitnehmerrechte sind wichtig für den gesellschaftlichen Zusammenhalt. Natürlich sind Arbeitnehmer, die sich gut und fair behandelt fühlen, gut für jede Volkswirtschaft.

Wettbewerbsfähigkeit 2017/18

Rang Land Punktwert (1-7) Rang im Vorjahr
1 Schweiz 5,86 1
2 USA 5,85 3
3 Singapur 5,71 2
4 Niederlande 5,66 4
5 Deutschland 5,66 5
6 Hongkong SAR 5,53 9
7 Schweden 5,52 10
8 Großbritannien 5,51 6
9 Japan 5,50 7
10 Finnland 5,49 8

Quelle: The Global Competitiveness Report 2017-2018
(137 bewertete Staaten)

SPIEGEL ONLINE: Wie wirken sich Arbeitnehmerrechte auf die Wettbewerbsfähigkeit aus, sind zum Beispiel unbefristete Arbeitsplätze besonders gut für die Innovationskraft eines Landes?

Baller: Zu einzelnen Reformen können wir keine Aussage treffen. Wir berücksichtigen für unsere Analyse unter anderem Daten zu gewerkschaftlichem Organisationsgrad, Streikrecht oder Versammlungsfreiheit. Dafür greifen wir auf einen Index des Internationalen Gewerkschaftsbundes zurück, der Arbeitnehmerrechte sehr breit abdeckt. Generell geben wir mit unserem Bericht eine allgemeine Bestandsaufnahme. Schlussfolgerungen müssen auf nationaler Ebene diskutiert werden. Wir decken 137 Länder ab und sind uns bewusst, dass die Ausgangslage in jedem dieser Länder sehr unterschiedlich ist.



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Drscgk 28.09.2017
1. Schon allein die Trennung der Menschen im Kapitalismus
in Arbeitnehmer und Arbeitgeber ist ein unauflösbarer Widerspruch. Daran kranken alle Gesellschaftssysteme des Kapitalismus. Auch diejenigen Varianten des Kapitalismus mit einer verbal und real sozialen Komponente. Arbeitnehmerrechte und ihre ausdrückliche Formulierung sind lediglich ein Hilfskonstrukt, eine Krücke, für eine dringende Abmilderung des grundlegenden kapitalistischen Widerspruchs zwischen Kapital und Arbeit.
vitalik 28.09.2017
2.
Es gibt keine Trennung der Menschen per se, da jeder Arbeitnehmer auch ein Arbeitgeber sein kann. Es gibt eine juristische Trennung, damit die Interessen der jeweiligen Funktion gewahrt bleiben. Das ist eine Notwendigkeit, da die beiden Gruppen unterschiedliche Rechte, Pflichten und Ziele haben. In wie weit man diesen Umstand als "kranken des Systems" bezeichnen kann, kann ich nicht nachvollziehen. Übrigens gibt es diese Trennung für viele weitere Bereiche: Mieter/Vermieter, privat Käufer/Kaufmann usw. Dabei wird wieder nicht der Mensch behandelt, sondern die jeweilige zu dem Moment angenommene Funktion der Person. Oder sehen Sie sich in Ihrem Leben als Arbeitnehmer gebrandmarkt, wie ein Titel den man nicht ablegen kann?
archi47 28.09.2017
3. Gefahr für die Arbeitsplätze in der Fläche auf dem Land
geht vor allem von den Ausschreibungskriterien für Öffentliche Leistung aus. Diese werden inzwischen vornehmlich von großen Consultern in Ballungsräumen erstellt, die ganz andere Maßstäbe kennen, als das platte Land, dem die Ausschreibung gilt. Deshalb sind die Auslese- und Bewerbekriterien bei Ausschreibung nach VgV oder früher VOL i. d. R. auf Großbewerber zugeschnitten. KLeine regionale Anbieter, Neugründer fallen in der Bewertung schon aus diesen formalen Gründen durch. Das fördert eine Zentralisierung der Anbieter und eine Monopolisierung der Leister. Die Regionen selbst dünnen aus. Viele Leister sind dort nur als Sub- oder Subsubkräfte der großen Monopole tätig. Die Betrachtungsweise sich der Problematik über betriebsinterne Rechte, wie die Arbeitnehmerrechte zu nähern, greift zu kurz. Wer durch diese Vergabeform vom Unternehmer zu "Subunternehmer" wird, dabei Arbeitskräfte ausstellen muß und diese in Hartz4 landen, dem kommt diese Sicht doch recht akademisch vor, da er einfach nicht genügend Aufträge als Arbeitnehmer mehr generieren kann. Will man dort die gegenwärtigen Strukturen erhalten, oder gar wieder verbessern, dann müssen Ausschreibungen dort an die geringere Beschäftigenanzahl, an weniger Referenzfähigkeit angepasst werden. Hinzu kommt, dass die Öffentliche Hand in Ballungsräumen nicht die gleiche ProKopfstärke haben kann, als in den kleineren Gebietskörperschaften. Demzufolge werden in der Region viel weniger Aufträge nach Außen vergeben, was natürlich diesen Teufelskreis zur Zentralisierung und Monopolisierung hin verstärkt, wenn die Ausschreibungshürden nicht angemessen sind. Wenn sich die Entscheider dem nicht bewußt werden und dagegen arbeiten: Das Land blutet nicht nur personell aus, sondern verliert auch seine örtlichen Leistungsträger und damit KnowHow und Ausbildungsplätze. Ergo, alle drängen in die großen Städte, als Folge von Ausschreibungshürden, die auf dem Land nicht erfüllt werden können ...
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