Gefeuerte Top-Manager Aussortiert

Er verdiente 350.000 Euro im Jahr und war sich sicher: Gefeuert werden andere. Dann kam die Kündigung. Hier sind die Geschichten von ehemaligen Top-Managern - und wie sie den Neuanfang geschafft haben.

Wenn Top-Manager ihren Job verlieren, fallen sie besonders tief
Corbis

Wenn Top-Manager ihren Job verlieren, fallen sie besonders tief

Von Silvia Dahlkamp


Gab es Vorzeichen? Ja, es gab sie. Aber Siegfried Graf, 53 (Name geändert), hat sie nicht gesehen. "Wollte sie nicht sehen", sagt er heute. Dass irgendwann der Chef nicht mehr anrief, die Mittagessen einsilbiger verliefen, Kollegen ihn aus E-Mail-Verteilern nahmen. Selbst als er keine Einladung mehr zur Unternehmenskonferenz bekam, redete sich der Vorstand die Situation schön: Da hat halt jemand geschlampt.

Angst vor Kündigung? Undenkbar. Schließlich war Graf wer: Hatte sich in 28 Jahren vom Produktionsleiter zum Chef eines internationalen Chemiekonzerns mit einem Jahresgehalt von 350.000 Euro hochgearbeitet, fünf Verkäufe und zahlreiche Umstrukturierungen überlebt. So jemand wie er wirft andere raus und wird nicht rausgeworfen - dachte er. Das war im Jahr 2007.

Acht Jahre später ist Siegfried Graf einer von 21 gefallenen Helden, die der Wirtschaftspsychologe Jörg Bauer von der Kölner Hochschule Fresenius für eine Ministudie interviewt. Er will für seine Masterarbeit wissen: Was passiert, wenn Machtmenschen nach mehr als 21 Jahren im Beruf plötzlich ihre Macht verlieren? Ex-Vorstand Graf berichtet von einem tiefen Sturz. "Mein ganzes Leben hat sich geändert. Das hat unglaublich viel Kraft gekostet."

Erste Phase: Blitz und Absturz

Der Weg vom Jemand zum Niemand begann für den Manager an einem Freitag im Frühling. Er stand am Frankfurter Flughafen und hatte Magengrummeln. Die Personalabteilung hatte ihn in die Zentrale zitiert - mit einer E-Mail ohne Betreffzeile. Da war er das erste Mal stutzig geworden.

Wirtschaftspsychologe Bauer beschreibt diese Phase in seiner Arbeit mit "Blitz und Absturz": Der Manager ahnt, dass das Ende naht, und wartet auf das finale Gespräch.

"Mach dir keine Sorgen, du musst bald nie mehr arbeiten." Das waren die Worte des Personalschefs zu Graf. Ich bin doch erst 53 Jahre, das kommt auf keinen Fall infrage, dachte er - und sagte, was Profis in solch einer Situation eben sagen: "Ich nehme das zur Kenntnis und schalte meinen Anwalt ein." Drei Monate später kam die Kündigung, fristgerecht als Einschreiben mit Rückschein.

"Nimm es nicht persönlich", sagte sich Graf. Trotzdem konnte er das Öffnen des Briefes kaum ertragen. "Mir ging es verdammt dreckig." Am nächsten Tag fuhr er ein letztes Mal ins Büro: Laptop und Handy abgeben. Da kochte schon Wut hoch: Das ist also der Dank für all die Jahre? Noch vor drei Jahren hatte er hier Minister empfangen, und jetzt sollte er zu Hause hocken - abserviert. Graf schwor Rache.

Gefeuerte Top-Manager erzählen

"Es war wie ein 'Damoklesschwert, das herabstürzt (...), wie ein Fallbeil, knack' schlägt die Nachricht ein, trifft und es beginnt ein 'haltloser Fall'. "

"Der Absturz, der Aufprall und der elektrische Schlag setzen im ersten Moment alles außer Kraft."

"Sobald der Fisch aus dem Wasser ist, fängt er an zu riechen. Und jetzt bist du ja schon acht Monate ohne Job. Da fragen sich die Anderen: 'Warum hat den denn noch keiner weggefischt? Mit dem muss was nicht in Ordnung sein.' Ich hab zwar nichts gemerkt, aber die anderen bestimmt."

"Und am Anfang haben noch alle gefragt: 'Und, haben Sie schon eine Idee? Was wollen Sie jetzt eigentlich machen?' Und irgendwann heißt es: 'Ja wie lang sind Sie denn schon raus und wie lang suchen Sie denn schon?'"

"Ich hatte Angst, bis ans Lebensende da unten zu bleiben."

"Ich hatte das Gefühl, du findest einfach nix."

"Du hast gar keinen Dienstwagen, du hast keinen Beruf, du bist arbeitslos. (...) Und du hast ja auch sonst nichts: Du hast keine Ehefrau, kein Kind, was hast du eigentlich?"

"Ein alter Partner und erfahrener Personalberater hat zu mir gesagt: 'Seien Sie froh, wenn es beim hundertsten Mal klappt - vielleicht beim fünfzigsten Mal, weil Sie so ein ganz Toller sind.' (...) Es gibt halt doch immer einen, der noch besser passt."

"Hab im Privatflieger gesessen und fang jetzt wieder unten an. Das kann doch nicht sein. (...)"

"Das Vertrauen, das Sie in eine Organisation haben, das können Sie nie wieder aufbauen."

Zweite Phase: Die Ruhe vor dem Sturm

Nach dem Schock kommt die Verbitterung und die Überzeugung, dass alles gut werden wird. "Da hau ich zurück, ich werde es euch zeigen. In zwei Monaten bin ich eh an einer anderen Stelle. Das wird euch leidtun", erinnert sich ein anderer Top-Manager im Interview mit Wirtschaftspsychologe Bauer an die Zeit nach der Kündigung.

Drei Monate und zwei Güteverhandlungen später errang Graf tatsächlich einen Sieg: 30 Prozent mehr Abfindung. Glücklich war er trotzdem nicht. Die Jobsuche lief nicht so, wie er es sich vorgestellt hatte. Freunde hatten gesagt: In deiner Position, mit deinem Know-how werden die Arbeitgeber Schlange stehen vor dem Haus. Doch da waren keine Schlangen. Auch das Telefon schwieg.

"Wiedereinstiegsillusion", nennt Bauer diese Phase. Anders als einfache Angestellte seien Spitzenkräfte überzeugt, dass sie sofort eine neue vergleichbare Position erhalten, heißt es in seiner Masterarbeit: "Wenn das nicht klappt, fallen sie oft in ein tiefes Loch."

Dritte Phase: Der lange Regen

Für Graf war die Ruhe zu Hause unerträglich. Jeden Morgen um sieben klingelte der Wecker. Nach dem Frühstück ging er ins Arbeitszimmer: Bewerbungen schreiben, Netzwerke pflegen. Der E-Mail-Account war fast immer leer. Und wenn eine Nachricht kam, standen da die Worte: "Vielen Dank für Ihre Bewerbung, leider…." Nach der 40. Absage las Graf nur noch bis "leider", dann drückte er die Löschtaste. Die Gedanken konnte er damit nicht abschalten: "Was hast du falsch gemacht?!" Und: "Scheiße, wie hält man das bloß aus?" Vier Monate nach der Freistellung saß er abends auf dem Sofa und heulte.

Vierte Phase: Die Wolken brechen wieder auf

"Besonders Managern, die nur für ihren Job leben, fällt die Neuorientierung schwer", sagt Wirtschaftspsychologe Bauer. "Gerade noch der unbesiegbare Held einer Firma, jetzt nur noch einer unter vielen - das ist eine harte Auseinandersetzung mit sich selbst."

Freunde und Familie gaben Siegfried Graf Halt. Über einen alten Arbeitskollegen fand er schließlich einen Job als Interimsmanager in der Schweiz. Als der Vertrag nach 18 Monaten auslief, war er froh. "Ich hätte ohnehin nicht verlängert." Heute unterstützt er als Karriereberater Manager, denen es so geht wie einst ihm. Vermisst er Geld, Macht, das gesellschaftliche Leben? Er sagt: "Ich bin glücklich. Aber das Gefühl, aussortiert worden zu sein, wird wohl immer bleiben."

Mit diesem Gefühl ist er nicht allein: Von den 21 Managern, die Bauer für seine Arbeit interviewt hat, haben nur vier eine gleichwertige Position gefunden. Trotzdem sagen alle, dass sie heute mindestens gleich viel oder sogar mehr Lebensfreude empfinden.

  • KarriereSPIEGEL-Autorin Silvia Dahlkamp (Jahrgang 1967) arbeitet in einer Hamburger Redaktion und daneben als freie Journalistin.

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 143 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
hatshepsut 15.10.2015
1. Und wen interessiert das jetzt?
Mal ehrlich, wen interessieren irgendwelche "armen" Top Manager? Bis sie selbst gekickt wurden haben die doch alle ihre eigenen Mitarbeiter wie Sklaven behandelt, da ist einer wie der andere. Mitleid hab ich da absolut keins.
Eugenius4 15.10.2015
2. Schön
zu lesen, wie es den "Masters of the universe" geht, wenn sie mal einen ordentlich Schluck ihrer eigenen Medizin verpasst bekommen ... Mein Mitleid hält sich in sehr engen Grenzen. Gerade angesichts der viel zu hohen, ungerechtfertigten Abfindungen, die die Nieten in Nadelstreifen dann noch kassieren.
peeka(neu) 15.10.2015
3. Es helfen vielleicht zwei Dinge
Zum einen ist es sehr hilfreich, im Zweifel mit sehr wenig Geld auskommen zu können. Dann stellt sich die materielle Situation nach einer Kündigung als weniger dramatisch dar. Der zweite Punkt ist es, Selbstvertrauen aus sich selbst heraus zu schöpfen und sich nicht vom eigenen Beruf abhängig zu machen. In beiden Fällen helfen Selbstreflexion und hin und wieder Tests der eigenen Situation, also vielleicht Campingurlaub im eigenen Land zu machen und Freunde zu treffen, die einen nicht nach der ökonomischen Situation beurteilen.
grecco-el 15.10.2015
4. SPON die Märchentante!
Zitat von hatshepsutMal ehrlich, wen interessieren irgendwelche "armen" Top Manager? Bis sie selbst gekickt wurden haben die doch alle ihre eigenen Mitarbeiter wie Sklaven behandelt, da ist einer wie der andere. Mitleid hab ich da absolut keins.
Ich kann dem nur zustimmen. Denn ohne konkrete Namen, sind es alles nur Märchen!
Muddern 15.10.2015
5. Abgesehen davon…
… dass sich mein Mitleid mit so genannten "Top-Managern" in sehr engen Grenzen hält, so würde ich doch gern wissen, was ein "Einschreiben per Nachnahme" sein soll.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1

© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.